Waffenstillstände, Friedensverträge sind für viele hier in Deutschland nur weitere Nachrichten in ihrer News App. Informationen, die durchrauschen. Das Gefühl vor Ort: Einmal kurz durchatmen – bevor die nächste Eskalation folgt. Die Menschen in Beirut, ohnehin eine Stadt mit hohem Stresslevel, leiden unter dem steten Propellerlärm der israelischen Drohnen hoch über ihren Köpfen. Und die Bombardierung von Hisbollah-Akteuren durch das israelische Militär macht Angst. Angst, eine fehlgeleitete Rakete könnte Zivilisten töten.
Im Libanon spricht man vom „Schwarzen Mittwoch“, der 8. April: Nach den 100 Angriffen in zehn Minuten durch das israelische Militär, erreichte mich eine Sprachnachricht von Raffi Messerlian, einem Armenisch-Evangelischen Pfarrer aus Beirut: „Uns geht es okay, aber es waren heftige Angriffe. Ein sehr schlechter Tag für Beirut. Diese mal waren es viele Ziele, auch in Westbeirut unweit des Strandes. In der Nähe evangelischer Einrichtungen.“ Raketen sind gerade mal in einem Kilometer Entfernung von hier eingeschlagen.
Sorge um mentale Gesundheit
In Westbeirut befindet sich die NEST (Near East School of Theology). Evangelische Kirchen aus dem Libanon und Syrien schicken ihre Theologiestudierenden zur Ausbildung an dieses theologische Seminar. Gegründet wurde die NEST von amerikanischen Missionaren. Ein in brutalistischem Stil errichtetem Gebäude im Stadtteil Hamra im westlichen Beirut. Im Mai nehme ich Teil an einem Zoom-Meeting mit Theologieprofessoren und Studierenden der NEST.
„Wir sind nah genug dran, um noch weit genug weg zu sein“, so beschreibt einer der Professoren der NEST die Gegenwart in West Beirut. Und er fügt hinzu: „Wir spüren hier im Seminar, dass die Studierenden zwar körperlich anwesend sind, aber mental häufig abwesend. Alle versuchen so gut als möglich ihrem Alltag nachzugehen.“ Ein anderer Dozent der NEST ergänzt: „Der Schaden, den wir davontragen, ist nicht unbedingt körperlich, sondern psychisch – und er hinterlässt tiefe Spuren.“
Für eine Stadt wie Beirut mit einer fragilen Versorgungsstruktur, die gerade so die eigenen Bewohner erreichen kann, ist der Zustrom von rund einer Million geflüchteten Menschen eine Zumutung. Die evangelische Nationalkirche von Beirut kümmert sich, wo es geht. „Bis zu 300 Menschen schlafen dicht an dicht in einem Raum. Es ist sehr alarmierend, dass die geflüchteten Kinder viele Schulstunden verpassen. Die Kinder sitzen meist auf den Straßen herum … die Geflüchteten-Unterkünfte sind leider oftmals auch nicht ausreichend hygienisch“, wird über die Situation in manchen der Einrichtungen berichtet.
„Vor kurzem habe ich eine Frau auf der Straße angetroffen, die Obst verkauft. Es war eine Frau aus dem Süden des Landes. Und sie erzählte mir, dass sie es aus dem einzigen Grund tut, weil sie sich dadurch mit ihrem Land verbunden fühlt“, berichtete Linda Maktaby, eine evangelische Pfarrerin, die sich in der Geflüchtetenhilfe engagiert. Mit Skepsis werden die großteils schiitischen Geflüchteten in Beirut, aber auch im Chouf-Gebirge empfangen. Unter den Geflüchteten ist ebenfalls eine Minderheit an Christen aus dem Südlibanon.
Die Antwort auf die Krise muss aus dem Libanon kommen
Deutlich wird aus der Vielfalt der Stimmen, dass die libanesische Gesellschaft gespalten ist. Ob hinter vorgehaltener Hand oder ausgesprochen, ein nicht geringer Teil der Libanesinnen und Libanesen möchte, dass die iranische Besatzung des Libanon durch die Hisbollah ein Ende findet. Libanons Ministerpräsident Nawaf Salam fordert öffentlich die Entwaffnung der islamistischen Miliz.
„Vorsichtig optimistisch würde ich es nennen, aber das erste Mal seit Jahren findet die libanesische Gesellschaft den Mut Nein! zur Hisbollah zu sagen, ob daraus ein nationales Projekt erwächst, was vielleicht zu einer Stärkung von staatlichen Institutionen führt, wird die Zeit zeigen“, meldet sich einer der Teilnehmenden aus dem Zoom-Meeting zu Wort. „Es sind auch die Medien, die durch ihre tendenziöse Berichterstattung unser Land weiter spalten“, ergänzt eine weitere Teilnehmerin des Zoom-Meetings.
Für die westlichen Großmächte bleibt der Libanon geostrategisch allemal interessant. Seit etlichen Jahren bauen die Amerikaner an ihrer neuen Botschaft außerhalb Beiruts. Ein riesiger Gebäudekomplex. Nicht erst seit Präsident Trump oder Ex-Präsident Biden gibt es dieses Bauvorhaben.
„Diese neue amerikanische Botschaft zeigt uns, dass wir als Land wohl nicht verschwinden werden, sondern uns die Amerikaner noch irgendwie in der Zukunft brauchen werden.“, sagt, halb im Scherz, ein weiterer Theologieprofessor aus Beirut.
Und dann höre ich etwas Überraschendes:
„Anstatt nach innen zu schauen und darüber zu klagen, was uns alles fehlt, müssen wir nach außen schauen – in unsere Umgebung. Die Bedingungen, in denen sich der Libanon befindet, sollten für die Kirche der ‚modus operandi‘ sein. Diese Krise ist für uns eine Einladung zum Dienst am Nächsten – denn wir werden durch den Dienst am anderen an unserer Seele heiler, und diejenigen, denen wir dienen, sind froh, dass sie Hilfe erfahren“, war eine Antwort des Professors auf die Krise seines Landes.