PRO: Was war euer Antrieb, die Firma „Mehr-Budget“ zu gründen?
Tim Dyck: Nach dem Theologiestudium war ich als Pastor bei Dresden in einer Gemeindegründung aktiv. Weil wir da für viele Dinge Geld brauchten, habe ich mich mit Fördergeldern befasst. Später in Bonn habe ich mich in diesem Bereich weitergebildet. Nach der Ahrtal-Flut haben wir gemeinsam mit dem Hoffnungswerk einige Projekte umgesetzt. Dadurch sind Gemeinden und Werke auf uns aufmerksam geworden, haben um Unterstützung gebeten und wir haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.
Sascha Neudorf: Ich war zum Zeitpunkt der Ahrtal-Flut in der Region Pastor und dann Geschäftsführer des Hoffnungswerkes. So hatte ich zum ersten Mal mit Fördergeldern zu tun und erlebte, wie Stiftungen wirkungsvolle Projekte finanziell ermöglichen.
Was ist euer gemeinsames Ziel?
Neudorf: Wir wollen das Reich Gottes an dieser Stelle nach vorne bringen. Natürlich ist Geld nicht das Wichtigste. Aber es ist bei vielen guten Projekten ein limitierender Faktor. Als Pastoren haben wir ein Gespür für die finanziellen Herausforderungen der Gemeinden.
Was unterscheidet euch von euren Mitbewerbern?
Dyck: Wir schrecken auch vor größeren Anträgen nicht zurück und unterstützen den Projektträger von der Idee bis zur letzten Abrechnung mit dem Förderer. Im christlichen Bereich bieten das nicht viele an. Sie helfen beim klassischen Fundraising und der Spender-Ansprache, aber oft nicht im Fördermittel-Geschäft. Für mich ist das das eine Prozent, wo ich den größten Mehrwert für das Reich Gottes einbringen kann.
Beratet ihr auch nicht-christliche Organisationen?
Neudorf: Unser Herz schlägt für christliche Gemeinden und Werke. Wir genießen als Pastoren auch ein gewisses Vertrauen in dieser Zielgruppe. Natürlich sind wir auch offen für andere sinnvolle und realistische Anfragen.
Welche Chancen haben christliche Werke, Fördermittel und Ressourcen anzuzapfen?
Neudorf: Fördergelder gibt es immer dann, wenn Werke und Verbände neben den klassischen Gemeindethemen auch für gesellschaftliche Probleme Lösungen anbieten. Und das tun wir ja permanent, denn auf der Kinderfreizeit erzählen wir unseren Kindern und Jugendlichen ja nicht nur von Gott, sondern ermutigen sie auch Verantwortung zu übernehmen. Wir erziehen damit resiliente Menschen und vermitteln Kompetenzen für das Leben. Die Fördermöglichkeiten für alle Generationen und Zielgruppen sind vielfältig. Wir haben schon Fördergelder eingeworben für Schulungen und Dankefeste für ehrenamtlich Mitarbeitende, für Kinder- und Jugendfreizeiten, die Herstellung von Barrierefreiheit, für soziale Projekte wie Begegnungsräume, offene Jugendtreffs oder Angebote für Senioren, für Sportprojekte, für Gemeinde- und Vereinsküchen, Quartiersarbeit und auch Digitalisierung von Programmen und Werken.
Sind das politische Institutionen oder Stiftungen?
Neudorf: Die öffentliche Hand stellt jährlich 30 bis 40 Milliarden Euro zur Verfügung. Die etwa 27.000 Stiftungen in Deutschland schütten weitere drei Milliarden aus für ganz unterschiedliche Themen. Daneben gibt es Soziallotterien, die noch mal drei Milliarden Euro an Institutionen im sozialen Bereich ausschütten. Aber auch wenn etwa eine Fernsehgala Geld für bestimmte Zwecke sammelt, sprechen wir dabei von Fördertöpfen.
Es liegt also richtig viel Geld auf der Straße. Warum ist das Thema trotzdem so unbekannt?
Dyck: Da kommen mehrere Dinge zusammen. Viele Organisationen wissen oft nicht um die Möglichkeiten oder sind stolz, dass sie ihr Budget allein über Spenden finanzieren. Förderungen sind ja zweckgebunden und müssen auch umgesetzt oder anderenfalls zurückgezahlt werden. Manche Gemeinden befürchten, dass sich Förderer in ihre Arbeit einmischen oder dass sie ihren Glauben verstecken müssen.
Neudorf: Gemeinden müssen Geld investieren, um ihre Mitarbeiter dafür zu schulen. Das wollen und können christliche Werke oft nicht und finden deswegen nicht so leicht Experten. Vielen sind die Anträge zu kompliziert oder sie habe das Thema einfach nicht auf dem Schirm. Bei dem Thema sind die Landeskirchen durch Diakonie und Caritas deutlich weiter als Freikirchen und werben hohe Summen ein.
Wo liegen im christlichen Bereich die größten ungenutzten Potenziale?
Neudorf: Gemeinden haben es schwer, wenn sie zukünftig so arbeiten wollen wie die letzten 30 Jahre. Wir beraten gerade eine kleine Gemeinde. Sie haben eigentlich ein Budget von 70.000 Euro und möchten jetzt für eine Millionen Euro bauen. In der Diskussion ist ihnen bewusst geworden, dass sie sich ins Dorf öffnen müssen und bei ihren Angeboten an gesellschaftliche Themen wie Einsamkeit und psychische Gesundheit anknüpfen sollten. Wer das tut und den Menschen dient, hat gute Chancen für eine Förderung. Oft ist so ein Denken in jungen, dynamischen Gemeinden ausgeprägter.
Was war beim Hoffnungswerk für dich das größte Aha-Erlebnis in Bezug auf Fördermittel?
Neudorf: Wie groß die Hilfsbereitschaft von Privatpersonen und Stiftungen ist. Sie suchen nach vertrauenswürdigen Partnern, denen sie ihr Geld anvertrauen wollen. Da haben wir in unseren Gemeinden ein unfassbares ehrenamtliches Potenzial und können diese Rolle erfüllen.
Dyck: Mit Fördergeldern können wir unsere Gemeinden besser machen, denn sie zwingen uns, unsere Projekte langfristiger zu planen und von der Wirkung her zu denken. So können wir die Gesellschaft noch nachhaltiger verändern.
Christliche Werke sprechen oft von Gottes Versorgung, ihr von Budgets und Fördertöpfen. Ist das ein Widerspruch?
Neudorf: Ganz und gar nicht. Jesus fordert uns heraus, klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben zu sein. Wir spielen Vertrauen nicht gegen Gott aus. Wer sich um Fördermittel bewirbt, muss immer vertrauen und beten. Gute Anträge garantieren keine Förderung. Von daher müssen wir Gott vertrauen. Aber er fordert uns auch auf, gute Haushalter zu sein. Es wäre fahrlässig, hier nichts zu investieren.
Inwiefern verändert sich der Fördermarkt aufgrund politischer Prioritäten gerade?
Dyck: Der Staat möchte mit seinen Fördergeldern dazu ermutigen, innovativ zu sein, daher werden in der Regel nur neue Projekte gefördert. Während der Flüchtlingswelle wurde viel Geld in Integration investiert, nun gibt es neue Herausforderungen wie KI und psychische Gesundheit. Gesellschaftliche Themen werden aus politischer Perspektive auch unterschiedlich gewichtet. Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit und damit auch der Gelder gefährdet Institutionen, die sich hauptsächlich aus Fördergeldern finanzieren. Da kann man aktuell einen Aufschrei der betroffenen Organisationen wahrnehmen. Aber auch Spendeneinnahmen gehen bei den meisten Institutionen kontinuierlich zurück. Deshalb bringt ein solider Finanzierungsmix Stabilität.
Wird die staatliche Förderung in Zukunft stabil bleiben?
Neudorf: Die Politik beauftragt ja Akteure, staatliche Aufgaben zu übernehmen und zu ergänzen. Das können Schulen, Kindergärten oder Angebote für Senioren sein. Da wird der Staat weiterhin Gelder in seinem Sinne ausschütten. Christliche Werke und Gemeinden können sich hier einbringen und mit dem Staat zusammenarbeiten. Natürlich werden diese Mittel weniger, wenn der Staat weniger Steuern einnimmt. Aber es wird immer noch sehr viel Geld für gute, gesellschaftsrelevante Themen ausgeschüttet.
Vielen Dank für das Gespräch.
Was sind Fördergelder
Fördermittel sind zweckgebundene Gelder von Staat, Stiftungen, Lotterien oder Fonds. Sie unterstützen Projekte, die gesellschaftlichen Nutzen schaffen: etwa Ehrenamt, Kinder- und Jugendarbeit, Barrierefreiheit, Begegnungsräume, Seniorenangebote, Digitalisierung, Sport, Quartiersarbeit oder soziale Innovation. Wichtig sind ein klarer Zweck, gute Planung, Wirkung und korrekte Abrechnung.