Gotteslob im Digitalen

Was haben eine Nonne und ein Mönch auf der „Republica“ zu suchen? Ganz klar: Sie loben Gott! Über eine besondere Begegnung auf der größten Netzkonferenz.
Von Anna Lutz

„Halleluja! Jesus liebt dich!“ Einen Input mit diesem Titel haben wohl die wenigsten auf der Netzkonferenz „Republica“ erwartet. Und ebensowenig die beiden Referenten: Schwester Josefine Schwitalla und Mönch Bruder Lukas Boving, beide Benediktiner, aber aus verschiedenen Klöstern. 

Ein wenig verrückt wirkt es schon, wie sie da vor ihrem Talk stehen, inmitten der Netzaktivisten und eher linskpolitisch geprägten Standardgäste der jährlich wiederkehrenden Konferenz in Berlin rund um alles Digitale. Zwischen den hippen Mitt-20- bis Mitt-40-Jährigen in gemusterten Hemden, Jeans, Chucks und Rucksack, die Haare mal bunt, mal nicht, wirken die beiden fast wie ein Fremdkörper in ihren schwarzen Soutanen. Aber nur fast, denn auch das ist Gesetz: Auf der „Republica“ gibt es fast alles. Auch Muslime, Christen, sogar Ordensleute.

Millionen erreicht

Nun sind Schwester Josefine und Bruder Lukas natürlich nicht irgendwelche Ordensleute. Sonst wären sie nicht als Speaker geladen. Beide bedienen eine Sphäre, die die wenigsten als mit dem Klosterleben kompatibel betrachten würden: Tiktok, Youtube, Instagram. Die Nonne und der Mönch bespielen das Netz erfolgreich, erreichen dort Millionen. 

Sie ist eher auf Tiktok unterwegs, erklärt in Videos, mit welchen Vorurteilen gegenüber Nonnen sie gerne aufräumen möchte („Gibt es euch eigentlich wirklich außerhalb von Horrorfilmen?“ oder „Schlaft ihr in Särgen?“). Er hat seinen eigenen Podcast mit dem Titel „Mönch, ärgere dich nicht“ und machte zuletzt auf Instagram von sich reden, als er in der „Te Deum-Challenge“ Politiker dazu aufforderte „Großer Gott, wir loben dich“ zu singen und Videos davon ins Netz zu stellen. Mitgemacht haben Julia Klöckner oder Katrin Göring-Eckardt. 

Foto: PRO/Anna Lutz
Bruder Lukas und Schwester Johanna im Gespräch mit „Republica“-Besuchern

Vor seinem Mönchsleben war Bruder Lukas in der Werbung tätig. „Jetzt bringe ich die beste Botschaft der Welt an den Mann: Jesus liebt dich“, sagt er heute vor den Zuhörern, die auf kirchentagstauglichen Kisten Platz genommen haben oder in gemütlichen Sitzkissen auf dem Boden lümmeln. Früher sei die Kirche durch große Kirchtürme sichtbar gewesen, heute müsse sie die Menschen auf Social Media authentisch erreichen, ist er überzeugt.

Authentisch und echt, das ist ihm wichtig. Die wahre Währung im Netz. Und als an einer Stelle im Gespräch das Headset versagt, merkt man ihm an, dass Mikro und Headphones derweil ebenso zu seinem echten Alltag gehören wie Bibel und Kreuz. „Batterie leer“, stellt er fachmännisch fest und fummelt sich die Earplugs schnell selbst wieder in die Ohren, nachdem er ein Ersatzgerät mit dem Kabel verbunden hat. Im Netz zu sein, das sei für ihn Arbeit, ganz klar. Aber eine, die er derweil professionell beherrscht, das kann man sehen. 

Ein wenig anders ist es bei Schwester Josefine. Eher zufällig sei sie ins Thema gestolpert, nachdem das Bistum sie gebeten habe, mal ein Video aufzunehmen, und das direkt zwei Millionen Menschen erreichte. „Die Resonanz war so groß, wir konnten nicht einfach wieder aufhören.“ Heute hat ihr erfolgreichstes Video über 3,5 Millionen Klicks. Woher die Faszination der Digitalwelt für Klosterbewohner? „Man lernt ganz viel über die Gemeinschaft“, erklärt sie das. Und man begegne Menschen im Kloster, die man sonst nicht treffe. 

Taufen und volle Gästebetten

Doch die Beziehung scheint alles andere als einseitig zu sein. Sie erreichten häufiger Bitten um Gebet und Menschen teilten Erlebnisse mit ihr, sagt die Nonne. Und: Seit sie so erfolgreich auf Tiktok unterwegs ist, habe sich auch der ganz analoge Gästebereich ihres Klosters gefüllt. Besonders junge Menschen unter 35 kämen durch ihre Videos als Gäste ins Kloster. Ähnliche Erfahrungen macht Bruder Lukas: Aus seinen Onlinekontakten seien sogar schon Taufen entstanden. „Das gelingt nicht immer, aber manchmal dann doch ganz tief.“

So offen wie die „Republica“ den Geistlichen begegnet, so kritisch zeigt er sich gegenüber bestimmten Bewegungen in der eigenen Kirche und in der christlichen Welt. Bruder Lukas etwa kritisiert eine „rechtsgerichtete interne Kirchenbubble“, die oft mit Hasskommentaren darauf reagiere, wenn er Themen wie LGBTQI oder Frauenpriestertum thematisiere. Er selbst sehe sich keinesfalls als „Christfluencer“, auch wenn er im Netz von Jesus erzähle, finde sie sogar „gefährlich“. Als Beispiele nennt er Player wie den „Ketzer der Neuzeit“ oder Jana Highholder. Sie verbreiteten eine exklusive Botschaft vom Glauben, so als sei er nur denen zugänglich, die sich richtig verhielten. Er hingegen wolle von der Weite des Evangeliums erzählen.

Kirchenpolitisch geben beide sich aber betont zurückhaltend. Sie warb für starke Frauen in der Kirche, erklärte aber, sich selbst nicht feministisch einzusetzen, etwa für die Frauenordination in der katholischen Kirche: „Für mich spielt es keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau am Altar steht“, begründet sie das. 

„Die Kirche retten kann ich nicht“

Er verwehrte sich dagegen, Kirchenpolitik zu betreiben. „Die Kirche retten kann ich nicht, das ist nicht meine Aufgabe.“ Er wolle einfach nur sagen: Gott liebt dich. Es sei ein Spagat, im Netz als Glaubensmensch unterwegs zu sein, einerseits Trends mitzumachen, andererseits aber eine wahre und ernst gemeinte Botschaft zu verkündigen. Und mit beidem Reichweite zu erzielen. „Der Mix machts aus“, fasst er zusammen. So wie in seinem Leben: „Wenn ich das Gegengewicht mit den regelmäßigen Gebets- und Schweigezeiten nicht hätte, könnte ich die Lautstärke im Netz gar nicht aushalten.“

Es ist nicht das einzige Mal, dass in dieser einstündigen Veranstaltung die Rede aufs Gebet kommt. Auf einem Bildschirm hinter den beiden ist ein QR-Code zu sehen. Wer ihn scannt, kann digital Gebetsanliegen an die beiden senden. Und auch nach der Veranstaltung, so erklären sie, stünden sie noch bereit für Fragen oder alles weitere. 

So viel Christliches war selten auf der „Republica“ und damit das Ganze dann am Ende doch nicht zu fromm rüberkommt, betonen die beiden ihr Ziel für den Tag: „Heute Abend wollen wir Döner essen gehen.“ Das erscheint ebenso authentisch wie die Sätze, die sie sich zusprechen, als die Mikros schon aus sein sollten. Sie sind dennoch hörbar. „Gelobt sei Jesus Christus“, sagt er. „In Ewigkeit. Amen“, antwortet sie. 

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