Analyse

PRO erklärt die Organspende-Debatte

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages diskutieren über Organspende. Warum steht das Thema jetzt wieder auf der Tagesordnung? Kommt ein neues Gesetz? Und wann? PRO klärt die wichtigsten Fragen.
Von Anna Lutz

Einmal mehr diskutieren Deutschlands Politiker, Interessenverbände und Bürger über ein ethisch hochsensibles Thema: Organspende. Seit im Jahr 1997 mit dem Transplantationsgesetz der Grundstein für eine Regelung gelegt wurde, gab es zahlreiche Debatten und Reformansätze im Deutschen Bundestag. So wie jetzt wieder. 

Worum geht es?

In Deutschland gilt derzeit die sogenannte Entscheidungslösung bei der Organspende nach dem Tod. Jeder Bürger über 18 Jahren soll demnach zu Lebzeiten selbst festlegen, was nach seinem Tod mit seinen Organen geschehen soll. Die zuständigen Stellen wie etwa Krankenkassen sind dazu aufgerufen, ihn darüber zu informieren und seinen Willen festzuhalten.

Doch das Defizit an Spendeorganen ist gravierend. Ende März 2026 warteten in Deutschland knapp 8.000 Menschen auf ein lebenswichtiges Spenderorgan. Im Jahr 2025 standen dem 985 postmortale Spender und etwa 3.000 tatsächlich transplantierte Organen gegenüber. Rund 750 Organe wurden zudem von lebenden Spendern abgegeben. Es werden also im Schnitt mehr als doppelt so viele Organe gebraucht wie gespendet. Deshalb flammt die Debatte um neue Regelungswege bei der Organspende immer wieder auf. 

Was wurde zuletzt entschieden?

Im Jahr 2020 gab es die letzte Abstimmung zum Thema im Deutschen Bundestag. Abgeordnete um den heutigen Unionsfraktionschef Jens Spahn hatten eine sogenannte Widerspruchslösung zur Abstimmung gestellt. Im Zentrum stand die Änderung, dass jeder, der sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich ablehnt, Organe spenden zu wollen, nach seinem Tod automatisch als Spender in Betracht gezogen werden kann. Das lehnte der Bundestag mit 379 zu 292 Stimmen ab.

432 Abgeordnete votierten dagegen für eine Entscheidungslösung, ergänzt durch ein zentrales Online-Register für Spendewillige. Die Regelung ergänzt die bisher geltende sogenannte „Erweiterte Zustimmungslösung“, bei der im Zweifel, also wenn keine überlieferte Entscheidung des Verstorbenen vorliegt, die Angehörigen darüber entscheiden sollen. Entscheidungslösung heißt sie, weil Krankenkassen und andere Stellen ungefragt Hilfen zur Entscheidung liefern sollen, also Informationsmaterial.

Was steht nun zur Debatte?

Derzeit wollen Abgeordnete verschiedener Fraktionen erneut eine Widerspruchslösung einführen. Andere plädieren weiterhin für eine Entscheidungs- bzw. Zustimmungslösung. Es liegen zwei Gesetzesentwürfe vor. Eine Gruppe um Gitta Connemann (CDU), Sabine Dittmar (SPD) und Armin Grau (Grüne) schlägt vor, volljährige und einwilligungsfähige Menschen zu Spendern zu erklären, wenn sie zu Lebzeiten keinen Widerspruch erklärt haben. Bei Minderjährigen sollen die Angehörigen entscheiden und bei nicht einwilligungsfähigen Menschen sollen keine Organe entnommen werden, wenn sie zu einem früheren Zeitpunkt, zu dem sie einwilligungsfähig waren, keine anderslautende Erklärung abgegeben haben. 

Eine weitere Parlamentariergruppe um Michael Brand (CDU), Lars Castellucci (SPD), Ates Gürpinar (Linke) und Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) findet, das greife in Grundrechte ein, und plädiert stattdessen für die alte Regelung, ergänzt etwa um bessere Aufklärung und ein zugänglicheres Organspende-Register.

Wann und wie wird abgestimmt?

Bereits 2024 war ein Gesetzesentwurf zur Widerspruchslösung im Bundestag und wurde nach einer ersten Debatte im Plenum sogar schon vor dem Gesundheitsausschuss von Experten besprochen. Doch die Neuwahl kam, bevor der Entwurf verabschiedet werden konnte. Mit dem Regierungswechsel muss das Verfahren neu aufgerollt werden. Nach Informatienen aus den entsprechenden Abgeordnetenbüros soll es eine erneute Orientierungsdebatte zum Thema im Bundestag geben und das Verfahren inklusive Gesetzeslesungen beginnt von vorne. Mit einer Abstimmung dazu ist also erst nach der Sommerpause zu rechnen. 

Welche Chancen hat die Widerspruchslösung?

Das ist schwer zu sagen. Bisher scheiterte sie im parlamentarischen Prozess, doch der Bundestag setzt sich heute anders zusammen und die Abstimmung erfolgt wohl erneut ohne den sogenannten Fraktionszwang, also nicht einheitlich nach Fraktionen. Entsprechend sind die Mehrheitsverhältnisse kaum einzuschätzen. Mitnichten ist es so, dass Konservative hier eher für den konservativen Entwurf, also die Zustimmungslösung votieren, wie man vielleicht annehmen könnte. Das Abstimmungsverhalten ist kaum an Parteigrenzen festzumachen. Bereits bei der Abstimmung im Jahr 2020 waren die Stimmen auf beiden Seiten recht ausgeglichen. Es könnte also spannend werden. 

Was sagen die Kirchen?

Die beiden großen Kirchen haben sich zuletzt im Januar 2025 gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen. Zwar ermutigen sie explizit dazu, sich nach dem Tod als Organspender zur Verfügung zu stellen. Ohne ausdrücklichen Widerspruch aber eine Zustimmung zu unterstellen, halte man aus ethischen, theologischen und auch rechtlichen Gründen für problematisch. „Menschen haben unterschiedliche Gründe, sich nicht mit dem Thema Organspende zu befassen: Fehlendes Wissen, sprachliche Hürden, kein digitaler Zugang, persönliche Scheu“, sagte etwa die politische Bevollmächtigte der evangelischen Kirche, Anne Gidion damals vor dem Gesundheitsausschuss.

Die Bundesärztekammer sprach sich damals hingegen für eine Neuregelung mit Widerspruchslösung aus. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Mediziner erklärte Ende 2025, Organspende sei mit dem christlichen Glauben vereinbar, ja könne sogar als „Ausdruck christlicher Nächstenliebe“ verstanden werden. 

Wie ist die Organspende in anderen Staaten geregelt?

Die Widerspruchslösung ist in Europa am weitesten verbreitet, etwa in Österreich, Spanien, Frankreich oder Italien. Die Entscheidungslösung gibt es in Deutschland, Rumänien, Litauen oder Griechenland, aber auch in den USA. Spanien hat weltweit und im Verhältnis zur Einwohnerzahl die höchsten Organspenderzahlen, gefolgt von den USA, die trotz der Zustimmungslösung hohe Zahlen an registrierten Spenden aufweisen. 

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen