Weniger religiöse Erziehung führt zu mehr Angststörungen

Überall, wo Religiosität in der Erziehung ihre Bedeutung verliert, nehmen Angststörungen unter Kindern und Jugendlichen zu. Das fanden Forscher der Ruhr-Universität Bochum heraus. Religion könne die Seele schützen.
Von Jörn Schumacher
Kind betet

In der Kindererziehung gelten heute andere Werte als früher, stellen Wissenschaftler des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität Bochum fest. Besonders die Religiosität sei im Niedergang. Das habe Folgen: Angststörungen nehmen weltweit zu.

Die Forscher analysierten drei öffentliche Datensätze aus der Zeit zwischen 1989 und 2022 aus 70 Ländern auf allen Kontinenten. Die Datensätze enthielten Daten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen. Ebenso flossen Daten des „World Values Survey“ in die Untersuchung ein. Dahinter verbirgt sich ein globales Netzwerk von Sozialwissenschaftlern, das den Wandel von kulturellen Werten und deren Auswirkungen auf das politische und soziale Leben untersucht.

Ihr Fazit: „In Zeiten, in denen Religion weltweit an Bedeutung verliert, leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter psychischen Problemen.“ Religiöser Glaube könne hier ein entscheidender Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sein. „Eine stärkere Betonung des religiösen Glaubens ging einher mit einer niedrigeren Inzidenzrate von Angststörungen“, lautet eine Erkenntnis der Untersuchung. „Ein stärkerer Fokus auf Toleranz und Respekt gegenüber anderen Menschen war mit einer höheren Inzidenzrate von Angststörungen verbunden.“ Ihre Ergebnisse haben die Forscher haben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Developmental Science“ veröffentlicht.

Früher hätten Werte wie Gehorsamkeit in der Erziehung in westlichen Ländern eine größere Rolle gespielt als heute. Die Wissenschaftler führen den christlichen Berater James Dobson als Beispiel an, der besonders in den 1980er-Jahren mit seiner strengen Erziehungsmethode zur Förderung von Gehorsam und Fügsamkeit großen Erfolg hatte. Der 2025 verstorbene Dobson war ein gläubiger Psychologe, der unter anderem in evangelikalen Medien Rat in Sachen Erziehung gab.

Heute gelte es eher als wichtig, den Kindern Eigenständigkeit und Individualität zu vermitteln. Dieser Perspektivwechsel könne durchaus die Entstehung von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen begünstigen.

„Gefühl der Hoffnung und des Sinns“

Über alle Kontinente hinweg sei insbesondere eine Abnahme der Religiosität in der Erziehung der entscheidende Risikofaktor für Angststörungen, sagt Leonard Kulisch, Kinder- und Jugendpsychologe und Hauptautor der Studie. Er sieht einen Grund darin, dass Religiosität „das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke, erklärt Kulisch. Denn ein soziales Gefüge sei eine Grundvoraussetzung für die psychische Gesundheit von Kindern. Er fügt hinzu: „Familien sind einsamer, verfügen über ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und Routinen im Alltag fallen weg.“

Eine religiöse Sozialisation könne „ein persönliches Gefühl der Hoffnung und des Sinns im Leben fördern und gleichzeitig prosoziale, gemeinschaftsorientierte Einstellungen und Verhaltensweisen während der Kindheit und Jugend stärken“. Außerdem könnten Erzählungen, die Vergebung, Liebe und Selbstwert in den Mittelpunkt stellen, die Selbstakzeptanz stärken.

Werte wie Individualität und Eigenständigkeit seien in den bestehenden Wirtschaftssystemen zwar sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern, konstatiert der Forscher. „Doch in westlichen Ländern hat die Ausprägung dieser Werte das gesunde Maß überschritten.“

Laut der Hypothese des „kulturellen Betrugs“ nach dem australischen Forscher Richard Eckersley geht der kulturelle Wandel hin zu einer stärkeren Unabhängigkeit in der Gesellschaft mit negativen Folgen für die physische und psychische Gesundheit der Bevölkerung einher. Diese Werte dienten zwar langfristig der Wirtschaft, doch sie befriedigten weder psychologische noch soziale Bedürfnisse des Menschen.

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen