Filmkritik

„The Choral“: Heilige Chormusik in unheiligen Zeiten

Mitten im Ersten Weltkrieg versucht ein Dorf, ein Oratorium aufzuführen. Der Krieg zerstört nicht nur die Familien, sondern auch fast das musikalische Vorhaben. Der Spielfilm „The Choral“ mit Ralph Fiennes ist vor kurzem auf Netflix gestartet.
Von Jörn Schumacher
Ralph Fiennes lauscht einer schwarzen Sängerin beim Vorsingen im Film „The Choral“

Ursprünglich sollte der Spielfilm „The Choral“ ins Kino kommen, doch stattdessen ist er nun als Stream bei Netflix zu sehen. In der Hauptrolle als Chorleiter ist der zweifach Oscar-nominierte Ralph Fiennes („Konklave“, „Schindlers Liste“) zu sehen. Der Film über einen Chor in einer englischen Kleinstadt, der die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach aufführen will und dabei mit Widrigkeiten zu kämpfen hat, streift auch immer wieder Fragen des Glaubens.

Die Handlung spielt im Jahr 1916 in der fiktiven Stadt Ramsden in Yorkshire, England. Der Erste Weltkrieg fordert seinen Tribut, immer mehr Männer fehlen in der Stadt. Die Abendschule musste schon schließen, weil es keine Lehrer mehr gibt, und auch der Chor hat bereits die meisten seiner Männer an die Armee verloren. Nun will auch noch der Chorleiter in den Krieg ziehen, aus patriotischem Pflichtgefühl. Daher muss ein neuer gefunden werden.

Die Chorleitung gewinnt mit Dr. Henry Guthrie (Fiennes) einen renommierten Dirigenten. Doch den umgibt eine geheimnisvolle Aura, manche sagen sogar, er sei ein deutscher Kollaborateur. Denn Guthrie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, weil es dort angeblich die besseren Chöre gibt. Er verehrt Bach und viele andere deutsche Komponisten. Doch die Zeit, in der er Kirchenchöre geleitet hat, ist eigentlich vorbei. Die Kirche zahlt – wer hätte es gedacht – zu wenig Geld. „Einen Verräter“ nennen ihn manche, Atheist ist er angeblich auch noch.

Elgar statt Bach

Aber darf ein Atheist die Matthäuspassion überhaupt dirigieren? Mozarts Requiem soll Guthrie jedenfalls ganz fantastisch aufgeführt haben. Weil der Chor viel zu klein ist, müssen zunächst Sänger rekrutiert werden – an gar nicht heiligen Orten, im Pub, im Krankenhaus, in der Bäckerei. Schließlich steht die Frage im Raum: Wie heilig muss man selbst eigentlich sein, wenn man ein christliches Stück aufführen will?

Guthrie will zunächst den Bach-Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ testweise mit dem Chor anstimmen. Doch ein Ziegelstein mit der Aufschrift „Hun muck“ („Hunnen-Schmutz“) wird durch das Fenster des Vorsingraums geworfen. Damit richtet sich der Protest offenbar gegen die Aufführung von Bachs Matthäuspassion. Die Folge: Die Chor-Leitung sucht nach einem anderen Komponisten, dessen Werk man aufführen kann. Beethoven zum Beispiel. Aber der war auch Deutscher! Händel – den viele Briten für einen der ihren halten, scheidet ebenfalls aus. Daraufhin schlägt Guthrie Edward Elgar vor und dessen geistliches Werk „The Dream of Gerontius“ („Der Traum des Gerontius“). Dieses 1900 uraufgeführte Oratorium zählt zu den wichtigsten Werken des englischen Komponisten und genießt insbesondere in seiner Heimat große Popularität. Elgar ist Katholik, das Werk handelt vom Fegefeuer, also wird es als einigermaßen passender Ersatz angenommen.

Kein Fegefeuer in der Anglikanischen Kirche

Der Autor, der für den Text des Stücks verantwortlich ist, war John Henry Newman, römisch-katholischer Kardinal. Der anglikanische Pastor, der selbst im Chor mitsingt, äußert seine Schwierigkeiten mit dem theologischen Hintergrund des Stückes. „Die Anglikanische Kirche sagt eindeutig: So etwas wie das Fegefeuer gibt es nicht!“ Im Stück geht es um eine Seele nach Verlassen des toten Körpers. Gemäß den Lehren der katholischen Kirche gelangt sie durch verschiedene Regionen des Jenseits, auch am Fegefeuer vorbei, geleitet von einem Schutzengel, um zuletzt die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Der erste Teil schildert die Todesstunde des alten Mannes namens Gerontius. Umgeben ist er von seinen Freunden, die ein Kyrie anstimmen und für die Errettung seiner Seele beten. Unterstützt werden sie von einem Priester (Bass), der feierlich den letzten Segen spendet.

In „The Choral“ spielen theologische Fragen eine Rolle; dies wird immer wieder über Mary thematisiert, die in der Heilsarmee tätig ist. Auch wenn ihr ein junger Sänger schöne Augen macht, verweigert sie den Sex vor der Ehe. Mehrmals bleibt der Film in Fragen des Glaubens aber an der Oberfläche.

Eine andere große Rolle spielt hier der Krieg, der die Familien zerstört und schließlich auch zum Hauptthema des neu interpretierten Oratoriums gemacht wird. Für die Menschen des Ortes ist der Tod sogar noch gegenwärtiger als für die Figur des Gerontius. Ein Geistlicher ruft den Soldaten, die ihren Heimatort in Richtung Front verlassen, die zweifelhafte Aufmunterung zu: „An Weihnachten seid ihr wieder zu Hause!“ Als die Nachricht in die Chorstunde platzt, dass ein deutsches Schiff mit 800 Menschen an Bord versenkt wurde, stimmt der Chor freudig die britische Hymne an. Vielleicht singen sie sie sogar noch inbrünstiger als das Oratorium Elgars? Als auch der kaum entbehrliche Chor-Pianist zum Kriegsdienst eingezogen wird, will er den Dienst verweigern, auch auf die Gefahr hin, dafür ins Gefängnis zu müssen. Bei seiner Anhörung vor einer Kommission zeigt er sich überzeugt: „Krieg ist nicht Teil von Gottes Plan!“ Das sieht der Geistliche in der Anhörung anders: „Ich bin Domherr der Kathedrale von Ripon. Also bin ich vertrauter mit dem Geist Gottes als Sie. Krieg war sehr wohl immer ein Teil von Gottes Plan.“

„The Choral“ ist humorvoll und zugleich tiefgründig. Die Chance, tiefer auf Fragen des Glaubens einzugehen, nimmt er oft nicht wahr. Möglicherweise aus einer kritisch-distanzierten Haltung gegenüber der Kirche heraus. Insgesamt ist es jedoch ein unterhaltsamer, sehenswerter Streifen, nicht zuletzt weil er der Frage nachgeht, wie heilig eigentlich die Aufführenden eines Stücks sein müssen, das selbst heilig sein will.

„The Choral“, Spielfilm, 112 Minuten, Regie: Nicholas Hytner, Netflix

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