Kolumne

Jacquelle – wie Sparen hilft, Armut zu überwinden

Spargruppen helfen Menschen in in der Zentralafrikanischen Republik, auf eigenen Beinen zu stehen. Jaquelle ist eine von ihnen, die dadurch ein kleines Unternehmen aufbauen konnte. Uwe Heimowski
Eine Kolumne von Uwe Heimowski
Jacquelle aus der Zentralafrikanischen Republik

„Ich wurde in Batalimo geboren. Meine Eltern kümmerten sich um mich, sorgten für mich und bezahlten meine Schulbildung. Aber dann musste ich die Schule im dritten Jahr der Oberstufe abbrechen, weil meine Eltern kein Geld mehr hatten, um mich weiter zu unterstützen. Deshalb hörte ich mit der Schule auf und half meinen Eltern bei der Feldarbeit. Ich heiratete, weil es mir unmöglich war, meine Ausbildung fortzusetzen.“

Jacquelle ist 29 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern und lebt in Batalimo in der Zentralfrikanischen Republik (ZAR), etwa 137 km von der Hauptstadt Bagui entfernt. Wir – ein Team von Tearfund Deutschland – treffen sie bei einem Projektbesuch in der ZAR.

1960 ist die Kolonie von Frankreich, der Kolonialmacht, in die Unabhängigkeit entlassen worden. Seit 2012/2013 wird das Land von einem anhaltenden Bürgerkrieg erschüttert, was zu massiven Vertreibungen und einer schweren humanitären Krise führte. Zeitweise waren über eine halbe Million Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht.  Trotz ihrer reichen natürlichen Ressourcen – darunter Diamanten, Gold und Uran – zählt die ZAR heute zu den ärmsten Ländern der Welt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.

Batalimo liegt in einer ländlichen, bewaldeten Region. Die Bevölkerung lebt überwiegend von Landwirtschaft, Viehzucht, dem Sammeln von Kräutern und Früchten oder Holz und vom Handel. Herausforderungen bestehen vor allem in der Versorgung mit Trinkwasser, die medizinische Infrastruktur ist marode, nur wenige Krankenhäuser stehen für die Bevölkerung offen. Tearfund Deutschland arbeitet seit 2022 in der ZAR. Wir führen Schulungen für Kirchgemeinden durch, in denen sie lernen, Verantwortung für die Menschen in ihren Dörfern zu übernehmen („Church and Community Transformation“ Trainings). Zu den konkreten Projekten gehören Spargruppen.

Jacquelle ist Teil einer solchen Gruppe. Sie berichet: „Mein Mann kümmert sich gut um mich, aber auch er hat nur begrenzte Mittel, um mich und die ganze Familie zu versorgen. Ich war sehr verzweifelt und dachte, dass mein Leben an diesem Punkt stehenbleibt. Ich konnte nicht einmal zu den Haushaltskosten beitragen, weil ich keine eigenen Möglichkeiten hatte oder sah. Mein Mann kämpfte allein darum, uns zu versorgen.“

Jaqcuelle ist Christin und besucht regelmäßig eine Kirchgemeinden. Sie ist Mitglied der „Batalimo Brethren Church“ und Teil der Frauengruppe „Women of the Good News“. Sie engagiert sich aktiv in kirchlichen Aktivitäten. Dort hört sie von den „Church and Community“-Schulungen und nimmt daran teil. Anschließend wird sie Teil einer Spargruppe. „Als unsere Gruppe das Sparset erhielt, beschloss ich ebenfalls, mit dem Sparen zu beginnen. Durch diese Gruppe erhielt ich außerdem eine Schulung zu einkommensschaffenden Aktivitäten. Deshalb wollte ich ein kleines Geschäft starten, wusste aber nicht, woher ich das Startkapital nehmen sollte.“

„Ich habe wieder Hoffnung für mein Leben“

Ziel der Spargruppen, die jeweils zehn bis fünfzehn Mitglieder haben, ist es, einen Teil des eigenen Einkommens zurückzulegen und von dem gesparten Geld den Mitgliedern reihum ein Darlehen zu ermöglichen. Jacquelle: „Dank der Gruppe bekam ich einen Kredit über 20.000 XAF (ca. 30,50 €), um ein Geschäft zu beginnen. Ich kaufte frischen Maniok und verarbeitete ihn zu konsumfertigen Produkten. Heute sind meine Gewinne gestiegen, und ich habe bereits einen Teil des Kredits zurückgezahlt (5.000 XAF). Ich kann jetzt zu bestimmten Haushaltsausgaben beitragen – etwa für Seife, Frühstück und Medizin, wenn die Kinder krank sind.“

Für Jaquele ist das aber mehr als eine Möglichkeit, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Sie sagt: „Ich habe wieder Hoffnung für mein Leben und das meiner Familie. Auch wenn die Situation schwierig ist, habe ich nun kleine Ersparnisse. Und ich weiß, dass ich mich auf die anderen Mitglieder der Gruppe, verlassen kann.“ Sie hat schon weitere Pläne: „Ich möchte mein Lebensmittelgeschäft weiter ausbauen und meine Einkommensquellen erweitern. Mein Ziel ist es, eine anerkannte Anlaufstelle für Lebensmittel zu werden und meine Produkte auch in Bangui zu verkaufen, um ein höheres Einkommen zu erzielen.“

Begeistert ist Jaqcuele davon, dass hier die Kirchgemeinde das ganze Dorf einbezieht. „Dieses Projekt ist für unser Dorf neu und wichtig, weil es die Kirche und unsere eigenen Initiativen einbezieht. Ich habe persönlich profitiert, und auch andere Frauen erleben positive Veränderungen. Das sieht man deutlich – in der Kirche und in der gesamten Community. Ich bin überzeugt, dass dieses Projekt langfristig Abhängigkeit abbauen und mehr Eigeninitiative und Unternehmergeist fördern kann.“

Aber sie weiß auch: „Viele Frauen leben unter sehr schwierigen Bedingungen und möchten ihre Situation verbessern. Ich wünsche mir eine Ausweitung auf die ganze Stadt und die Nachbarorte, dann können wir die örtliche Wirtschaft stärken und das Leid vieler Frauen verringern.“

Ich bin beeindruckt. Von dem Projekt. Von Jaqcuele. Und von der Haltung: Sie hat eigene Pläne, und denkt zugleich an die anderen Frauen in ihrem Ort

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