Laut einer aktuellen Studie des Bundeskriminalamts erlebt jede dritte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt. Sie werden von ihrem Partner oder anderen Familienmitgliedern verletzt und in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt. Das kann sich in körperlichen Übergriffen, sexuellem Missbrauch, in Drohungen oder finanzieller Kontrolle äußern. Manche Formen sind sichtbar, andere bleiben oft unsichtbar, wie psychische Manipulation, Demütigung, Isolation oder digitale Überwachung.
Die Aussage, Gewalt trete nur in „problematischen“ Milieus auf, sei zu einfach gedacht, erklärt Kathrin Geih, Leiterin des diakonischen Frauen- und Kinderschutzhauses der „Mitternachtsmission“ Heilbronn. Menschen jedes Alters und Bildungsstandes müssten für das Thema sensibel werden. Wichtig sei zu verstehen, welche Dynamik häuslicher Gewalt meistens zu Grunde liegt. Eine Gewaltspirale entstehe häufig schleichend und verstärke sich mit der Zeit: Spannungsaufbau, akute Gewalt und dann wieder Reue und Versöhnung. Kontrollierendes Verhalten beginne dabei oft unauffällig. Wichtig sei es, frühe Warnsignale ernst zu nehmen, sagt Geih.
Weiter weist sie darauf hin, dass auch Gemeinden dazu beitragen können, Familien und Ehen zu schützen. Das Thema dürfe nicht tabuisiert werden. Außerdem könnten Workshops dazu beitragen, bestimmte Denkmuster aufzubrechen und somit häuslicher Gewalt vorzubeugen – etwa indem sie das Verständnis gleichberechtigter Rollenbilder fördern, statt Vorstellungen von einem starken, dominanten Mann und einer untergeordneten Frau zu vermitteln.
Über gesunden Selbstwert aufklären
Wichtig zu verstehen sei auch, warum Menschen zu Tätern werden: In einigen Fällen liege ein Minderwertigkeitskomplex des Täters vor. Durch die Abwertung des Opfers gleiche er diesen aus. Ebenso müssten Verantwortliche über einen „gesunden Selbstwert“ aufklären: Dazu gehöre auch der Umgang mit den eigenen Gefühlen und die Fähigkeit, seine Grenzen zu setzen und den eigenen Wert zu erkennen. Dieser sei in der Ebenbildlichkeit Gottes gegründet und nicht in den Zuschreibungen anderer Menschen. „Gottes Plan sind nicht ungesunde Beziehungen oder gar Gewalt. Sein Ziel sind gefestigte Partnerschaften und Menschen mit ehrlicher Selbstliebe.“
Das Ausmaß von häuslicher Gewalt zeige, wie relevant des Thema ist, so eine Kollegin Geihs, die als Beraterin im Frauen- und Kinderschutzhaus Heilbronn arbeitet. Sie ermutigt zu mehr Sensibilität im eigenen Umfeld. Es sei wichtig, zu unterstützen, wenn häusliche Gewalt im direkten Umfeld passiere. Im Vordergrund stehe dabei, Betroffenen zuzuhören und sie ernst zu nehmen, sie dabei zu ermutigen, sich an Beratungsstellen zu wenden, und ihnen bei der Suche nach Schutzeinrichtungen zu helfen. Der erste Weg zu einer Beratungsstelle sei oft eine große Herausforderung. Hier könne man seine Begleitung anbieten.
Mitternachtsmission
Die „Mitternachtsmission“ ist ein Teil des Diakonischen Werkes Heilbronn. Sie ist eine karitative Hilfs- und Beratungsstelle für Menschen aus Brennpunkten. Das Werk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, damit Frauen aus der Prostitution Schutz finden. Im Laufe der Jahre kamen weitere Arbeitsbereiche hinzu. Heute unterstützt und begleitet das Werk auch benachteiligte Kinder, Suchtkranke, Obdachlose sowie Opfer von Menschenhandel. In akuten Situationen sollen Menschen in Not eine Unterkunft bekommen. Dazu zählt unter anderem seit 1979 ein Frauen- und Kinderschutzhaus.
Der Name „Mitternachtsmission“ hat eine symbolische Bedeutung. Der Auftrag: Jederzeit die frohe Botschaft durch Worte und Taten zu verkünden. Besonders, wo Menschen kein Licht sehen.
Doch aus der Misshandlung auszubrechen sei nicht einfach, da die Gesellschaft nicht offen über das Thema spreche. Oftmals schämten sich die verletzten Personen und fühlten sich schuldig aufgrund ihres kulturellen oder familiären Hintergrunds. Viele möchten in ihrer Beziehung eine Zukunft sehen und empfänden Empathie gegenüber dem Täter – trotz der negativen Erfahrungen. Deswegen sollten Außenstehende es nicht verurteilen, wenn betroffene Frauen Hilfe nicht annehmen. Wichtig sei, weiterhin bereit zu sein, sie zu unterstützen und das auch zu signalisieren.
Hilfe annehmen kann Überwindung kosten
Der Weg in ein Frauen- und Kinderschutzhaus ist für die Betroffenen ein großer Einschnitt. Darum möchten Geih und ihr Team den Betroffenen bei der Erstaufnahme mit großem Respekt begegnen. „Jeden Fall muss man einzeln betrachten, da die Umstände und Bedürfnisse unterschiedlich sind. Wichtig ist, lösungsorientiert zu arbeiten.“ Die Mitarbeiterinnen bieten den Frauen intensive Beratung, um ihre Situation einzuordnen und auf ihre Nöte einzugehen. In Wohnbereichen der Einrichtung können Schutzsuchende Zuflucht finden, bei Bedarf werden sie an andere Stellen weitervermittelt.
Weitere Dienste sind unter anderem Beratung, Begleitung bei Behörden oder rechtlichen Schritten, Unterstützung bei Job- oder Wohnungssuche sowie die Begleitung der Kinder, um auch mit ihnen die Gewalt aufzuarbeiten. In ihrer Arbeit erlebt Geih den Glauben als Ressource: „Ich habe die Gewissheit, gehört zu werden, und muss die Last nicht allein tragen. Es stärkt mich, dass mir Gott Weisheit für die richtigen Worte im richtigen Moment schenkt.“ Darüber hinaus bietet die „Mitternachtsmission“ der Diakonie christliche Angebote wie Seelsorge, Gebet oder Gottesdienste. Das sei für viele Frauen eine Rettungsleine, unabhängig vom religiösen Hintergrund.
„Neben unserem fachlichen Handeln als Sozialarbeiterinnen im Frauen- und Kinderschutzhaus müssen wir Gott vertrauen, dass er einen Weg aus der Ungewissheit weiß.“
Wenn Frauen in eine Schutzeinrichtung kommen, erfolgt das oftmals fluchtartig, erklären die Mitarbeiterinnen der „Mitternachtsmission“. Zum Beispiel weil der Partner mit Mord drohe, falls er verlassen werde, oder damit, anderen Familienmitgliedern zu schaden. Die Schutzsuchenden nehmen oft nur ihre eigenen Kinder mit. Eine Hilfseinrichtung aufzusuchen koste viel Überwindung. Gleichzeitig gäbe es zu wenige Anlaufstellen.
Auch die Frage nach der Versorgung und die Angst um das Wohl der Kinder, machen es für betroffene Frauen schwierig, konkrete Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele Fälle würden daher nicht gemeldet; laut Kriminalstatistik liegt die Anzeigequote unter zehn Prozent. Zahlen der Diakonie zeigen: 2024 lehnten 32 Betroffene einen Wohnplatz in der Mitternachtsmission ab, 75 Frauen mussten wegen Platzmangels abgewiesen werden.
Die Zahlen verdeutlichen sowohl die Not als auch die Ohnmacht gegenüber der Problematik, sagt Geih. Sie beschreibt diese Herausforderung so: „Neben unserem fachlichen Handeln als Sozialarbeiterinnen im Frauen- und Kinderschutzhaus müssen wir Gott vertrauen, dass er einen Weg aus der Ungewissheit weiß. In meiner Arbeit mit Betroffenen erlebe ich Gott als Versorger. Er lenkt meinen Blick von Verzweiflung auf Hoffnung.“