Kirchen warnen vor Flächenbrand im Nahen Osten

Angesicht des Krieges schlagen Kirchen Alarm und warnen vor schwerem Leid für Millionen Menschen, Zerstörung und Vertreibung im Nahen Osten.
Von Norbert Schäfer
Church of the Holy Sepulchre, Jerusalem

Kirchen aus aller Welt schlagen Alarm und warnen vor einer Ausweitung des Kriegs im Nahen Osten. Die Folgen für Menschen in der Region seien schon jetzt verheerend. In einer gemeinsamen Erklärung rufen Kirchen zum Schutz der Zivilbevölkerung und sofortigem Waffenstillstand auf. Zu den Unterzeichnern der Erklärung vom Dienstag gehören der Ökumenische Rat der Kirchen, der Nahost-Kirchenrat, der Lutherische Weltbund, die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, der Weltrat Methodistischer Kirchen, die Mennonitische Weltkonferenz, die Christliche Konferenz Asiens und die „ACT Alliance“, ein kirchliches Netzwerk für humanitäre Hilfe.

„Wir appellieren an alle Staaten, einen sofortigen Waffenstillstand zu vollziehen, die diplomatischen Bemühungen und den politischen Dialog über die etablierten internationalen und regionalen Mechanismen dringend wieder aufzunehmen und ihre Verpflichtungen nach dem Völkerrecht, einschließlich der UN-Charta, uneingeschränkt zu erfüllen“, heißt es in dem Papier.

„Angriffe Israels und der USA verstoßen gegen UN-Charta“

Die Kirchen sprechen darin von schweren Folgen für die Menschen im Iran und dem gesamten Nahen Osten. Besonders die Zivilbevölkerung leide. Als Beispiel für das Schreiben einen „Berichte über den Tod von bis zu 175 Schülerinnen und Angestellten bei einem Raketenangriff auf eine Mädchenschule in der südiranischen Stadt Minab“ an.

Die humanitären Risiken und das Leid würden sich mit der Dauer dieses Konflikts unweigerlich verschärfen. Hunderttausende seien auf der Flucht. Die Kirchen rechnen damit, dass der Konflikt „wahrscheinlich zu noch größeren Bevölkerungsverschiebungen“ in einer Region führe, in der es bereits sehr viele Binnenvertriebene gebe. Die Zivilbevölkerung leide stark unter den Kämpfen. Die Kirchen fordern den Schutz aller Menschen und die Einhaltung des humanitären Völkerrechts.

Die Kirchen kritisieren, „dass die gemeinsamen Angriffe Israels und der USA eindeutig gegen internationales Recht verstoßen“ und „ohne glaubwürdige Begründung für die angeblich unmittelbare Bedrohung durch den Iran“ erfolgt seien. Dies stelle „einen eklatanten Verstoß gegen die UN-Charta dar“. Die politisch Verantwortlichen sollen alles tun, um den Krieg zu stoppen. Gespräche und Verhandlungen seien der einzige Weg zum Frieden, heißt es weiter.

Druck auf Christen ist groß

Bereits am vergangenen Freitag hatte sich der Weltkirchenrat in einer Videokonferenz mit Kirchenleitern aus dem Nahen Osten über die Lage der Christen in der Region informiert. Ziel des Treffens vom 6. März sei gewesen, aus erster Hand zu hören, wie die Lage ist und wie die Kirchen helfen können.

Der Vorsitzende des WCC-Zentralausschusses, Heinrich Bedford-Strohm, zeigt sich gegenüber PRO tief bewegt von den Gesprächen. Es habe ihn „sehr berührt“, direkt mit Menschen zu sprechen, die „mitten im Kriegsgeschehen stehen und dort Verantwortung tragen“. Besonders nennt er den Patriarchen von Jerusalem, Theophilos.

Ein Teilnehmer aus Beirut habe von chaotischen Szenen berichtet. Straßen seien „völlig verstopft“ gewesen. Viele Tausend Menschen hätten versucht, die Stadt nach der Drohung eines israelischen Luftangriffs so schnell wie möglich zu verlassen.

Auch aus dem Iran gab es Berichte. Ein Teilnehmer sei gerade aus dem Land geflohen, sagte Bedford-Strohm. „Die Christen im Iran müssen mit Äußerungen sehr vorsichtig sein“, erklärte er gegenüber PRO. Sie stünden unter starkem Druck. Nach seinen Informationen hätten auch unter ihnen viele junge Menschen bei den Protesten und deren „brutaler Niederschlagung durch das Mullah-Regime“ ihr Leben verloren. „Die Lage der Christen ist tatsächlich von großer Bedrängnis geprägt“, sagte der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende.

Mit Blick auf das Westjordanland erklärt Bedford-Strohm: „Auch von Seiten der jüdischen Siedler ist der Druck immer größer geworden. Die Gefahr ist tatsächlich groß, dass immer mehr Christen das Land verlassen, weil sie unter der ständigen Bedrohung keine Perspektive mehr sehen.“ Es sei „ein großer Schmerz“, sagt Bedford-Strohm, dass sich die Lage „im Ursprungsland des Christentums so zugespitzt hat“. Der aktuelle Krieg verschärfe die Situation weiter.

Aufruf zum Gebet

Die Kirchen in der Region bitten vor allem um Gebet. Das gelte für Christen, aber auch für alle anderen Menschen. Zum Abschluss des Treffens hätten alle gemeinsam gebetet. Bedford-Strohm spricht von „einem starken Moment für uns alle“.

Auch die aktuelle Erklärung der Kirchen endet mit einem Aufruf zum Gebet. „Alle Kirchen und Christen weltweit sowie alle Menschen des Glaubens und guten Willens“ sollen für Frieden im Nahen Osten beten.

Der Ökumenische Rat der Kirchen oder Weltkirchenrat („World Council of Churches“, kurz WCC) mit Sitz in Genf, wurde 1948 gegründet. Er ist ein Zusammenschluss von mehr als 350 Mitgliedskirchen in mehr als 120 Ländern. Die katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet aber mit dem ÖRK zusammen. Der Zentralausschuss des Weltkirchenrates hatte Bedford-Strohm im September 2022 zum Vorsitzenden gewählt.

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