„Der mächtigste Christenverfolger im Land ist nicht mehr da“

Im PRO-Podcast „Glaube. Macht. Politik.“ hat Markus Rode von einer geistlichen Erweckung im Iran gesprochen. Jetzt wird das Land von den USA und Israel bombardiert. Was bedeutet das für die Christen vor Ort?
Von Johannes Blöcher-Weil
Markus Rode leitet das Hilfswerk Open Doors, das sich für verfolgte Christen einsetzt. Gegenüber PRO hat er sich zur aktuellen Situation im Iran geäußert.

PRO: Ayatollah Chamenei ist durch einen Luftangriff getötet worden. Ist das für die Christen im Iran ein Befreiungsschlag oder wird es für sie noch schwieriger?
Markus Rode: Die Situation der Christen im Iran ist seit vielen Jahren geprägt von Verfolgung und Unterdrückung. Ayatollah Chamenei hat im Oktober 2019 erstmals offiziell die Hauskirchen als feindliche Bedrohung bezeichnet. Mit seinem Tod ist der mächtigste Christenverfolger im Land nicht mehr da. Aktuell lässt sich nicht absehen, ob das, was nach ihm kommt, für die Christen weniger bedrohlich ist.

Können und werden sich die Christen bei einem Sturz des Regimes positionieren?
Während der Proteste haben sich auch Christen engagiert. Sie sehnen sich wie weite Teile der Bevölkerung nach Freiheit von den starren religiösen Vorgaben des Mullah-Regimes. Entscheidend für die Christen wird die Frage sein, inwieweit sie ihren Glauben künftig leben können. Sie werden sich sicher dankbar zeigen für jede Regierung, die sich um das Wohl des iranischen Volkes kümmert und dabei auch die Religionsfreiheit gewährleistet. Davon wird abhängen, in welchem Maß sich Christen positionieren können und werden, wenn das Regime stürzt.

Wie können sich die Christen insgesamt in ihrer unterdrückten Situation organisieren?
Die christliche Gemeinschaft im Iran besteht vor allem aus ehemaligen Muslimen, die in großer Zahl zum christlichen Glauben konvertiert sind. Das islamische Regime sieht in ihrem Glaubenswechsel eine Bedrohung der nationalen Sicherheit, die es als schweres Verbrechen ahndet. Deshalb treffen sich die Konvertiten heimlich. Sie haben sich in einer stark wachsenden Bewegung von Hauskirchen organisiert und leben immer in der Gefahr, vom Geheimdienst entdeckt und bestraft zu werden. Außerdem ist es den wenigen offiziellen Kirchen strengstens untersagt, Konvertiten in ihre Gottesdienste zu lassen. Im Zuge der Proteste hat das Regime die Kommunikationsmöglichkeiten im Land systematisch reduziert. Das erschwert alles noch mehr. Es ist mitunter kaum möglich, sich abzusprechen oder sich gegenseitig zu ermutigen und zu trösten.

Haben die konvertierten Christen die Kraft, sich gegen die Mehrheit zu stemmen?
Es ist ja nicht die Mehrheitsbevölkerung, die gegen die Christen ist, sondern das Mullah-Regime samt den Behörden und Geheimdiensten. Diese sehen in den Konvertiten eine Bedrohung für den Staat und bekämpfen sie entsprechend. Uns berichten die Christen vor Ort immer wieder, wie sie angesichts von Folter, Misshandlungen und menschenunwürdigen Haftbedingungen Gottes Hilfe erlebt haben. Nach ihrer Freilassung sind sie oft dankbar für die Gebete ihrer Glaubensgeschwister, die ihnen Kraft gegeben haben, im Glauben standhaft zu bleiben.

Der Druck auf Christen scheint in allen Lebensbereichen sehr hoch zu sein. Was gibt ihnen die Kraft?
Kraft gibt ihnen in erster Linie ihr Glaube und Jesu Verheißungen, wie „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde“ und „Ich bin bei euch jeden Tag bis ans Ende der Welt“. Solche Zusagen entfalten in Verfolgungssituationen oft ihre ganze Kraft. Aber gleichzeitig ist der Rückhalt durch andere Christen sehr wichtig. Sie bitten immer wieder um Ermutigung und unsere Gebete. Ich glaube, das kann man nicht stark genug betonen.

Es gibt Berichte, laut denen  viele Gefangene nach ihrer Haft aus Angst vor den Konsequenzen schweigen.
Einige beschließen, nach dem Ende der grausamen Haft aus dem Land zu fliehen. Sie wollen ihren Glauben weiterleben, sehen aber keine andere Möglichkeit für sich und ihre Familien als eine Flucht ins Ausland. Das betrifft leider auch die Leiter der Hauskirchen-Bewegung, weil das Regime sie besonders stark unter Druck setzt. Dadurch sollen Hauskirchen gezielt geschwächt werden. Andere Christen sind sehr mutig und schließen sich nach ihrer Haftzeit wieder den Hauskirchen an, obwohl das sehr riskant ist. Deren Berichte erinnern mich an die Reaktion von Petrus und Jakobus. Sie haben auf das Redeverbot und die Drohungen der Pharisäer geantwortet, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.

Wie werden Anhänger anderer Religionen im Land behandelt?
Bahai, Sunniten, Sufis (Derwische, Anm. d.Red.) und andere religiöse Minderheiten werden im Iran ebenfalls verfolgt.

Wie bewerten Sie die Aussichten für die Zukunft?
Das islamische Regime wird bis zuletzt versuchen, seine Macht zu erhalten. Wir sollten dafür beten, dass das iranische Volk von der Herrschaft befreit wird und Gott eine Regierung schenkt, die das Wohl des Volkes im Blick hat und den Christen Glaubensfreiheit gewährt. Ich persönlich würde mir wünschen, dass Christen im Gebet zusammenrücken und Einfluss auf die Zukunft des Landes nehmen. Dann kann die jahrzehntelange Unterdrückung des iranischen Volkes enden. Jesus ist derjenige, der Herrscher ein- und absetzt. Jetzt sollten wir unsere iranischen Glaubensgeschwister stärken, damit die jahrelange Erweckung immer weitere Kreise zieht: im besten Fall bis hin zu den islamischen Eliten des Landes.

Vielen Dank für das Gespräch!

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