Menschen machen Fehler. Wenn das bei Medienleuten passiert, dann ist dies in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Denn ihre Irrungen und Wirrungen finden vor den Augen der Öffentlichkeit statt. Zudem gehört es zum beruflichen Selbstverständnis vieler Journalisten, die Verfehlungen anderer aufzudecken – nicht selten werden Politiker, Wirtschaftsbosse oder Kirchenleute, die versagt haben, dafür scharf kritisiert.
In dieser Woche hat das ZDF unfreiwillig selbst für negative Schlagzeilen gesorgt. Im „heute journal“ vom 15. Februar wurde ein KI-generierter Fake-Videoclip gesendet und als vermeintliche Wirklichkeit ausgegeben. Ein weiteres zur Illustration verwendetes Kurzvideo stammte aus einem völlig anderen Kontext, als der Text der Autorin suggerierte.
Am Dienstagabend schließlich hat Nachrichtenchefin Anne Gellinek die ZDF-Zuschauer „ausdrücklich um Entschuldigung“ gebeten. Sie kündigte an, der Sender werde den „Doppelfehler sorgfältig aufarbeiten“. Inzwischen hat das ZDF einen Online-Beitrag veröffentlicht, der erklären soll, wie es so weit kommen konnte und welche Lehren man ziehen will. So weit, so gut.
Doch dieser Vorfall ist keine Kleinigkeit. Das zeigt sich in dem völlig verunglückten Krisenmanagement des Senders.
Was war geschehen? In der Sendung am Sonntag ging es in einem Beitrag um die Abschiebepraktiken der US-Einwanderungsbehörde ICE. Auf Originalaufnahmen mit einer betroffenen Familie folgte zur Illustrierung des brachialen ICE-Vorgehens ein Video, in dem man sieht, wie bullige Männer in Uniform eine kleine Frau indigener Herkunft vor den Augen ihrer verzweifelten Kinder durchs Bild drängen.
Nicht ZDF-Redakteure, sondern kritische Blogger im Internet waren es, die das Video als KI-Fake identifizierten, weil es durch ein Wasserzeichen-Logo des KI-Tools Sora gekennzeichnet war. Das folgende Kurzvideo, das zeigte, wie ein Beamter einen Jungen abführt, ist zwar echt – aber erst andere Journalisten mussten die Kollegen vom „heute journal“ darauf hinweisen, dass es sich um einen Uralt-Clip von 2022 handelt.
Ringen um neue Glaubwürdigkeit
Das ZDF reagierte zunächst gar nicht. Dann hieß es, das KI-Video hätte entsprechend der Senderrichtlinien „gekennzeichnet werden müssen“. Dann sprach der Sender von einer „technischen“ Panne, das Video würde angepasst. Plötzlich verschwand die ganze Sendung aus der Mediathek, bis schließlich eine Neufassung mit entferntem Beitrag und redaktionellem Hinweis platziert wurde. Inzwischen wird offen kommuniziert, dass der ganze Beitrag nicht den handwerklichen und journalistischen Standards des ZDF entspricht. Nun werde ein „Maßnahmenkatalog“ erstellt, für Mitarbeiter soll es „zusätzliche verpflichtende Schulungen“ geben.
Die größte Herausforderung liegt woanders: Millionen Mediennutzer in Deutschland sind schon heute zutiefst verunsichert. Die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft, der raue Ton in den Debatten, haben viel mit schwindendem Vertrauen tun. Wem und was können die Menschen heute noch glauben? Die disruptive Wirkung der KI, die längst in alle Lebensbereiche eindringt, darf uns nicht beherrschen. Sie muss beherrschbar bleiben.
Wenn ein öffentlich-rechtliches Leitmedium wie das ZDF, mit rund 4.000 Mitarbeitern und einem Etat von etwa 2,75 Milliarden Euro, der überwiegend aus unseren Beiträgen finanziert wird, sich selbst und seine berühmte Nachrichtenmarke „heute journal“ beschädigt, dann wird auch weiteres Misstrauen gesät. Unverzichtbar ist ein ehrliches und selbstkritisches Ringen um neue Glaubwürdigkeit. Alles gehört auf den Prüfstand. Auch Verantwortlichkeiten und Abläufe in prominent besetzten Redaktionen. Die 2.000 Jahre alte Lehre des Apostels Paulus, sie gilt heute mehr denn je: „Prüfet alles und das Gute behaltet.“ (1. Thessalonicher 5,21)