Kommentar

Wenn’s um Juden geht, wird’s schwierig

Deutschland hat auch 80 Jahre nach der Shoa ein Problem mit Juden. Vor allem dann, wenn sie in der Öffentlichkeit stehen und man mit ihnen umgehen muss. Das zeigt der Fall Gil Ofarim.
Von Anna Lutz
Gil Ofarim

Gil Ofarim ist Dschungelkönig. Die Krone aus grünem Gestrüpp und Plastikblüten ist ein Witz und die Sendung zu recht umstritten. Letzteres gilt auch für die Siegerpersonalie selbst. Darf einer, der Antisemitismusvorwürfe erfunden hat und sich öffentlich vor Gericht dafür entschuldigen musste, zur Prime Time in eine RTL-Show? Darf er wieder positiv von sich reden machen, fünf Jahre nach dem Vorfall? 

Über all das kann man trefflich streiten und genau das geschah und geschieht auch gerade. Vor den Kameras im australischen Dschungel ebenso wie in Tages- und Wochenzeitungen aller Couleur. Gut so! Nur, was jenseits der Sendung selbst und der seriösen Presse geschieht, ist eigentlich kaum zu glauben. Es offenbart: Über 80 Jahre nach der Shoa hat ein Teil der deutschen Gesellschaft immer noch nicht zu einem ordentlichen Umgang mit Juden gefunden. Und antisemitische Klischees und judenfeindliche Witze scheinen noch immer anschlussfähig zu sein.

Jüdisches „Betrüger-Gen“

Da war zum einen Stefan Raab. In einer Folge seiner Show „Die halbe Stunde nach der Stunde danach“ vom 27. Januar, ausgerechnet am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, nahm RTL Ofarim bösartig auf die Schippe. In einem Einspieler hieß es, dieser habe ein „Betrüger-Gen“, das er von seinem Onkel „Samuel“ geerbt habe. Dazu zeigte Raab Bilder eines unbekannten Mannes, der Obst auf einem Markt stiehlt. Anschließend veräppelte RTL Ofarim noch als vor allem in der jüdischen Gemeinde bekannten Sänger und zeigte dazu Bilder tanzender orthodoxer Juden.

„Samuel“, der betrügerische Jude, der seine bösen Gene vererbt. Wippende Schläfenlocken, schwarze Hüte und geschwungene jüdische Beine, ach wie ist das lustig, ach wie kurios sind sie doch, diese seltsam anmutenden Mitmenschen, oder nicht? Wer im Jahr 2026 meint, stereotype Judenbilder reproduzieren zu müssen, nur für einen schlechten Gag, der beweist nicht nur schlechten Sinn für Humor, sondern auch null Respekt gegenüber Juden. Antisemitismus ist nicht lustig. Allein, dass dieser Satz noch geschrieben werden muss, ist ein Skandal. Immerhin hat RTL den Clip nachträglich aus der Sendung entfernt. 

Geschmackloser KZ-Witz von Pocher

Ebenfalls auf die Spitze trieb es einer, der dafür bekannt ist: Oliver Pocher. Vor wenigen Tagen postete er ein Video, in dem er als Gil Ofarim verkleidet – Langhaarperücke, Safari-Outfit, Davidsternkette – über die Zeit im Dschungel sprach: „Ich muss gelbe Sterne in einem Lager suchen fürs Team, damit ich was zu Essen bekomme. Dann…Duschen. Das alles war meine Vergangenheit.“ 

Witze über den Holocaust sind geschmacklos, billige Verharmlosung, niederträchtig. Man darf sich fragen, ob Pocher den Gag machen würde, stünde ihm einer gegenüber, der die Duschen und die Lager (im KZ, nicht im Dschungel) wirklich noch miterlebt hat. Oder ein Nachkomme der Überlebenden. 

Wer sich nur ein winziges bisschen mit jüdischem Leben in Deutschland beschäftigt oder einfach seinen gesunden Menschenverstand benutzt, dem muss klar sein, dass der Versuch eines billigen Gags wie diesem Betroffene triggern, retraumatisieren oder mindestens verletzten kann. Jeder Jude hat jemanden in der Familie, der im Holocaust starb. Jüngst sprach ich mit einer Jüdin, die erklärte, sie habe als Kind eine unerklärliche Angst vor öffentlichen Duschen gehabt. Immer sei sie auf seltsame Art erleichtert gewesen, wenn tatsächlich Wasser aus der Leitung strömte. Erst Jahre später, als Erwachsene, fand sie heraus, dass das daran lag, dass ihre Eltern schon früh mit ihr über die Mordmethoden der Nazis gesprochen hatten. Die Shoa ist ein intergenerationales Trauma. Der Schrecken darüber endet nicht, auch nicht 80 Jahre danach. 

Raab und Pocher haben das nicht verstanden. Es ist schmerzlich zu beobachten, dass im Land der Täter heute so wenig Feingefühl im Umgang mit Juden zu sehen ist. Natürlich darf man Gil Ofarim kritisieren und Gags über ihn machen. Gerade wer in der Öffentlichkeit steht und damit sein Geld verdient, muss das bis zu einem gewissen Grad aushalten. Wem aber nichts Besseres einfällt, als das Bild einer jüdischen Witzfigur zu bedienen, der hat auf Comedybühnen nichts verloren. Besonders nicht auf deutschen. 

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen