Filmkritik

Der Horror-Jesus

Geschichten mit übersinnlichen Komponenten sind Steilvorlagen für einen Horrorfilm. Jetzt hat sich ein amerikanischer Regisseur die Jugend Jesu dafür ausgesucht. Mit dem biblischen Jesus hat der Film nichts zu tun.
Von Jörn Schumacher
The Carpentor's Son

Das apokryphe (also nicht zum allgemeinen Kanon der Bibel gehörende) Buch des „Kindheitsevangeliums nach Thomas“ schildert das Leben Jesu im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Die historische Authentizität dieser Berichte haben Experten schon früh angezweifelt, weswegen sie als häretisch angesehen wurden. Der Autor des Evangeliums ist unbekannt; mit dem Thomasevangelium steht es nicht in Verbindung.

Der Inhalt des „Kindheitsevangeliums“ ist streckenweise verstörend, handelt es doch von einem Teenager Jesus, der übersinnliche Kräfte hat. Dass er angeblich einen Vogel aus Lehm geformt und ihn dann zum Leben erweckt haben soll, zählt da noch zu den harmloseren Geschichten. In einer Episode verschüttet ein Kind Wasser, das Jesus gesammelt hat, woraufhin der das Kind tötet. An anderer Stelle verflucht Jesus einen Jungen, dessen Körper verwest instantan zu einer Leiche. Kurz: Jesus tötet, flucht und straft im Kindheitsevangelium, alles sehr gruselig.

Kein Wunder, dass der amerikanische Regisseur Lotfy Nathan eine Fundgrube für einen Horrorfilm über Jesus sah. In „The Carpenter’s Son“ (Der Sohn des Zimmermanns) sieht alles so aus, wie man es erwarten würde. Gedreht wurde 2024 in Griechenland, im November 2025 kam der Film in den USA in die Kinos, seit kurzem ist er bei Apple TV zu sehen. Ob der Film auch auf Deutsch erscheint, ist noch unbekannt.

Das Böse lauert überall

Die biblischen Geschichten mit viel Übernatürlichem bieten Steilvorlagen für Horror – es gibt das personifizierte Böse, Sünde und Gewissensbisse, Tote, Aussätzige, Besessene… Josef (Nicolas Cage) und Maria (die britische Sängerin FKA Twigs) stolpern in „The Carpenter’s Son“ von einer Angst zur nächsten. Josef ist hauptsächlich damit beschäftigt, seinen Sohn vor Satan zu warnen. Er verstreut Asche auf der Schwelle seiner Hütte, um „böse Geister“ abzuhalten, er trifft Satan hier und da ganz überraschend.

„Wie sieht Satan aus?“, will Jesus schließlich von seinem Vater wissen, der kennt sich aus. Die Antwort ist erwartbar, macht aber das Leben eines Horrorfilmes deutlich leichter: Satan kann wie jeder normale Mensch aussehen! So ist das dann auch in diesem Film: Eigentlich murmelt früher oder später jeder – ganz genregerecht – mit einer tiefen Stimme Satanisches, hier und da springt jemandem eine Schlange aus dem Mund. Nur Vater Josef, der bekommt um sein Haupt einen hell leuchtenden Heiligenschein, als er stirbt. Man sollte allerdings anmerken, dass der Filmemacher keine seiner Charaktere beim Namen nennt. Josef ist da nur „der Zimmermann“, Jesus „der Junge“, Maria „die Mutter“.

Ob nun die Geburt Jesu zu Beginn oder das normale Leben als Zimmermannsfamilie – Regisseur Nathan folgt treu einer wichtigen Grundregel des Horror-Genres: Zeig dem Zuschauer wenig, dann gruselt er sich umso mehr. So ist es meistens recht finster um die heilige Familie, meistens spielt die Handlung nachts oder in einer Höhle.

Mit Jesus aus der Bibel hat der Film nichts zu tun

Drastisch fällt der Altersunterschied zwischen Josef und Maria aus: Nicolas Cage, im echten Leben mittlerweile über 60, steht einer Maria gegenüber, die im Film selbst fast noch wie ein Kind aussieht. Ein Rabbiner bemüht sich wie Josef, seine Gefolgschaft (und damit indirekt die Zuschauer) darin zu trainieren, vor allem Angst vor dem Bösen zu haben, das, nun ja, überall lauert. Wenig überraschend: Er sieht dabei wie ein wahnsinniger Sektenführer aus.

Die üblichen Horror-Elemente fehlen nicht, eintönige Streicher rutschen immer in einem minimalen Glissando auf und ab und dräuen Unheil, viel Blut ist, wo es nicht hingehört, fiese Insekten befinden sich auf der Schwelle des Todes oder werden hinüber befördert. Auch auf blutige Kreuzigungsszenen konnte der Regisseur nicht verzichten, und sei es einfach nur als teuflische Vorahnung des kindlichen Jesus. Der zerdrückt eine lebende Heuschrecke in der Hand, wendet aber kurz darauf, eher gelangweilt, einen Trick an: Er erweckt sie wieder zum Leben. Spannender sind für ihn Leichen, Aussätzige, Besessene und die nackte Nachbarin.

Das Horror-Genre birgt ja immer – besonders mit zeitlichem Abstand – die Gefahr der unfreiwilligen Komik. „The Carpenter’s Son“ bemüht sich redlich, zumindest viele Register zu ziehen, um die Zuschauer in einem Dauerfeuer mit altbewährten Mitteln zu erschrecken. In Bezug auf Jesus hat das bisher noch niemand getan. Ach ja: mit Jesus aus der Bibel hat der Film – wenig überraschend – rein gar nichts zu tun.

„The Carpenter’s Son“, 94 Minuten, USA, Frankreich, Regie: Lotfy Nathan, mit Nicolas Cage, Apple TV

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