Beliebter Tiktok-Rabbiner stellt sich als KI-Figur heraus

Er gibt weisen Rat aus der Lehre der Thora: Auf Tiktok und Instagram folgen Rabbi Menachem Goldberg Tausende Menschen. Dann stellt sich heraus: Den jüdischen Geistlichen gibt es gar nicht, er wurde von einer KI generiert.
Von Jörn Schumacher
Rabbi Goldberg Tiktok

Rabbi Menachem Goldberg gibt Hilfe in Lebensfragen, er spricht über Gott und die Thora. In seinen Videos auf den Portalen Tiktok und Instagram hat er Tausende Menschen in seinen Bann gezogen. Doch der bärtige Mann, der aussieht wie ein chassidischer Thora-Gelehrter, ist das Produkt eines Computers.

Unter dem Namen „Rabbi Menachem Goldberg“ hat der Account auf Tiktok fast 40.000 Follower. Mittlerweile stehen die Buchstaben „Ai“ (sic) unter dem Accountnamen, neben dem Versprechen, „alte Weisheit für modernen Wohlstand“ zu geben. „Bauen Sie Vermögen auf und finden Sie Sinn“, heißt es auf dem Kanal. Auf Instagram hat derselbe Urheber unter dem Namen „rabbisblueprint“ rund 90.000 Follower. Beide Accounts verlinken auf die Webseite rabbigoldbergbp.netlify.app, auf der Bücher verkauft werden, die den Anschein erwecken, jüdisches Wissen zu vermitteln. Die Videos haben Tausende Likes.

Der vermeintliche Rabbiner spricht in seinen Videos über Liebe und Weisheit, zeigt Mitgefühl in Zeiten der Krisen, etwa wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Sehr häufig geht es um Geld, aber auch über Vorurteile gegenüber Juden, etwa dass sie die Welt regieren wollten.

Dabei zeigt der Rabbiner immer dieselbe Sitzposition. Manchmal sitzt er an einem Tisch, manchmal in einem Garten oder scheinbar in einer Synagoge. Wer genau hinschaut, merkt: In dieser Synagoge gibt es mehrere Thora-Schreine – was es in der Realität nicht geben dürfte. Außerdem fiel Zuschauern auf, dass hebräische Buchstaben im Hintergrund keinen Sinn ergeben, sondern nur so aussehen wie hebräische Wörter. In einigen Szenen sitzt der vermeintliche Rabbiner in einem Gebetsraum, neben ihm liegt eine offene, unbeaufsichtigte Thorarolle auf einem Schreibtisch. Für Juden ist es tabu, eine Thorarolle so offen und unbeaufsichtigt liegen zu lassen.

Jüdische Organisationen warnen

Die Accounts wurden offenbar am 29. Dezember 2025 erstellt. Laut dem „Jewish News Syndicate“ (JNS), einer Nachrichtenwebseite zu Israel und dem Judentum, gab es auf der verlinkten Website bis vor kurzem noch eine Biografie des Rabbiners zu lesen. Er sei seit über 40 Jahren dem Studium und der Lehre der Verbindung von jüdischer Weisheit und finanziellem Wohlstand verpflichtet, hieß es da. Er lebe in Brooklyn und habe Tausenden Menschen unterschiedlicher Herkunft geholfen, durch zeitlose Thora-Prinzipien einen erfüllenden Erfolg zu erzielen. Die Autoren von JNS merken an: „Viele der Aussagen des ‚Rabbiners‘ in den Videos sind Plattitüden, die er mit minimalen Übersetzungen aneinanderreiht. Der vermeintliche Haredi-Rabbiner spricht von ‚Gott‘ statt von ‚Haschem‘ und zitiert in seinen Botschaften in der Regel keine Bibelverse oder rabbinische Kommentatoren.“

Rabbi Gil Student, Leiter der Abteilung für jüdische Medien und Publikationen der Orthodoxen Union, ist Teil des Teams, das ein KI-Tool namens „Ohrbit“ für personalisierte Thora-Lernerfahrungen entwickelt. „KI ist ein leistungsstarkes Werkzeug, um die Thora zu vertiefen und Menschen zu einem intensiveren Thora-Studium zu verhelfen“, sagte er gegenüber JNS. „KI sollte menschliches Engagement und Anstrengung nicht ersetzen, kann aber bei verantwortungsvoller Anwendung ein unglaublich hilfreiches Werkzeug sein.“

Laut dem israelischen Nachrichtenportal „Arutz Sheva“ erklärten Rabbi Yuval Cherlow, Leiter des Ethikzentrums der Rabbinischen Organisation Tzohar, und Rabbi Yaron Moshkovitz, Direktor des Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz: „Technologie besitzt große Macht, aber keine Identität, Verantwortung oder Autorität.“ Künstliche Intelligenz könne nicht als Quelle für halachische, jüdische, Entscheidungen oder moralische Leitlinien dienen. Halacha und moralische Entscheidungen beruhten auf menschlichem Urteilsvermögen, persönlicher Verantwortung und dem Verständnis komplexer Lebenssituationen, so die Experten. „Wenn ein technologisches System als rabbinische Stimme präsentiert wird, selbst wenn dies überzeugend gelingt, verwischt es eine gefährliche Grenze und beschädigt das Vertrauen der Öffentlichkeit.“

Das Ethikzentrum warnte zudem vor einer „Verschlechterung der Situation hin zu einer Verschmelzung von Mensch und Maschine“ und betonte, dass ein grundlegender Unterschied zu wahren sei.

Kaum noch von echten Videos zu unterscheiden

Eine Zeit lang konnten KI-generierte Videos noch relativ einfach anhand von Details enttarnt werden: Dann hatten zum Beispiel Hände einen Finger zu viel oder zu wenig. Diese Zeiten sind vorbei, die KI-Synthese von Bildern und Videos ist besser geworden. Auch im christlichen Bereich gibt es längst zahlreiche KI-Videos, die vermeintlich einen Pastor zeigen, der eine Predigt hält. So stellt etwa ein Youtube-Kanal anscheinend Predigten des bekannten amerikanischen John MacArthur online – die jedoch allesamt von einer KI generiert wurden. „Wir bringen Ihnen die tiefgründigen Lehren und Weisheiten von John MacArthur näher und begleiten Sie auf einer Reise des spirituellen Wachstums und der persönlichen Transformation“, heißt es in der Kanal-Beschreibung. Der echte MacArthur starb allerdings im Juli 2025.

Experten erklären: Personen in KI-Videos fallen häufig durch eine Eintönigkeit in der Stimme auf, sie klingen monoton und zeigen weder längere Pausen oder Emotionen und versprechen sich nie. Die Bewegungen sind oft sehr eingeschränkt. Experten raten, bei Bedarf, die Hintergründe auf externen Seiten zu recherchieren: Wo tauchten das Bild oder das Video zuerst auf? Was sagen Metadaten, Rückwärtssuchen und Vergleichsbilder? Passen Ort, Zeit und Quelle zusammen? Professionelle Bildforensiker wenden Verfahren an, bei denen etwa die Bildkompression untersucht wird, um Manipulationen sichtbar zu machen. Veränderte Bereiche unterscheiden sich optisch von ursprünglichen. Auch KI-Systeme wiederum können – ironischerweise – helfen, andere KI-Inhalte als solche zu enttarnen.

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen