PRO: Im Iran gehen Menschen im ganzen Land auf die Straße, was bekommen Sie davon mit?
Naghmeh Jahan: Das Internet ist blockiert und daher habe ich keinen direkten Kontakt mit Verwandten oder Bekannten im Iran. Über iranische Nachrichtenwebsites aus dem Ausland habe ich erfahren, dass viele Menschen im Iran nicht von Protesten sprechen, sondern von Revolution. Das wird in den deutschen Medien so nicht deutlich – was viele Iraner hier kritisieren. Wir hören, dass es auch Massenmorde an den Demonstranten gibt, die Krankenhäuser sind voll, die Leichenhallen auch. Aber es werden sehr unterschiedliche Zahlen genannt, manche sprechen von mehr als 2.000 Todesopfern, andere Quellen schätzen rund 12.000. Das ist aber alles nicht sicher bestätigt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Regime im Iran sehr repressiv ist, gerade wenn es um den Schutz der Regierung geht.
Was treibt die Menschen an, die jetzt gegen das Regime demonstrieren?
Die Menschen kämpfen für Freiheit. Ein Slogan, der häufiger gerufen wird, lautet: „Tod dem Unterdrücker, sei es ein König oder der oberste Führer.“ Sie wollen kein diktatorisches Regime, weder ein islamisches noch eine Monarchie. Sie wollen Freiheit, sei es für Frauen, sei es für Männer, für die Religionen, für alle Bereiche. Sie wollen mitbestimmen können und als Menschen wahrgenommen werden.
Was riskieren die Demonstranten?
Iran ist ein diktatorisches Regime. Es gibt keine Möglichkeit, dass Menschen friedlich protestieren, denn es findet keine Kommunikation zwischen Bevölkerung und Regierung statt. Daher ist der einzige Weg, etwas zu verändern, dass man kämpft und sein eigenes Leben in Gefahr bringt. Das ist traurig und das braucht viel Mut. Für mich wäre das schwer vorstellbar, auf die Straße zu gehen und zu wissen, dass ich jede Minute getötet werden kann oder ins Gefängnis komme und dort schlimme Dinge erlebe wie Folter und jegliche Art von Gewalt. Mein Vater war Regimegegner und trägt bis heute an seinem Körper die Spuren von Folter und Tötungsversuchen. Daher bewundere ich diese Menschen, dass sie das trotzdem machen.
Foto: privat Dr. Naghmeh Jahan, geboren 1980, floh mit ihrer Familie Ende der 1990er Jahre aus dem Iran zunächst in die Türkei. Dort konvertierte sie vom Islam zum christlichen Glauben. Seit 2004 lebt sie in Deutschland. Sie hat in Göttingen Theologie und Religionswissenschaft studiert und in Religionswissenschaft promoviert. 2024 legte sie in dem Fach ihre Habilitationsschrift vor. Sie ist Privatdozentin an der Universität Jena.
Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Protestwellen im Iran, 2022 etwa drehten sie sich mit dem Slogan „Frauen. Leben. Freiheit.“ vor allem um die Rechte von Frauen. Erleben wir jetzt eine Protestwelle wie frühere auch, oder ist daran etwas anders?
Diese Proteste bauen aufeinander auf, man kann sie nicht getrennt voneinander betrachten. Bei „Frauen. Leben. Freiheit“ ging es zwar um Frauen, aber auch um die Freiheit von der ganzen Repression dieses Regimes. Jetzt kommt auch die ganze schwierige wirtschaftliche Lage im Land dazu und alle Arten von Unfreiheit, unter denen die Menschen leiden. Die internationalen Sanktionen haben das Leben der Menschen sehr stark beeinträchtigt. Einige sagen, sie wollen von dieser Regierung befreit werden, weil sie nicht mehr möchten, dass es im Ausweis steht, welcher Religion sie angehören. Es sind ganz verschiedene Menschen gemeinsam auf der Straße: junge, alte, verschiedene Ethnien und Religionen.
Das Regime sieht diese Proteste aber als eine Sache, zu der ausländische Kräfte die Menschen aufwiegeln. Ausländische Eingriffe würden Menschen dazu bringen, zu protestieren oder sich vom Islam zu entfernen. Denn gleichzeitig nimmt das Christentum zu, die Zahl der Hauskirchen zum Beispiel ist in der letzten Zeit sehr gestiegen. Viele iranische Konvertiten bewerben sich im Ausland um Asyl, da sie im Iran ihre Religion nicht frei ausüben können. Im Iran werden Abkehr vom Islam und Konversion mit dem Tod bestraft.
Wie ist denn die Situation für Christen im Iran?
Auf der einen Seite gibt es im Iran vom Staat anerkannte Christen. Das sind die traditionellen Kirchen der ethnischen Minderheiten, die Armenier zum Beispiel. Und dann gibt es die protestantischen Bewegungen, die erst seit dem 19. Jahrhundert durch Missionsarbeit entstanden sind. Dazu zählen die Anglikaner, die Presbyterianer und die evangelikale Pfingstbewegung. Diese sind selbst auch missionarisch aktiv, vor allem die Evangelikalen. Mission ist im Iran jedoch streng verboten. Diese Gruppen wachsen, was das Regime für bedrohlich hält und die Hände ausländischer Verschwörer im Spiel sieht. Sie sind formal nicht anerkannt und ihre Mitglieder werden streng überwacht, verfolgt oder auch getötet. Viele dieser Christen fliehen aus religiösen Gründen. Im Iran müssen sie sich streng geheim treffen in sogenannten Hauskirchen, also im Untergrund.
Man muss auch als Muslim vorsichtig sein, wenn man mit einem Christen redet. Für den Christen könnte das problematisch werden, denn darin könnte man einen Missionsversuch sehen. Daher sind zum Beispiel die Schulen von religiösen Minderheiten getrennt von denen der Muslime. Die ethnischen Christen praktizieren im Verhältnis zu nicht anerkannten, protestantischen Richtungen, eigene religiöse Aktivitäten, aber sie werden auch überwacht und bleiben vor allem unter sich, da der Kontakt mit anderen eher unerwünscht ist.
Wie religiös ist die muslimische Bevölkerung?
Es gibt Menschen, die sehr religiös sind und auch religiös erzogen werden. Aber wenn man die heutige Jugend im Iran sieht, merkt man, dass der Islam, wie er dort praktiziert wird, ein anderes Bild von dieser Religion für sie hinterlassen hat. Das ist ein Grund, warum viele junge Iraner sich nicht mehr als Muslime bezeichnen wollen. Oftmals lese ich in den Kommentaren zu den jetzigen Protesten Bemerkungen, die in diese Richtung gehen. Aber genaue Daten dazu, wie religiös die Iraner sind, gibt es nicht. Das müsste man empirisch erforschen, aber ohne Kontakt zu den Menschen ist das nicht möglich. Und die Regierung würde niemals verbreiten lassen, wie viele sich vom Islam entfernen oder sich nicht mehr als Muslim bezeichnen. Es gibt aber eine Online-Umfrage von 2020, die diesen Säkularisierungsprozess bestätigt. Und die Proteste zeigen schon, dass der Islam im Iran geschwächt ist.
Blicken Sie auf die aktuellen Entwicklungen mehr mit Hoffnung oder mehr mit Sorge?
Es ist beides. Einerseits habe ich Hoffnung, weil ich sehe, dass die Demonstrationen diesmal tatsächlich größer sind im Vergleich mit früheren Protesten. Darin liegt viel Dynamik. Andererseits macht mir Sorge, dass man überhaupt nicht weiß, wie es weitergeht, wenn wirklich das Regime fällt. Wer übernimmt die Macht? Ist das Volk stark genug, einen neuen Iran aufzubauen? Wird eine ausländische Macht oder eine militärische Gruppierung die Führung übernehmen? Die Sorge ist, dass die Revolution sich dann in eine andere negative Richtung entwickelt.
Wofür sollten Christen mit Blick auf die aktuelle Situation beten? Was wäre Ihr Anliegen?
Wir sollten dafür beten, dass Gott bei diesen Menschen ist, die mit so viel Hoffnung ihr Leben in Gefahr bringen und für Freiheit kämpfen; dass sie verschont bleiben, dass sie diesen Krieg beenden können und dass sie diese Freiheit und so vieles, für das sie kämpfen, erreichen. Es sind ja ihre Leben, die zerstört werden, die beendet werden, die vielleicht ein anderes Land bauen könnten. Wir können beten, dass der Iran ein Land wird, in dem Menschen frei ohne Gewalt leben können.
Vielen Dank für das Gespräch!