Das christliche Medienmagazin

75 Jahre Zeitgeschehen im „Spiegel“

Den Spiegel gibt es seit 75 Jahren. Viele Christen haben sich weniger an den Themen des Nachrichtenmagazins als vielmehr an Gründer Rudolf Augstein gerieben. Der ging mit Kirche und Glaube oft zynisch ins Gericht.
Von Norbert Schäfer
Verlagsgebäude „Der Spiegel“
„Der Spiegel“ erscheint seit 1947. Das Nachrichtenmagazin aus Hamburg nimmt immer wieder Bezug auf den christlichen Glauben und die Kirchen

Worüber „Der Spiegel“ berichtet, hat in der deutschen Medienlandschaft Gewicht. Daran hat sich in siebeneinhalb Jahrzehnten wenig geändert. Am 4. Januar 1947 – die Bundesrepublik Deutschland existierte da noch nicht einmal auf dem Papier – veröffentlichte Rudolf Augstein unter den kritischen Augen der britischen und amerikanischen Militärverwaltung die erste Ausgabe seines Nachrichtenmagazins. Die Frage, welches Thema aus Politik oder Zeitgeschehen das Magazin aus Hamburg zum Titel erkoren hat, ist auch heute in den Redaktionsstuben von Flensburg bis nach Oberammergau von Bedeutung. Der Spiegel setzt gesellschaftsrelevante Themen und sorgt in der Öffentlichkeit und der Politik für die Debatten darüber.

Zunächst in Hannover, später von Hamburg aus, schaute der Spiegel-Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein mit seinen Journalisten den Mächtigen und Regierenden in Deutschland auf die Finger. 15.000 Exemplare hatte die erst Auflage 1947, an der neben Augstein vier Redakteure mitarbeiteten. Heute liegt die verbreitete Auflage bei rund 700.000 Exemplaren. Knapp 500 Redakteure arbeiten jetzt für das Blatt, das seit einer Schenkung des Gründers im Jahr 1974 zu 50,5 Prozent den Mitarbeitern des Verlages gehört. Die übrigen Anteile gehören dem Verlag „Gruner + Jahr“ und Augsteins Erben.

Früher Kiosk, heute online

Früher erschien das Blatt am Montag am Kiosk, jetzt samstags zum Wochenende und zuerst online. Es gab Zeiten, da hatte die Hamburger Redaktion ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland, galt als Elite und als Teil des besseren Deutschlands. Die Funktion als Gatekeeper-Platzhirsch in der Magazinwelt verflüchtigte sich erst, als der Burda-Verlag 1993 mit dem Nachrichtenmagazin „Focus“ als Konkurrent am Markt auftrat. Zuletzt hat das Internet dazu beigetragen, dass Magazine, Zeitschriften, Zeitungen und Fernsehen heute nicht mehr uneingeschränkt die Lufthoheit über die Informations- und Nachrichtenwelt für sich beanspruchen können.

Aus der Perspektive christlicher Publizistik ist der Spiegel deshalb interessant, weil sich Gründer und Herausgeber Augstein – gerne vor christlichen Feiertagen – in seinem Blatt auch am Christentum und der Kirche abgearbeitet hat. Zuletzt, als der Journalist in einem protestantischen Trauergottesdienst aus dieser Welt verabschiedet wurde. Der Spiegel-Gründer und bekennende Atheist sorgte so für öffentliche Diskussionen über die Bedeutung von Glaube und das Selbstverständnis von Kirche. Dass Augstein immer wieder zynisch mit Kirche und Glaube ins Gericht ging, hat viele Christen geärgert.

Augsteins Hass auf Kirche in der Kindheit begründet

Dabei war Augstein in einer sehr katholischen Familie groß geworden und 1968 aus Protest aus der Kirche ausgetreten. Seine negativen Erfahrungen aus Kindertagen verarbeitete Augstein in den Artikeln. In der aktuellen Ausgabe gibt ein Interview mit seiner Schwester, Ingeborg Villwock, Einblicke in die Hintergründe und bietet Erklärungsansätze für die Abneigung Augsteins gegen Glaube, Gott und Kirche. Im Interview sagt sie: „Die katholische Kirche bestimmte unseren Alltag. Wir mussten vor und nach dem Mittagessen beten, jeden Sonntag ging es zur Messe.“ Als Kind habe sie Angst davor gehabt, ins Fegefeuer zu kommen. „Rudolfs späterer Hass auf die katholische Kirche rührte aus dieser Zeit.“ Sie und ihr Bruder hätten „gelitten unter diesem bigotten Verhalten“ der Eltern.

Das Magazin aus Hamburg hält der Republik nun 75 Jahre, seit 1988 im Fernsehen mit „Spiegel-TV“ und seit 1994 als erstes Nachrichtenmagazin auch online, den Spiegel vor. Das geschieht oft investigativ und brachte im Laufe der Geschichte einige Politikerkarrieren ins Wanken. Franz Josef Strauß musste im Nachgang zu dem Spiegel-Titel „Bedingt abwehrbereit“ und einem Ermittlungsverfahren gegen die Journalisten Augstein (der wegen angeblichem Landesverrat mehr als 100 Tage in Untersuchungshaft war) und seinen Chefredakteur Conrad Ahlers 1962 seinen Hut als Verteidigungsminister nehmen. Die „Spiegel-Affäre“ gilt als Paradebeispiel für die Bedeutung der Pressefreiheit in Deutschland. Das Blatt genießt nach wie vor unter Medienschaffenden und dem Publikum den Ruf, hervorragenden investigativen Journalismus zu betreiben.

Seit seiner ersten Ausgabe hat der Spiegel viel Licht in die düsteren Ecken von Politik und Gesellschaft gebracht. In seiner aktuellen Ausgabe feiert sich das Blatt dafür selbst und listet stolz seine „Scoops“ (Enthüllungs- und Exklusivberichte) auf. Aber, wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten. 2018 gestand der Spiegel unter dem Titel „Sagen, was ist.“ – einem Credo von Spiegel-Gründer Augstein, öffentlich ein, dass der Reporter Claas Relotius viele seiner Geschichten im Blatt weitgehend erfunden hat. Mit dem „Fall Relotius“ litt das Magazin Schaden an seiner Redlichkeit – und mit ihm die gesamte Presselandschaft.

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann schreibt in einem Jubiläums-Spezial zum 75. Geburtstag des Magazins: „Wir machen den Spiegel nicht für Anzeigenkunden, Mäzene oder Mächtige, sondern für Sie. Und ganz im Sinne Augsteins machen wir ihn so, wie wir ihn selbst gern lesen würden.“ Man muss kein Fan des Nachrichtenmagazins sein, um dem Blatt genau das für seine Zukunft zu wünschen.

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