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60 Jahre Telefonseelsorge: Mit Worten helfen

Seit 60 Jahren nehmen sich Mitarbeiter der Telefonseelsorge Zeit für die Nöte anonymer Anrufer. Das Jubiläum feiern die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz mit einem ökumenischen Gottesdienst und einem Festakt am Samstag in Aachen. Zum Anlass veröffentlicht pro aus seinem Archiv ein Porträt verschiedener Seelsorgeangebote per Telefon.
Von PRO
Einsamkeit und Depression sind häufige Themen, bei denen die Telefonseelsorger zu helfen versuchen
Einsamkeit und Depression sind häufige Themen, bei denen die Telefonseelsorger zu helfen versuchen
Am schlimmsten ist es, wenn sexuell missbrauchte Kinder anrufen, erzählt Maria Grönert. „Manchmal schweigt das Gegenüber zehn Minuten lang und man selbst spricht die ganze Zeit zu jemandem, von dem man nicht weiß, ob der mit einem reden will. Und dann kommt so ein dünnes Stimmchen von einem kleinen Mädchen.“ Die 58-Jährige arbeitet seit drei Jahren beim Sorgentelefon Hildesheim. Jede Woche sitzt sie zwei Stunden lang am Telefon und versucht Kindern, Jugendlichen und Eltern zu helfen. Manchmal hört sie einfach nur zu. Das können heutzutage die wenigsten. „Wir haben Zeit. Und wenn es eine halbe oder eine Stunde dauert, ist das auch okay“, sagt sie. Das Sorgentelefon Hildesheim ist einer von insgesamt 135 Standorten in Deutschland, an denen die Organisation Nummer gegen Kummer (NgK) mit einem Eltern- sowie einem Kinder- und Jugendtelefon anonyme Telefonberatung anbietet. Die jungen Anrufer kommen am häufigsten mit Fragen zu Beziehungen und Sexualität. Manchmal geht es aber auch um sexuellen Missbrauch oder Gewalt. Eltern stellen häufig Erziehungsfragen. Ziel ist es, den Ratsuchenden zu vermitteln, dass jemand für sie da ist. Grönert arbeitet ehrenamtlich abwechselnd bei beiden Telefonen. Sie hat sich schon immer um Kinder gekümmert, früher in der Jungschar der Gemeinde. Außerdem bräuchten Kinder oft schlicht einen Ansprechpartner. „Manche wollen sich einfach alles von der Seele reden“, sagt sie. Die Arbeit am Telefon ist nicht einfach. Neben Kindern mit Gewalterfahrungen seien besonders Anrufe von Depressiven schwierig. Es gebe auch Daueranrufer, die sich regelmäßig melden. Für die ist die Hotline ein Strohhalm zum Leben. Grönert ergänzt: „Ich weiß, dass ich nicht aktiv eingreifen kann. Aber wir können gemeinsam Lösungen und Wege erarbeiten.“

„Lieber Gott, mach da was draus“

Ähnliches berichtet auch Sven Kepper, Leiter der Telefonseelsorge Marburg: „Worte haben eine große Macht. Gottes Wort hat eine große Macht.“ Die Telefonseelsorge hat deutschlandweit über 100 Standorte. Träger sind die katholische und die evangelische Kirche. Häufig rufen Menschen mit Ängsten oder Depressionen an. Ähnlich wie Grönert empfindet Kepper Schweigeanrufe als herausfordernd. „Man spürt an der Art, wie einem die Stille entgegenkommt, dass jemand ein wirkliches Problem hat“, sagt er. Um schwierige Anrufe zu verarbeiten, hilft Grönert ihr Glaube: „Wenn ich so eine Sache habe, dann spreche ich ein Gebet und sage: ‚Lieber Gott, ich kann nichts tun, mach da irgendwas draus.‘ Ich gebe das dann einfach ab.“ Die NgK ist im Gegensatz zur Telefonseelsorge nicht christlich ausgerichtet. Vielerorts sind die Träger Vereine des Deutschen Kinderschutzbundes. Trotzdem werde der Glaube in manchen Gesprächen thematisiert, erzählt Grönert. Wer mit Glaubensfragen kommt und einen Berater am Telefon hat, der nicht Christ ist, wird bei der NgK an die Telefonseelsorge weiter verwiesen. Den Glauben nicht aufzudrängen, das ist auch Kepper wichtig. Die Telefonseelsorge nehme die Trägerschaft ernst. Am Telefon sitzen nur Berater, die einer Kirche oder Freikirche angehören. Er selbst ist evangelischer Pfarrer. „Wir sprechen nicht proaktiv über den Glauben“, betont er. Die Anrufer wüssten aber, dass sie auch über ihre Beziehung zu Gott sprechen könnten.

„Wir rechnen mit Gottes Eingreifen“

Beim Chris Sorgentelefon steht die christliche Ausrichtung im Vordergrund. Der Verein ist ein Zusammenschluss von Christen verschiedener Gemeinden mit Sitz in Lüdenscheid und richtet sich an Kinder und Jugendliche. Häufig rufen Menschen mit Beziehungs- und Schulproblemen an. „Doch von Drogensucht bis zur Scheidung der Eltern kommt alles vor“, sagt die Vorsitzende, Jutta Georg. Grundsätzlich basiert die Beratung bei Chris auf den Werten und Inhalten der Bibel. Zwar würden Glaubensgespräche auch hier nicht aufgedrängt. „Oft sagen wir jedoch: ‚Wir beten für dich.‘ Und wir rechnen damit, dass Gott eingreift“, erklärt Georg. Es gebe auch Christen, die anriefen, weil sie jemanden zum Beten bräuchten. Besonders schwierige Fälle werden als Gebetsanliegen über einen E-Mail-Verteiler an die Mitarbeiter geschickt. Auch, um die Mitarbeiter zu unterstützen.

Suizid: Eingreifen erlaubt

Bei der Telefonseelsorge und bei der NgK stehen unterstützend Supervisoren zur Verfügung. In regelmäßigen Gruppentreffen an den Standorten mit einem ausgebildeten Supervisor werden vergangene Gespräche analysiert und gemeinsam besprochen. Auch in der Ausbildung lernen die Mitarbeiter den Umgang mit schwierigen Fällen. Anonymität zu gewährleisten, ist allen Anbietern wichtig. Dadurch könnten die Hilfesuchenden frei und offen über ihre Probleme reden, sagt Kepper. „Es gibt Situationen, da bist du dankbar für einen anonymen Gesprächspartner“, ergänzt Grönert. Und Georg betont, dass die Anrufer auch Themen ansprechen könnten, für die sie sich sonst schämten. In seltenen Fällen wird die Anonymität aufgehoben. Zum Beispiel, wenn der Anrufer eine Weitervermittlung wünscht. Bei Chris können sich Anrufer zum Beispiel auch eine christliche Jugendgruppe empfehlen lassen. Wenn jemand bei einem Suizidanruf glaubhaft seinen Aufenthaltsort nenne, dürften die Berater außerdem den Rettungsdienst verständigen, so Kepper. Solche Fälle kommen aber nicht oft vor. Nur gelegentlich gibt es auch so etwas wie Erfolgserlebnisse. Es sei wie Balsam auf der Seele, wenn die Anrufer hinterher sagten, man hätte ihnen weitergeholfen, erzählt Grönert. Das seien aber „seltene Glücksmomente.“ Und Kepper ist der Meinung: „Ein Erfolgserlebnis ist schon, wenn jemand stockt. Das bedeutet, dass da ein neuer Gedanke reingekommen ist und das ist wunderbar.“ (pro)
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