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20 Jahre danach: DDR, Mauerfall und Friedliche Revolution

Was wissen die Bürger heute noch, 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution, von DDR, Mauerfall und Stasi? Von Unterdrückung durch Einheitspartei, mangelnde Meinungsfreiheit und skrupellose Verfolgung von Regimekritikern? Über diese und andere Fragen haben wir mit Rainer Eppelmann - evangelischer Pfarrer, Politiker, Bürgerrechtler - gesprochen.
Von PRO

Foto: nbwolf/flickr

Herr Eppelmann, Sie sind Vorsitzender der „Bundesstiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur“, sitzen in einem Gebäude in Berlin-Mitte, wenige Meter von der früheren Berliner Mauer entfernt. Ihre Einschätzung: Wie viel Prozent der Bundesbürger könnten den Verlauf der Mauer heute noch rekonstruieren?

Eppelmann: Fast keiner, das kann ich Ihnen sogar sicher sagen. Als Stiftung Aufarbeitung waren wir in den vergangenen Jahren immer auch bei dem Fest zur deutschen Einheit dabei, das jeweils von dem Bundesland in dessen Landeshauptstadt ausgerichtet wird, das jeweils den Vorsitz im Bundesrat hat. Schön an dieser Regelung ist es, dass das Fest nicht immer nur in Berlin stattfindet, sondern mal in Düsseldorf, Hamburg, Erfurt oder München. In den vergangenen drei Jahren haben wir immer ein Spiel mit den Besuchern gemacht: Sie sollten auf einer Stadtkarte den Verlauf der Mauer einmal einzeichnen. Dabei kommen die wirrsten Zeichnungen und Vorstellungen heraus. Wahrscheinlich ist diese Aufgabe aber auch eine Überforderung – und ich hätte sicher selbst meine Schwierigkeit, den Mauerverlauf bis ins Detail einzuzeichnen. Hinzu kommt auch: Es gibt ja kaum noch Spuren von diesem schrecklichen Bauwerk, das 28 Jahre Berlin teilte. Einerseits könnte man sagen: Gott sei Dank, denn das Verschwinden der Mauer entsprach auch den Bedürfnissen der Menschen in jenem Herbst 1989. Denn die Mauer war das Symbol für die Abhängigkeit von einer Diktatur.

War dies das Lebensgefühl aller Ostdeutschen damals?

Natürlich haben gerade die Berliner jeden Tag unter der Mauer und ihrer „Botschaft“ gelitten. Es gab ja Mauerkranke, die auch ärztlich behandelt werden mussten, weil sie die Mauer jeden Tag gesehen und erlebt haben. Außerhalb Berlins hatten die Bürger diese Grenzerfahrung zumindest nicht täglich. Das Wissen: Du kommst aus diesem Land nicht raus, obwohl du dich gedemütigt oder als Christ verfolgt fühlst – daran haben nicht alle tagtäglich gedacht. Der Berliner, der jeden Tag vielleicht auf dem Weg zur Arbeit an der Mauer vorbeigehen musste, hat das regelmäßig brutal vergegenwärtigt bekommen: Du kommst hier nicht raus, das verhindert dieses schreckliche Bauwerk.

Gerade in diesen Tagen, 20 Jahre nach dem Mauerfall und der friedlichen Revolution, widmen sich die Medien dem Thema in Talkrunden oder Spielfilmen…

…was ich für sehr wichtig erachte. Die ARD thematisierte etwa Ende September in einem beeindruckenden Spielfilm unter dem Titel „Jenseits der Mauer“ das Leid der Kinderadoptionen in der DDR, die ja eine der Leidenschaften von Margot Honecker waren. Genauso wichtig ist es, wenn Zeitzeugen aus ihrem Leben berichten, wenn Dokumentationen Einblicke geben und historische Zusammenhänge aufzeigen. Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit gerade der jungen Menschen zwischen 15 und 18 Jahren von der DDR-Geschichte überhaupt nichts wissen, mit der SED-Diktatur kaum etwas anfangen können und – ebenso schlimm – über die Nachkriegsgeschichte Deutschlands ebenfalls nur wenig Ahnung haben, ist die Medienvermittlung umso wichtiger. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass in vielen Schulen in Deutschland die Vermittlung der jüngeren deutschen Zeitgeschichte mit dem 8. Mai 1945 aufhört. Das bedeutet aber auch, dass den Schülern so gut wie kaum Wissen über das Wachsen der Demokratie in der alten Bundesrepublik vermittelt wird. Man kann ja noch darüber schmunzeln, wenn 20 Prozent der Jugendlichen nicht wissen, wer Wolf Biermann oder Erich Honecker war. Aber wenn 20 Prozent nicht wissen, wer Willy Brandt war, dann zeigt das, dass dieses Loch im Geschichtswissen nicht nur auf die Deutsche Demokratische Republik sondern auch auf die Bundesrepublik Deutschland zutrifft. Und wenn 30 Prozent der jungen Leute auf die Frage nach den wichtigsten Unterschieden zwischen Diktatur und Demokratie keine Antwort geben können – dann fängt es an, gefährlich zu werden.

Welche Bilder und Geschichten prägen Ihrer Ansicht nach das heute weit verbreitete Denken über die DDR? Der Film „Good Bye Lenin“ etwa war einer der erfolgreichsten Kinofilme zum Thema überhaupt.

Ich hoffe nicht, dass dieser Film das Bild der Westdeutschen über die DDR prägt! Der meiner Meinung nach beste Spielfilm ist „Das Leben der Anderen“ von Florian von Donnersmarck, der mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Er zeigte das Teuflische, Korrupte und Verwerfliche des Systems der DDR und Stasi. Weit über 90 Prozent haben ja damals etwa „West-Fernsehen“ geschaut und eine relativ genaue Vorstellung davon gehabt, wie die Menschen in München, Hamburg oder Düsseldorf gelebt haben, ihnen beim Arbeiten, Einkaufen oder Verreisen zugeschaut. Unser Leben in der DDR war von den Fragen begleitet: Warum können die das alle und wir nicht? Sind die im Westen so viel besser, so viel klüger, so viel mutiger? Die meisten DDR-Bürger haben richtig gesagt: Nein, stimmt alles nicht. Die haben günstigere Voraussetzungen und strukturelle Bedingungen als wir im Osten. Daraus resultierte der Wunsch, auch so leben zu können, mit all den Chancen und Möglichkeiten. Aber dieser Wunsch war immer von dem Wissen begleitet: Du kannst es nicht! Nicht nur die sogenannten „Wahlen“ waren ungeheuer demütigend, denn alle wussten, dass der Begriff nicht zutrifft. Das dürfen wir nicht vergessen, denn die Umstände der DDR prägen die Menschen, die in dem System dieser Diktatur leben mussten.

In Ihrem Buch „Gottes doppelte Spur“ schreiben Sie darüber, dass Ihre Eltern nach Beginn des Mauerbaus ab dem 13. August 1961 der Überzeugung waren, dass sich das der Westen doch nicht bieten lassen würde. War das die weit verbreitete Meinung über die Berliner Mauer?

Zunächst einmal ist das Datum und Ereignis des Mauerbaus nicht nur mit der Meinung etwa meiner Eltern verbunden, sondern auch mit der Enttäuschung gegenüber dem Westen – der eben nicht einschritt und sich den Mauerbau bieten ließ. Diese Enttäuschung prägte auch die Zeit nach dem Aufstand am 17. Juni 1953, bei dem mehr als 100 Menschen umkamen. Unter den Verhafteten waren weitere 125 Bürger, die ohne Gerichtsverfahren erschossen wurden, Tausende, die verurteilt worden sind. Doch schon 1953 hat der freie, demokratische Westen zuschauen müssen – die Welt war nach dem 2. Weltkrieg in strikte Interessengebiete eingeteilt, durch die die Grundlagen des Kalten Krieges gelegt wurden. Die Rolle der Amerikaner um den 13. August 1961, die Tage des Mauerbaus, beschränkte sich darauf zu achten, dass nicht ganz Berlin eingemauert wurde. Doch gleichzeitig waren es 28 Jahre später auch die Bürger – und nicht die Alliierten mit ihren Soldaten -, die Freiheit geschaffen haben. (…)

Eine Ihrer späteren Entscheidungen war, den Kriegsdienst in der Nationalen Volksarmee zu verweigern.

Verbunden mit dem Kriegsdienst war der Fahneneid, den ich nicht sprechen wollte und konnte. Gerade vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte kann ich keinem Menschen versprechen: Ich mache alles, was du sagst! Außerdem habe ich mich in meiner Kirchengemeinde in Berlin-Hohenschönhausen sehr wohl gefühlt. Ich verdanke es meiner damaligen Jugendleiterin, dass ich begriff: Wenn du wirklich an Gott und Jesus Christus glaubst, muss es erkennbar sein, dass du Christ bist, und zwar in deinem praktischen Leben. Für mich bedeutete das, dass ich einen Dienst an der Waffe nicht antreten konnte. Ich bin doch nicht der Herr über das Leben anderer Menschen. Die Folge meiner Entscheidung waren acht Monate Haft. (…)

In der DDR haben Sie als Pfarrer mit Günter Hollwass in Ihrer Gemeinde in Berlin-Friedrichshain die so gennannten Blues-Messen gestartet, zu denen zehntausende Jugendliche strömten. Welche Rolle spielten die Blues-Messen und die Kirchen im Zuge der friedlichen Revolution und während der DDR-Diktatur?

Die Blues-Messen waren eine besondere Form von Gottesdienst für kirchenferne junge Leute mit einem ganz starken politischen Aspekt. Dazu kam es übrigens nicht dadurch, dass wir irgendeinen biblischen Text genommen haben und den mit der Frage, was das für kirchenferne Jugendliche in der DDR bedeuten könnte, entfaltet haben. Wir haben stattdessen mit unserer eigenen, sogenannten Offenen Arbeit, Jugendliche, die auf den Plätzen herum hingen und offensichtlich nichts mit sich anzufangen wussten, die auch keinen kirchlichen Hintergrund hatten, in unsere Räume geholt und uns mit ihnen unterhalten. Wir haben sie nach ihren Fragen und Ängsten, ihrer Wut und ihren Hoffnungen in dieser konkreten Situation, in der DDR in den Siebzigern und Achtzigern, gefragt. Das haben wir thematisiert und entfaltet. Wir haben es öffentlich dargestellt und dann danach gefragt, was die Texte des Alten und Neuen Testaments zu vergleichbaren Situationen sagen. Vieles im menschlichen und zwischenmenschlichen Bereich hat sich ja nicht so dramatisch verändert. Sonst wären diese Texte heute ja kein solcher Schatz mehr. Wir haben festgestellt, dass wir so zu ungeheuer aktuellen Aussagen kamen und es auf die Besucher sehr befreiend wirkte, das ausgesprochen zu hören, was sie schon ihr ganzes Leben dachten – aber nur flüsternd im engen Familien- und Freundeskreis weitergegeben haben. (…)

Sie waren nicht nur Minister für Abrüstung und Verteidigung, sondern auch 15 Jahre lang Bundestagsabgeordneter. Wie schätzen Sie das immer wieder genannte Ankommen der Linken auch in Westdeutschland ein und grundsätzlich das Erstarken der „Linken“?

Dafür muss ich etwas tun, was es zum Glück nicht mehr gibt: Ich muss unterscheiden in ostdeutsche und westdeutsche Bürger. Bei den ehemaligen DDR-Bürgern macht es mich nicht glücklich, dass ein relativ hoher Prozentsatz noch PDS oder inzwischen „Die Linke“ wählt. Die Menschen können doch nicht alles vergessen oder verdrängt haben, was sie damals so betroffen gemacht hat und was fast vier Millionen dazu brachte, die DDR in dem Bewusstsein zu verlassen, nicht mehr zurückkommen zu können! Das ist die eine Seite. Die andere Seite: Viele haben sich nie richtig mit der DDR befasst. Die gravierenden Unterschiede von Diktatur und Demokratie sind ihnen nie ganz klar geworden. Wie fürchterlich es für ein Volk ist, eingesperrt zu sein, haben die nie erlebt. Dazu kommen all die aktuellen Probleme und Fragen, die Ostdeutsche und Westdeutsche gleichermaßen bewegen. Und dann kommt ein Mann, der jahrelang ein bekannter Politiker in einer der großen Volksparteien der BRD war, der jahrelang Ministerpräsident in einem Bundesland der BRD war, der nun seine sozialdemokratische Partei verlässt und dieser Nachfolgepartei, dieser umbenannten SED, den demokratischen Ritterschlag ermöglicht. Meine tiefe Überzeugung ist, dass viele „Linke“-Wähler eigentlich nur Lafontaine-Wähler sind. Deswegen auch dieses relativ glanzvolle Ergebnis im Saarland. Und solche, die von dem Kurs von „Gerhard Gazprom“ oder den jetzigen Spitzen in der SPD enttäuscht sind und sagen, dass die die Sozialdemokratie aufgegeben haben. Das macht mich traurig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Rainer Eppelmann hat pro-Redakteur Andreas Dippel gesprochen. Das ganze Gespräch mit Rainer Eppelmann lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Kostenlos bestellen: Telefon (06441) 915151, E-Mail info@pro-medienmagazin.de

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