Am Istanbul Lisesi, einem deutsch-türkischen Gymnasium in Istanbul, entzündet sich ein Streit um ein „Weihnachtsverbot“
Am Istanbul Lisesi, einem deutsch-türkischen Gymnasium in Istanbul, entzündet sich ein Streit um ein „Weihnachtsverbot“

„Weihnachtsverbot“ an deutsch-türkischer Eliteschule

Keine Adventskalender an der Wand, keine Weihnachtslieder mehr: Deutsche Medien berichten von einem „Weihnachtsverbot“ an einer deutsch-türkischen Schule in Istanbul. Auch die Bundesregierung äußert sich.

In einer deutsch-türkischen Schule in Istanbul ist es den Lehrern untersagt, über das Weihnachtsfest im Unterricht zu sprechen. Das berichteten deutsche Medien am Sonntag. Deutsche Politiker verschiedener Parteien reagieren empört auf das „Weihnachtsverbot“. Die Schulleitung gab am Sonntagabend ein Dementi heraus.

Es geht um das Istanbul Lisesi, ein deutsch-türkisches Gymnasium in Istanbul. Deutschland entsendet an diese staatliche Schule, die zu den besten des Landes gehört, Bildungskräfte. Die aktuell 35 Lehrer werden aus deutschen Steuermitteln bezahlt. Die deutsche Regierung veranschlagt für die Lehrkräfte „einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag“.

Polenz kritisiert dpa

Urheber der Meldungen zum „Weihnachtsverbot“ an der Istanbuler Schule ist die deutsche Presse-Agentur (dpa). Auf Facebook kritisierte der CDU-Politiker Ruprecht Polenz deren Recherchemethoden und warf der dpa vor, nicht bei der Schule selbst angerufen zu haben. Daraufhin legte die dpa den Rechercheweg ihrer Journalisten offen.

Demnach hat die Berichterstattung um das Istanbul Lisesi ein Vorspiel. Am Dienstag, den 13. Dezember, gab es im deutschen Generalkonsulat ein Weihnachtskonzert. Traditionell nimmt daran der Chor des Istanbul Lisesi teil. Weil die Teilnahme kurzfristig abgesagt wurde, nahm das dpa-Büro in Istanbul aber die Recherche auf.

Verbannung des christlichen Festes

Zwei Tage später, am Donnerstag, den 15. Dezember, bekam die dpa eine E-Mail der Leitung der deutschen Abteilung des Istanbul Lisesi weitergeleitet, die an die deutschen Lehrer der Schule gerichtet war. Darin heißt es laut dpa: "Es gilt nach Mitteilung durch die türkische Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird." Bei der Recherche vor Ort tauchte dann das erste Mal von anonymen Quellen aus dem Schulumfeld, die Repressalien befürchten, das Wort „Weihnachtsverbot“ auf.

Noch am selben Tag stellt das Büro der Nachrichtenagentur in Istanbul demnach eine schriftliche Anfrage beim Bildungsministerium in Ankara, das der Istanbuler Schulleitung vorgesetzt ist. In der E-Mail fragt die Presseagentur, ob die „Weihnachtsverbot“-Anweisung direkt vom Bildungsministerium ausgehe und ob sie für alle Schulen in der Türkei gelte. Auch beim Leiter der deutschen Abteilung des Gymnasiums will dpa um einen Termin gebeten haben. Auf die freitägliche Nachfrage beim Bildungsministerium sei keine Reaktion erfolgt.

Türkische Schulleitung dementiert

Am vergangenen Sonntag verschickte dpa ihre Meldung zum „Weihnachtsverbot“. Das Auswärtige Amt reagierte zuerst "verschnupft": „Wir verstehen die überraschende Entscheidung der Leitung des Istanbul Lisesi nicht.“ Der AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu widersprach dpa. Ein Weihnachtsverbot gebe es nicht. Spiegel Online hat mit deutschen Lehrern der Schule gesprochen. Danach gab es Anweisungen, nicht nur auf Weihnachtslieder und Adventsfeiern zu verzichten, sondern auch die Adventskalender aus den Schulräumen zu entfernen.

Am Sonntagabend veröffentlichte die türkische Schulleitung ein Dementi. Auf der Homepage der Schule bestreitet sie den Erlass des Verbots. Allerdings beklagt sich die Schulleitung auch, dass deutsche Lehrer in den vergangenen Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt hätten, die nicht im Lehrplan vorgesehen sei. Laut dpa hat es ein „unverzüglich“ einberufenes Treffen zwischen der türkischen Schulleitung und der Leitung der deutschen Abteilung gegeben. Es sei in diesem Fall zu einem sensiblen Umgang aufgerufen worden.

Özdemir: „Letzte Reste religiöser Vielfalt ausmerzen“

Deutsche Politiker verschiedener Parteien reagierten auf die „Weihnachtsverbot“-Meldung empört. „Das sei ein Schlag gegen die Lehr- und Religionsfreiheit“, zitiert die Passauer Neue Presse die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im deutschen Bundestag, Gerda Hasselfeldt. Sie merke immer mehr, dass die Türkei in eine Autokratie abrutsche. Die CDU-Vizechefin Julia Klöckner sprach im Bezug auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan von "Unsouveränität, Bevormundung und Abschottung."

Der Grünen-Chef Cem Özdemir sieht das Vorhaben der türkischen Regierung, „auch die letzten Reste an religiöser und ethnischer Vielfalt gründlich auszumerzen, wenn sie sich selbst von harmlosen Weihnachtsliedern in seiner Herrschaft bedroht fühlt“, kritisch. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, stimmte über Facebook der Kritik der EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber zur Thematik zu.

Die deutsche Bundesregierung sieht derweil keinen Handlungsbedarf. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, war am Montag zuversichtlich, dass die Schule in Kürze die Missverständnisse hoffentlich ausgeräumt habe. „Es gab und es gibt wahrscheinlich Diskussionen darüber, in welcher Weise im Unterricht über deutsche Traditionen und Bräuche gesprochen wird“, sagte Schäfer. Aber niemand in der Türkei verbiete irgendjemanden, Weihnachten zu feiern. Regierungssprecher Steffen Seibert befand, dass sich dieser Fall nicht als Ausgangspunkt für eine Debatte über die gesamte Türkei-Politik der Bundesregierung eigne. (pro)

Von: mm

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