Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im November: „Die Kirche sollte sich mit eigenen, kontroversen Beiträgen und Vorschlägen in politische und gesellschaftliche Diskussionen ‚einmischen‘.“
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im November: „Die Kirche sollte sich mit eigenen, kontroversen Beiträgen und Vorschlägen in politische und gesellschaftliche Diskussionen ‚einmischen‘.“

Wie viel Einmischung ist angebracht?

Die Kirchen haben in letzter Zeit mehrfach politisch Stellung bezogen. Das wirft für das Wahljahr 2017 die Frage auf, wie groß ihr Einfluss auf Politik heute noch ist – und wie weit sie ihn nutzen.

Wenn eine Partei, die das Wort „christlich“ im Namen führt, weniger Einmischung der christlichen Kirchen anmahnt, dann ist das zunächst einmal überraschend. Der CSU-Politiker und bayerische Finanzminister Markus Söder vertritt jedoch eben diese Meinung: „Es wäre für die Kirchen besser, sie würden sich stärker auf den Glauben konzentrieren und weniger Politik machen.“

Neu ist diese Forderung nicht, nur wurde sie früher in der Regel nicht von der CDU/CSU erhoben, sondern von linken Parteien. Die heftigste Auseinandersetzung gab es im Wahljahr 1980: Damals ließen die katholischen Bischöfe von den Kanzeln einen Hirtenbrief verlesen, in dem sie kaum verhohlen dazu aufriefen, CDU/CSU zu wählen. So wurde es jedenfalls von den meisten verstanden.

„Die Kirchen haben im Tagesgeschäft nichts verloren.“

Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt war empört – und äußerte sich inhaltlich ähnlich wie heute Markus Söder, im Ton allerdings deutlich heftiger: „Die Kirchen haben im Tagesgeschäft nichts verloren“, polterte der SPD-Politiker. „Die sollen sich gefälligst um das Grundsätzliche kümmern.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Kölner Kardinal Joseph Höffner (1906-1987), bestritt daraufhin, dass man die Wahlparolen einer bestimmten Partei übernommen habe. Wirklich überzeugen konnte er damit aber nicht – sogar viele Katholiken zeigten sich verärgert über das Vorgehen der Bischöfe: Aus Protest verließen sie während der Verlesung des Hirtenbriefs den Gottesdienst.

Lange Zeit war es hingegen selbstverständlich, dass die Kirchen eine bestimmte Partei unterstützten. So war die Zentrumspartei im Kaiserreich und in der Weimarer Republik die politische Vertretung der Katholiken. Als nach dem Krieg die überkonfessionelle CDU mit dem früheren Zentrumspolitiker Konrad Adenauer an der Spitze größte Partei wurde, erhoffte sich vor allem die katholische Kirche deutliche Einflussnahme.

Heute ergibt sich ein völlig anderes Bild: Schon 2003 vertraten in einer Umfrage im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung fast drei Viertel der Befragten die Meinung, dass die CDU die Wertvorstellungen der Kirchen nicht mehr umsetze. Der frühere Schulterschluss der Kirchen mit den „C-Parteien“ hat sich aufgelöst. Beide Kirchen bemühen sich mittlerweile, den Eindruck der Parteinahme zu vermeiden. Jeder müsse nach seinem eigenen Gewissen entscheiden, ist ihre Standard-Formulierung.

„Wenn uns das mitunter in Konflikt mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen oder Parteien bringt, dann haben wir da Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.“

Im Wahljahr 2017 ist es allerdings etwas anders: Gegen die AfD haben die Kirchen klar Stellung bezogen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, antwortete kurz vor Weihnachten auf die Frage, ob die AfD für Christen wählbar sei: „Bestimmte Aussagen, die sich gegen Menschen pauschal richten, sind aus meiner Sicht nicht akzeptabel. Ausländerfeindlichkeit ist nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben.“ Beim Thema Flüchtlinge sind die Kirchen gegen die von der CSU geforderte Obergrenze. Damit ergeben sich vor allem Reibungspunkte mit Parteien des rechten Lagers – ein deutlicher Unterschied zu früher.

Direkte Wahlempfehlungen der Kirchen wird es sicher nicht geben, das würde zu sehr nach Bevormundung klingen. Die katholischen Bischöfe würden aber deutlich machen, dass bestimmte Positionen mit dem Evangelium nicht vereinbar seien, sagte der Kölner Kardinal Rainer Woelki der Deutschen Presse-Agentur: „Wir sind für Solidarität. Und Solidarität hat immer auch ein Herz für diejenigen, deren Leben bedroht ist“, stellte er klar. „Wenn uns das mitunter in Konflikt mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen oder Parteien bringt, dann haben wir da Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.“

Fraglich ist, ob die Kirchen damit viel ausrichten. Studien haben mehrfach belegt, dass nur noch wenige Bürger ihre Wahlentscheidung aus einer kirchlichen Bindung heraus treffen: So ergab eine Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung 2009, dass selbst die Mehrheit der CDU-Anhänger weder mehr Christen in der Politik will noch mehr Einfluss der Kirchen in der CDU. (pro/dpa)

Von: mab/dpa

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