Nicht unumstritten, und nicht ohne Streit: Seit zehn Jahren soll in der Deutschen Islamkonferenz vermittelt werden
Nicht unumstritten, und nicht ohne Streit: Seit zehn Jahren soll in der Deutschen Islamkonferenz vermittelt werden

10 Jahre Deutsche Islamkonferenz: Minimalkonsens und Misstrauen

Bei der Deutschen Islamkonferenz geht es oft ganz schön zur Sache. In der Anfangsphase verlief die Front eher zwischen den Vertretern des Staates und den geladenen Muslimen. Aktuell streiten die Islam-Verbände und die Migrantengemeinden vor allem untereinander.

Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ist keine gemütliche Runde, in der die immer gleichen Verbandsvertreter und Politiker in schöner Regelmäßigkeit Nettigkeiten austauschen. Im Gegenteil. Die Arbeit dieses Forums, das Wolfgang Schäuble (CDU) als Bundesinnenminister vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat, gleicht eher einer Achterbahnfahrt.

Der Vizepräsident des Deutschen Städtetags, Ulrich Maly (SPD), gehörte der Konferenz mehr als drei Jahre lang an. Der Oberbürgermeister von Nürnberg erinnert sich an „hitzige Phasen” unter Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und an langwierige Diskussionen über Begriffe, darüber, was „Islamismus” und „islamischer Radikalismus” eigentlich bedeuten.

Dass die radikalen und aggressiven Ausprägungen ihrer Religion in der Islamkonferenz oft im Mittelpunkt stehen, störte einige Muslime, die der DIK angehören. Doch das ist manchmal auch schlicht der Aktualität geschuldet. Im Januar 2015, als die DIK-Mitglieder planmäßig zusammenkamen, sollte es eigentlich um Wohlfahrtspflege für Muslime gehen. Doch alle standen damals unter dem Eindruck einer islamistischen Terrorserie in Paris. Das war dann auch das Hauptthema einer anschließenden Pressekonferenz.

Kritiker des Islam sind unerwünscht

„Ich verstehe nicht, warum die Verbände nicht über Radikalisierung reden wollen, denn das ist heute ein großes Thema, gerade unter Jugendlichen”, sagt Ahmed Mansour. Der Programmdirektor der European Foundation for Democracy ist Islamismus-Experte. In den Jahren, als er der DIK angehörte, wollte er unter anderem eine Debatte über Antisemitismus unter deutschen Muslimen anstoßen, stieß damit aber nicht bei allen Teilnehmern auf Gegenliebe.

Heute sind Einzelpersonen wie Mansour nicht mehr in der DIK. Experten werden nur noch nach vorheriger Abstimmung mit den islamischen Verbänden zu bestimmten Themen eingeladen. „Nachdem man zu Beginn viele sogenannte Islamkritiker eingeladen hatte, die oft nur schlecht getarnte Islamfeinde waren, wird dieses Gremium heute vor allen von den konservativen Islam-Verbänden dominiert”, kritisiert Lamya Kaddor, islamische Religionspädagogin und Vorstandsmitglied im Liberal-Islamischen Bund.

Ayman Mazyek steht einem der von Kaddor genannten Verbände vor. Er ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Mazyek sieht die DIK aktuell auf einem guten Weg. Er hofft, dass die muslimischen Religionsgemeinschaften den christlichen Kirchen hierzulande eines Tages gleichgestellt sein werden, und dass die Islamkonferenz dazu beitragen wird, den Weg dahin zu ebnen. Aus seiner Sicht ist die institutionelle Gleichstellung ein „in der Verfassung verbrieftes Recht”.

Die Teilnehmer der DIK haben mehrfach gewechselt. Ein islamischer Verband wurde vorübergehend ausgeschlossen. Ein zweiter tauchte eine Zeit lang aus Protest gegen die Themensetzung nicht mehr auf. Die Alevitische Gemeinde in Deutschland erwägt aktuell ihren Rückzug aus der DIK, weil ihr der Einfluss der sunnitischen Verbände zu groß ist.

Debatte um muslimische Seelsorger bei der Bundeswehr

„Die Verbände haben oft auch eine politische Agenda”, sagt Kaddor. Das mache die Verständigung schwer. Gerade in jüngster Zeit sei das nach den innenpolitischen Verwerfungen in der Türkei wieder deutlich zu Tage getreten. Der größte Verband ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Bekir Alboga ist ihr Beauftragter für interreligiösen Dialog. „Dass in einer solchen Phase ausgerechnet der Beauftragte der Ditib gebeten wird, die Festrede zu halten, finde ich irritierend”, sagt Kaddor. Sie will dem Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Islamkonferenz an diesem Dienstag in Berlin ebenso wie Mansour fernbleiben.

Wie aktiv die DIK ist, hängt immer auch von der jeweiligen Bundesregierung ab. Unter Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist man weg von den großen Themen „Radikalisierung” und „Islamophobie”. Stattdessen stehen aktuell praktische Themen wie die Wohlfahrtspflege oder die Seelsorge für Muslime bei der Bundeswehr oder in Gefängnissen im Vordergrund. „Die Frage der notwendigerweise zu erfüllenden Voraussetzungen, um zum Beispiel als Seelsorger in sicherheitsrelevanten Einrichtungen tätig werden zu können, zeigt unter anderem auch, welchen Weg die an der Deutschen Islamkonferenz teilnehmenden islamischen Dachverbände zum Teil noch gehen müssen”, sagt ein Sprecher des Innenministeriums.

Erfolge habe die DIK bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen erzielt. Außerdem habe sie dazu beigetragen, die Islamische Theologie an deutschen Universitäten zu etablieren. Maly sagt: „Auch in den unfruchtbaren, zähen Sitzungen habe ich etwas dazugelernt.”

Für Kaddor ist die DIK ein wenig aus der Zeit gefallen. Sie sagt: „Die Deutsche Islamkonferenz hat heute keine wirkliche Bedeutung mehr.” Und Mazyek findet, die Zeit sei reif, dass die muslimischen Verbände demnächst vielleicht selbst eine „nationale Islamkonferenz” auf die Beine stellen. Die DIK könne „auch hier wieder wichtiger Impulsgeber und Wegbereiter sein”. (dpa)

Von: dpa

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