Wegen Homeschooling: Deutsche Familie flüchtet

H a m b u r g (PRO) - Homeschooling ist und bleibt in der deutschen Öffentlichkeit umstritten. Seit Monaten begleiten Medien den Fall der Familie R. Die Eltern, überzeugte Christen, wollen ihre Kinder zu Hause unterrichten. In der anhaltenden Debatte werden Befürworter von Homeschooling in die Sektenecke gerückt - eine fatale Entwicklung.

Das gläubige Elternpaar André und Frauke R. aus Hamburg-Othmarschen kämpft seit fünf Jahren gegen die Schulbehörden. Die Eltern unterrichten drei ihrer sechs Kinder zu Hause. Nun droht ihnen der Entzug des Sorgerechts.

Laut einem aktuellen Bericht der "Welt am Sonntag" (WamS) floh die Familie am vergangenen Wochenende aus ihrem Wohnort Hamburg. Ihr Anwalt, Armin Eckermann, bestätigte die Abreise: "Sie sind aus Hamburg weggefahren." Nachbarn hätten am Sonntag beobachtet, wie die Familie in einem Wohnmobil abgereist war. Ihr Aufenthaltsort ist offiziell unbekannt. Gerüchten zufolge seien sie nach Österreich geflüchtet, heißt es in der "WamS" weiter. Denn dort ist Homeschooling erlaubt.

Bei dem gläubigen Ehepaar R. handele es sich nicht um mutige Einzelkämpfer, mutmaßen die "WamS" und das "Hamburger Abendblatt" in ihren Berichten. Vielmehr sei der jahrelange Kampf der von der "WamS" als "fundamentalistisch" bezeichneten Familie gegen die Schulbehörden "Teil einer groß angelegten Strategie". Die Familie wurde in den Berichten gar in die Sektenecke gerückt.

Beistand für Eltern

Denn der Anwalt der Familie R., Armin Eckermann, und seine Ehefrau Gabriele, ebenfalls Anwältin, gehören einem weltweiten Netzwerk einer Glaubensbewegung namens "Homeschooling" an. Die Eckermanns vertreten die Familie R. juristisch. Armin Eckermann ist der Vorsitzende des Vereins "Schulunterricht zu Hause e. V." (Schuzh). Auch dieser im Jahr 2000 gegründete Verein gehört zu dem Netzwerk "Homeschooling". Ziel des Vereins ist die "Förderung der Vermittlung schulischen Wissens in häuslicher privater Unterrichtung unter Zugrundelegung christlich-biblischer Maßstäbe". Der Verein will Eltern, die Homeschooling betreiben, beratend zur Seite stehen und Anwälte vermitteln, die juristischen Beistand geben. Verbunden ist der Verein mit der "Home School Legal Defense Association" (HSLDA) in den USA. Finanziert wird "Schuzh" unter anderem aus Spenden. Die Sektenbeauftragten in Deutschland beobachten die US-Bewegung laut den Zeitungsberichten allerdings argwöhnisch, da auch hierzulande religiös motiviertes Homeschooling zunehme. Bundesweit werden bislang Kinder aus 500 Familien zu Hause unterrichtet.

Homeschooling in den USA beliebt und erfolgreich

In den USA und in einigen europäischen Staaten wie Österreich, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Ungarn, Belgien, Irland, Italien oder Dänemark ist Homeschooling erlaubt. Dort wurden mit dieser Lernform auch sehr gute Erfolge erzielt. In den USA werden seit über 25 Jahren Kinder von ihren Eltern unterrichtet. Fernschulen stellen Eltern das Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Dabei gibt es neben der klassischen Form mit festgelegten Unterrichtszeiten verschiedene Varianten und Methoden, die sich an Begabungen und Interessen der Kinder orientieren. In Österreich oder benachbarten Ländern werden Familien sogar oftmals vom Staat unterstützt, indem sie Zugang zu Lehrbibliotheken oder Schulprojekten erhalten. Zu den Argumenten der Befürworter zählen unter anderem, dass Kinder zu Hause optimale Lernbedingungen vorfänden und sie nicht in zu großen Klassen abgelenkt seien. Zudem könnten minder- oder hochbegabte Kinder oder Kinder mit Schulangst oder psychosomatischen Störungen besser gefördert werden. Auch religiöse oder pädagogische Wertvorstellungen der Eltern würden berücksichtigt, die im öffentlichen Schulsystem nicht verwirklicht würden. In Deutschland ist Homeschooling gesetzlich untersagt. Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, drohen Zwangsgelder und der Entzug des Sorgerechts.

So auch der Familie R. Weil die Eltern ihre drei schulpflichtigen Töchter im Alter von 11, 13 und 15 Jahren seit fünf Jahren zu Hause unterrichten und sie auch ihren sechsjährigen Sohn in diesem Jahr nicht einschulten, muss Familie R. eine Geldstrafe von 840 Euro wegen Verstoßes gegen das Schulgesetz zahlen. Kürzlich musste der Vater sogar für eine Woche in Erzwingungshaft. Als nach seiner Entlassung die Kinder wieder nicht zum Unterricht an einer Gesamtschule erschienen, stellte die Behörde schließlich einen Antrag auf Entzug des Sorgerechts.

Günther Jauch beschäftigt sich in "Stern TV" mit Homeschooling

Laut der "WamS" wird die Familie R. in der Sendung "Stern TV" zu Wort kommen, mit der sie offenbar einen Exklusivvertrag hat. Deutschlands beliebtester Moderator Günther Jauch wird in den nächsten Wochen das Thema "Homeschooling" in seiner Sendung behandeln. Dabei soll es um Eltern gehen, die aus weltanschaulichen und religiösen Gründen ihre Kinder lieber zu Hause unterrichten, anstatt sie zur Schule zu schicken. Die Sendung "Stern TV" wird am Mittwoch, dem 6. September, um 22.10 Uhr auf RTL ausgestrahlt.

Von: CL

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