Es wird mittlerweile immer schwieriger, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Jetzt steht die Bloggerin Marie Sophie Hingst im Fokus, weil sie eigene Geschichten erfunden haben soll.

Es wird mittlerweile immer schwieriger, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Jetzt steht die Bloggerin Marie Sophie Hingst im Fokus, weil sie eigene Geschichten erfunden haben soll.

„Erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit“

Eine preisgekrönte Bloggerin soll eine falsche Vergangenheit ihrer Familie erfunden haben. Die Medien zweifeln den Wahrheitsgehalt von Interviews und einem Gastbeitrag von Marie Sophie Hingst an. Der Bayerische Rundfunk, der auch eine ihrer Geschichten verwendet hat, nimmt offiziell Stellung dazu.

Mit ihren erfunden Geschichten soll die Bloggerin Marie Sophie Hingst den Bayerischen Rundfunk, den SWR, Zeit Online und Deutschlandfunk Nova genarrt haben. Dies hat das Nachrichtenmagazin Spiegel herausgefunden. Die in Irland lebende Historikerin hat demnach sowohl in ihrem Blog „Read on my dear, read on" als auch gegenüber dem Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem falsche Angaben über ihre Abstammung gemacht.

2017 war sie als „Bloggerin des Jahres“ ausgezeichnet worden. Dieser Preis wurde ihr inzwischen wieder aberkannt. Der Bayerische Rundfunk hat in eigener Sache Stellung in der Angelegenheit bezogen. Nach derzeitiger Faktenlage habe Hingst wohl auch die Redaktion des BR2-Magazins Zündfunks getäuscht: „Die Geschichte, mit der sie 2017 in den Medien für Aufsehen sorgte, klang äußerst interessant und ungewöhnlich.“

Äußerst natürlich und authentisch

Am 16. Mai 2017 habe der Bayerische Rundfunk einen Beitrag über Aufklärungskurse für Flüchtlinge, in dem Hingst unter ihrem Pseudonym Sophie Roznblatt ein Interview gab: „Sie brachte zum Interviewtermin vermeintliche Belege mit, unter anderem Zeichnungen und ausgedruckte Mails. Ihr Auftreten in der Interviewsituation war äußerst natürlich und authentisch.“

Im Zuge der damaligen Recherche zum Inhalt des Artikels habe es keinerlei Anhaltspunkte für etwaige Zweifel gegeben. „Da Hingst bereits in anderen Leitmedien wie der Zeit veröffentlicht hatte, waren wir aber möglicherweise nicht so sensibilisiert, wie wir es hätten sein müssen. Anders als offenbar die Zeit wurden wir nach unserer Veröffentlichung leider auch nicht über mögliche Falschbehauptungen informiert. Die Onlinefassung des Beitrags sei aufgrund der rechtlichen Verweildauerregelungen im Mai 2018 depubliziert worden“, heißt es in der Stellungnahme.

Der Sender versuche Hingst für eine Stellungnahme zu erreichen. Der Vorfall werde sicherlich auf die zukünftige Arbeit Auswirkungen haben: „Wir werden prüfen, wie wir falsche Geschichten und betrügerische Interviewpartner in unseren Recherchen noch besser erkennen und vermeiden können.“

Nicht mehr guten Gewissens veröffentlichen

Der Südwestrundfunk (SWR) hatte vor über zwei Jahren ein Interview mit Hingst zum Thema Sexualaufklärung für Flüchtlinge geführt. In den Gesprächen des Redakteurs mit Hingst habe es keinen Anlass gegeben, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln. „Von heute aus gesehen, war das sicherlich ein Fehler“, zitiert die Deutsche Presseagentur dpa den Sender.

Bei Deutschlandfunk Nova geht es um eine Reportage über Sexualaufklärung in Indien. Es müsse „die Glaubwürdigkeit der Autorin so stark angezweifelt werden“, dass man ihre Beiträge nicht mehr guten Gewissens veröffentlichen könne. «Wir müssen uns in diesem Zusammenhang auch damit auseinandersetzen, trotz unserer hohen Standards möglicherweise einer gezielten Täuschung aufgesessen zu sein. Wir werden daher unsere Kriterien zur Abnahme von Beiträgen noch einmal überprüfen und weiter schärfen“, hieß es weiter.

Über einen Anwalt ließ die 31 Jahre alte Bloggerin dem Spiegel zufolge mitteilen, dass die Texte ihres Blogs „ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch“ nähmen. Es handele sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung, zitiert das Blatt die Stellungnahme. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur äußerten sich Hingst und ihr Anwalt nicht inhaltlich.

pro: Marie Sophie Hingst hat mit ihren erfundenen Geschichten mehrere Medien getäuscht. Wer hat Sie auf die Märchen von Frau Hingst aufmerksam gemacht?

Wolfgang Utz (SWR): Unser Kollege hatte vor circa zweieinhalb Jahren die Story mit der Sexualaufklärung für Flüchtlinge in der Zeit gelesen und das Interview mit Frau Hingst für SWR3 organisiert. Er gehört zu den Erfahrensten in unserem Team und war nach mehreren Kontakten mit Frau Hingst überzeugt davon, dass sie glaubwürdig ist. Am vergangenen Wochenende las er den Spiegel mit der Story über die erfundenen Geschichten von ihr und erinnerte sich daran, dass er mit ihr das Interview damals verabredet hatte. Daraufhin hat er umgehend die Programmleitung informiert. Wir haben dann verabredet, im Programm von SWR3 zu berichten, dass wir auf Frau Hingst reingefallen sind. Das ist auch geschehen.

Ist es zu verhindern, dass solche erfundene Geschichten in den Medien auftauchen?

Ja, grundsätzlich muss das immer unser Anspruch sein. Der Fall Hingst ist jedoch leider ein weiteres Beispiel dafür, dass selbst eine renommierte Zeitung wie die Zeit alleine noch keine sichere Quelle darstellt. Wenn es ein Gesprächspartner jedoch darauf anlegt, systematisch Geschichten zu erfinden, zu lügen und zu betrügen, wird eine Überprüfung kompliziert und zeitaufwändig.

Wenn ja. Welche Mechanismen können die Medien einbauen, um so etwas zu verhindern?

Unsere ausgebildeten Redakteure nutzen Recherche-Techniken wie beispielsweise das „Zwei-Quellen-Prinzip“, um sich abzusichern. Was wir gelernt haben, ist, dass dieses Prinzip auch bei Primärgesprächspartnern beharrlich angewendet werden muss. Wir haben daher anlässlich dieses Falles in der Redaktion noch einmal besprochen, dass eine Cross-Recherche auch bei Primärgesprächspartnern notwendig ist, um so zu checken, ob ihre Angaben glaubwürdig sind und von Dritten gegebenenfalls bestätigt werden.

Was bedeutet dieser Vorfall für ihre zukünftige Arbeit im Umgang mit Bloggern und für das Recherchieren von Geschichten?

Notwendig bleibt das, was wir oben gesagt haben: mehr Recherche, Gegen-Checken, ob Angaben korrekt sind. Dies ist Aufgabe von Journalisten und bleibt es auch. Zudem müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass Bloggerinnen und Blogger oder freie Autorinnen und Autoren – im Vergleich zu unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – zum Teil eben keine ausgebildeten Journalisten sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Von: Johannes Blöcher-Weil / dpa

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