Markus Lanz war für eine ZDF-Reportage unterwegs in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten

Markus Lanz war für eine ZDF-Reportage unterwegs in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten

Markus Lanz – überfordert in Israel und Gaza

Am 1. Weihnachtsfeiertag war im ZDF die Reportage „Mit Markus Lanz im Heiligen Land“ zu sehen. Angekündigt wurde eine „faszinierende Reise durch Israel und die palästinensischen Gebiete“. Nahostkorrespondent Ulrich W. Sahm hat die Dokumentation unter die Lupe genommen und festgestellt, dass nicht alle Angaben korrekt sind.

Es ist immer schön zu erfahren, was das deutsche Fernsehen so sieht – noch spannender, was es alles nicht bemerkt. Besonders interessant wird es, wenn es Dinge behauptet, die sonst keiner wahrnimmt. Die meisten Überraschungen bieten Reportagen aus dem Nahen Osten, der, wenn man sich nicht festlegen will, ob man Israel oder „Palästina“ meint, von deutschen Journalisten gerne auch das „Heilige Land“ genannt wird.

In der ZDF-Reportage begleitet Markus Lanz den Prior der Benediktinerabtei in Jerusalem, Pater Nikodemus, durch das „Heilige Land“ und ist überrascht:

Minute 04:00 „Dominieren hier (in Bethlehem) nicht die Minarette?“

Minute 05:00 Pater Nikodemus erklärt: „Christen werden immer weniger, weil die Christen am wenigsten Kinder haben, … weil wir wollen, dass die Kinder eine Zukunft haben, dass die eine optimale Schulausbildung haben, dass die alle auf die Universität gehen können. Was sind die Christen hier? Sie sind die Apotheker, Ingenieure, Ärzte, die Bildungselite.“

Der Zuschauer muss sich fragen: Haben die gut ausgebildeten Christen im „Heiligen Land“ nun gute Jobs, oder sie sind gegangen?

Fakt ist, dass in Israel die Christen von Jahr zu Jahr mehr werden und oft sehr gute Jobs haben. Das gilt allerdings nur für Israel selbst, und nicht für Bethlehem und die palästinensischen Gebiete. Denn da ziehen die gut ausgebildeten Christen tatsächlich weg. Was der Zuschauer nicht erfährt: Bis 1948 war Bethlehem eine rein christliche Stadt. Heute bilden Christen in Bethlehem nur noch eine schwindende Minderheit.

Die Behauptung, dass Kinder und Christen keine „Zukunft“ hätten, ist ein typisch palästinensisches Narrativ und gilt nicht für Israel selbst. Lanz hätte auch feststellen können, dass die Zahl der Christen in Israel stetig wächst, auch wenn deren Anteil an der Gesamtbevölkerung sinkt, wegen vieler Kinder bei Muslimen und orthodoxen Juden, sowie wegen jüdischer Einwanderung. (Genauso ist der Anteil der Türken in Deutschland 1990 drastisch gesunken, ohne dass auch nur ein einziger das Land verlassen hätte: wegen der Wiedervereinigung.)

Minute Minute 05:44 erklärt Lanz: „Doch Plakate an den Straßenecken zeigen, dass auch in der Geburtsstadt Jesu ein unseliger Konflikt schwelt. Sie erinnern an Palästinenser, die in blutigen Auseinandersetzungen mit Israelis starben. Manche auch als Selbstmordattentäter, mit unzähligen Toten auf beiden Seiten, darunter auch immer wieder Kinder.“ Typisch für palästinensische Selbstmordattentate ist, dass es nur einen toten Attentäter gibt, aber viele Tote auf der anderen Seite.

Hinkender Mauer-Vergleich

Minute 06:00 „Eine Mauer, mit 8 Metern weit höher als die Berliner Mauer, trennt die Westbank von Israel. Und soll so das Land vor neuen Terroranschlägen aus den Palästinensergebieten schützen. Ein unverzichtbarer Schutz für die einen, ein Quell ständiger Frustration für die anderen. An diesen Türmen entlädt sich immer wieder die Wut der Bevölkerung. Zuletzt nach der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch den US Präsidenten.“

Der Vergleich mit der Berliner Mauer hinkt aus mehreren Gründen: Sie wurde vom DDR- Regime errichtet, um die eigene Bevölkerung einzusperren, während die israelische Mauer Terroristen aussperren soll. Die israelische Mauer ist durchlässig, aber nur durch Kontrollpunkte. Täglich wechseln über 120.000 Palästinenser nach Israel, um ihrer Arbeit nachzugehen. Weitere 30.000 Palästinenser arbeiten in den israelischen Siedlungen im Westjordanland. An der Berliner Mauer gab es Selbstschussanlagen und andere Methoden, um Menschen zu töten, nicht an der israelischen Mauer.

Minute 07:00 Treffen mit dem palästinensischen Pfarrer Mitri Raheb. Lanz fragt, was für Raheb die Mauer zwischen Bethlehem und Jerusalem bedeutet.

Raheb meint, man solle sich „die Westbank als Emmentaler Käse vorstellen. Bethlehem ist so ein Loch in diesem Käse, von drei Seiten von dieser Mauer umgeben. Im Norden, Westen und Süden. Nur im Osten haben wir noch keine Mauer.“

Tatsächlich ist auch nach Süden hin Bethlehem offen und ohne Mauer. An dieser Stelle entspinnt sich ein denkwürdiger Dialog:

Lanz: „Was macht das mit den Menschen, die haben ja überhaupt keine Gelegenheit mehr, sich zu begegnen, sich kennenzulernen. Das Verständnis für den jeweils anderen wird ja immer kleiner.“

Raheb: „Ein Sinn von dieser Mauer ist, dass die Israelis den Eindruck bekommen, die Palästinenser gibt es nicht. Also wir sind hier sozusagen verborgen hinter der Mauer.“

Lanz: “... und umgekehrt auch.“

Raheb: „Das führt natürlich dazu, dass auch die Palästinenser deshalb keinen Israeli mehr treffen können. Das heißt, man kann natürlich sehr einfach Stereotype bilden und Feindbilder.“

Lanz: „Klischees / Vorurteile.“

Raheb: „Genau.“

Aber es kommt noch dicker:

Raheb: „Die Mauer steht da, wo das letzte Haus im Ort steht. Das heißt, unsere Städte können nicht mehr wachsen. Wenn eine Stadt nicht mehr wachsen kann, (heißt das) wir können keine neuen Nachbarschaften bauen.“

Unwidersprochen von Lanz kann hier Raheb falsche Tatsachen behaupten, denn „unsere Städte“ sind keineswegs völlig eingemauert. Auch Bethlehem kann sich problemlos nach Süden und Osten hin ausbreiten. Unerwähnt bleibt auch, dass israelische Städte wie gerade Jerusalem sich wegen der Mauer nicht in alle Richtungen ausbreiten können.

Durch den verständnisvollen deutschen Reporter ermutigt, spinnt Raheb seine Legende munter weiter: „Wir können nicht expandieren, das heißt natürlich, die Arbeitslosigkeit wächst, Bethlehem hat die höchste Arbeitslosenquote in der ganzen Westbank. Also 24,6 Prozent momentan. Wenn die Arbeitslosigkeit wächst, heißt das, die Kriminalität wächst, mit Kriminalität kommen Drogen, und das ist also eine von Menschenhand gemachte Katastrophe. Die meisten jungen Leute hier, das ist ein Unterschied zu Deutschland, haben überhaupt kein Problem zu glauben, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Das Problem für die jungen Leute hier, ist zu glauben, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, wofür es sich zu leben lohnt.“

Vertausch von Ursache und Wirkung

Warum gibt es dann keine Selbstmordattentäter in vielen anderen Ländern mit großer Armut und Arbeitslosigkeit? Diese Frage stellt sich Lanz nicht, sondern erklärt dem Zuschauer:

„Die Isolation durch die Mauer ist Nährboden für Frustration und Aggression. Kinder werden früh radikalisiert. Seit der ersten Intifada, dem ersten Aufstand gegen die israelische Besatzung, stehen bei den Protesten immer wieder auch Kinder an vorderster Front, so auch der kleine Ramzi Aburedwan, der 1988 Steine auf israelische Soldaten warf.“

Lanz vertauscht hier Ursache und Wirkung. Er unterstellt , dass es auch 1988 schon eine Mauer gab. Damals war das ganze Land aber noch offen, ohne jeden Checkpoint. Die Mauer wurde erst 2003 errichtet, wegen der Selbstmordattentate.

Ramzi ist „heute ein bekannter Kulturmanager und arbeitet als Dirigent in Belgien, Frankreich und Marokko“. Er erklärt im Rückblick: „Das Steinewerfen war damals die einzige Art, wie wir uns mitteilen konnten, dabei wollten wir nur frei sein.“

Lanz hat Verständnis: „Ramzi führt mich an den Ort … In eines der vielen Flüchtlingscamps, in dem er aufwuchs“, „... seit fast 70 Jahren leben Menschen in diesen slumartigen Vierteln – die damals vertrieben wurden.“

Warum Tausende aus Nahost vertriebene Juden in Israel eine Heimat gefunden haben, sich aber bis heute kein arabischer Staat der muslimischen Menschen aus dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina angenommen hat, diese Frage stellt sich Lanz nicht.

Stolz wird berichtet, Ramzi sei auch über die Grenzen des Westjordanlandes aktiv. Dabei hieß es eben noch, dass die Palästinenser eingesperrt seien und nicht reisen könnten.

Auch ein junger Geigenbauer erklärt mit Hinweis auf Israel: „Wenn sie wirklich Frieden haben wollen, dann würden sie keine Mauer bauen… .“

Hier wäre eine von Lanz nicht gestellte Gegenfrage angebracht: Und wenn die Palästinenser Frieden wollen, wieso betreiben sie Terror, bis die Israelis für viel Geld sich mit Mauern und Kontrollpunkten schützen müssen?

Weiter geht es nach Nazareth. Hier sei die Sehnsucht nach Frieden groß. Lanz sagt: „Hier leben Muslime, Christen und Juden zusammen ohne trennende Mauer.“ Sein Begleiter Nikodemus differenziert: Nazareth ist arabisch, Obernazareth jüdisch.

In Nazareth gibt es keine Mauern, das stimmt, aber unerklärt bleibt, wieso keine Juden im arabischen Teil der Stadt wohnen, während im jüdischen Obernazareth auch viele Araber eingezogen sind.

Wie der Fünfstern in die israelische Flagge kommt

Bei Minute 24:17 erklärt Lanz ein altes Relief in Kapernaum am See Genezareth und sagt: „der Davidstern ist heute Symbol Israels“.

Der fünfzackige Stern ist nicht der israelische Davidstern

Der fünfzackige Stern ist nicht der israelische Davidstern

Dabei verwechselt er hier allerdings das Pentagramm, den fünfzackigen Stern, aus dem sich auch der Sowjetstern entwickelt hat, mit dem Hexagramm, dem sechszackigen „Davidstern“, der die Flagge Israels schmückt.

Besonders friedlich wird es für Lanz in Tabgha, einer Begegnungsstätte von Behinderten am See Genezareth. „So treffen sich hier auch israelische und arabische Gruppen“, erklärt Lanz. Laut Pater Nikodemus ist hier ein „Urlaub vom Nahostkonflikt“ möglich: „Hier entsteht sehr viel Frieden.“ Offenbar ist hier jüdisch mit „israelisch“ gemeint, wobei auch die arabischen Behinderten Israelis sein dürften. Eine absurde Aussage, die letztlich besagt, dass Israelis mit Israelis friedlich umgehen können.

Beim Thema Taufplatz und Schmutzwasser im Jordan gibt es ebenfalls Verwechslungen. Die von den Israelis künstlich errichtete Taufstätte ist rund 100 Kilometer oberhalb des ursprünglichen Taufplatzes. Sie befindet sich bei dem noch aufgestauten Ausfluss des See Genezareth.

Ab etwa Minute 34 geht es um das Tote Meer. Lanz trifft Mira Edelstein von der Organisation „EcoPeace“, eine Umweltaktivistin. Diese erzählt nichts Falsches, lässt aber wesentliche Punkte aus:

Das Wasser verdunstet sehr stark und es wird für die Gewinnung von Kali, Salz, Brom und anderen Mineralien von Israel und Jordanien entnommen. Das ist der Hauptgrund für das Verschwinden des Meeres, nicht nur der mangelnde Zufluss von Wasser, etwa aus dem Jordan. Das Problem hat schon vor über 120 Jahren Theodor Herzl erkannt und vorgeschlagen, einen Kanal zwischen dem Roten und Toten Meer zu bauen, um das Wasser wieder aufzufüllen. Zurzeit verhandeln Israel und Jordanien über ein Projekt, diesen Kanal zu verwirklichen. Es ist unverständlich, wieso Lanz hier nur eine „Aktivistin“ zu Wort kommen lässt und offenbar weder eigenständig recherchiert, noch eine verantwortliche Person der Regierung interviewt hat.

Zum Gazastreifen

Minute 40:00 Lanz geht nun zum Gazastreifen über: „Abgeriegelt vom Rest der Welt, so nah am hochmodernen Israel und doch unendlich fern.“ Nicht erwähnt wird, dass der Gazastreifen noch bis 2005 offen war und nicht „abgeriegelt“. Endgültig blockiert wurde er seit dem „Krieg“ der Hamas gegen Israel ab 2007 wegen Raketenbeschuss und Terrortunnels.

„Immer wieder schießen Extremisten Raketen auf Israelisches Gebiet, töten und verletzen Zivilisten. Das Militär schlägt dann mit Härte zurück.“ Dies ist eine klischeehafte Formulierung. Wer diese „Extremisten“ sind, wird verschwiegen. Laut ZDF gilt „Härte“ nicht für Raketenbeschuss, sondern nur für die israelischen Konter.

„Die letzte blutige Auseinandersetzung liegt gerade mal 3 Jahre zurück. Und auch im Moment ist die Lage angespannt“ (Gezeigt werden Erwachsene mit Babys auf den Armen).

Lanz weiter: „Eselskarren transportieren Schutt vom letzten Gazakrieg 2014 ab.“ Gleichzeitig sind die modernsten Autos zu sehen, die aber für Lanz keine Erwähnung wert sind.

Nikodemus erwähnt hier korrekt die „doppelte Besatzung“ von außen durch Israel und von innen durch das Regime. Lanz erklärt: „Die Tage der Christen sind gezählt“. Sein Gewährsmann Rami Hanua Saba betont, es gebe nur noch etwa 1.000 christliche Gemeindemitglieder, „vor 5 bis 6 Jahren waren wir noch 5-6.000“.

Fehlende Fakten

Nicht erwähnt wird, dass Christen aus dem Gazastreifen geflohen sind wegen Morden und weil deren Gemeindehäuser als Abschussrampen für Raketen gegen Israel missbraucht wurden.

Nun kommt Lanz zu Saad Hakoura, einem Juwelier, der zwei Geschäfte in Gaza besitzt. Die Wirtschaft sei seit zehn Jahren am Boden, erklärt dieser. „Wir machen zurzeit nur noch 20 Prozent im Vergleich von vor 2007. Da hatten wir noch alles.“

Wer sich auskennt, weiß, wieso 2007 als Datum erwähnt wird: Es geht um die Machtübernahme der demokratisch gewählten Hamas im Gazastreifen. Aber so genau will es Lanz wohl nicht wissen.

Bei Minute 48:51 erzählt Lanz: „Tankwagen aus Ägypten liefern Gas. Gazas Kraftwerk kann nur maximal vier Stunden Strom am Tag generieren.“ Das hier erwähnte Kraftwerk wird nicht mit Gas, sondern mit Dieselöl betrieben, wie unter anderem zahlreichen deutschen Quellen entnommen werden kann: „Das einzige Kraftwerk im Gazastreifen ist am Samstag mangels Diesel-Kraftstoffs abgeschaltet worden.” oder „Einziges Kraftwerk abgeschaltet“.

Weiter wird in dem Film erwähnt, dass der Gazastreifen von Israel blockiert und abgeriegelt sei. Auch Marc Frings von der Konrad-Adenauer-Stiftung erklärt, Israel halte die Blockade auf dem Landweg, im Luftraum und im Meer aufrecht. Bei der Familie in Gaza, deren Leid unter der Stromknappheit so eindrücklich dargestellt wird, sind jedoch Medikamente aus Israel zu sehen, darunter „Abilak“. Wie sind diese wohl in den Gazastreifen gelangt, wenn Israel ihn „blockiert“?

Minute 50:40 Lanz: „Bevölkerungsdichte in Gaza so hoch, wie an kaum einem anderen Ort der Welt“. Tatsächlich ist die Bevölkerungsdichte in Singapur, Hongkong oder Tel Aviv höher als im Gazastreifen.

Von: Ulrich W. Sahm

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