Mathias Döpfner ist seit Juli 2016 Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger

Mathias Döpfner ist seit Juli 2016 Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger

„Vielleicht haben wir durch weltfremde Political Correctness Vertrauen eingebüßt“

Einer der profiliertesten deutschen Medienmanager führt seit einigen Monaten den Verband der Zeitungsverleger. Springer-Chef Mathias Döpfner mahnt die Medien, mehr auf ihre Glaubwürdigkeit zu achten – auch im Kampf gegen Fake News.

Gegen Fake News hilft nach Ansicht von Mathias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), nur die hartnäckige Recherche der Medien. Weder eine staatliche Stelle oder Hilfen für Facebook seien geeignet, falsche Nachrichten in den sozialen Medien zu entlarven. „Der beste Garant für den mündigen Bürger ist die Vielfalt der Information, der Meinungen und Wahrheiten“, sagte Döpfner (54), der auch Vorstandsvorsitzender von Axel Springer ist, im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Herr Döpfner, Politik und Medien beschäftigen sich aktuell mit dem Thema Fake News, also der Frage, wie man gefälschte Nachrichten erkennt und bekämpft. Für wie groß halten Sie das Problem?

Mathias Döpfner: Das hat es schon immer gegeben. Es wurden seit Hunderten von Jahren auf dem Gemüsemarkt oder nach drei Bieren in der Kneipe Unwahrheiten gesagt und Gerüchte verbreitet. Im Zeitalter sozialer Medien bekommt das allerdings eine andere Wirkung. Jeder kann es sehen. Fake News ist eben nicht professioneller Journalismus, sondern genau das Gegenteil.

Wie sollten Medienunternehmen dann mit dem Thema umgehen?

Ich rate zu mehr Ruhe und finde es falsch, dass professionelle Medien jetzt sozialen Medien helfen sollen, Fake News zu identifizieren und Fakten zu checken. Wenn Soziale Medien nicht mehr Technologieplattformen, sondern Medienunternehmen betreiben wollen, dann müssen sie Redakteure einstellen, die Kosten einrechnen und sich mit einer anderen Regulierung auseinandersetzen. Denn wenn ein Technologie-Monopol fast zwei Milliarden Leser erreicht und die Inhalte-Auswahl kontrolliert, ist das das genaue Gegenteil von Vielfalt.

Facebook sucht in Deutschland Partner für das Faktenchecking – eine Rolle für Zeitungshäuser, eine Rolle für Ihr Haus? ARD und ZDF sind auch von Facebook angefragt worden.

Da bin ich sprachlos. Ich verstehe nicht, wie man Gebührengelder missbrauchen könnte, um das Glaubwürdigkeitsproblem eines Weltmonopols zu lösen, das Milliardengewinne erwirtschaftet. Ich hoffe, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Dazu eine Anekdote: Ein internationaler Verleger hat mir berichtet, dass Facebook bei ihm nach „Fact-Checkern“ gefragt hat. Der Verleger antwortete: „Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten.“ Genau das ist es: Unsere beste Methode, die Leute vom Konsum von Fake News abzubringen, ist, wenn wir authentisch und wahrhaftig berichten. Das ist die Aufgabe von Zeitungen. Und das heißt: Durch gute Recherche die Wahrheit ans Licht bringen und sie veröffentlichen, auch wenn es unbequem ist.

Haben sich die Verlage, auch Springer, bei Facebook nicht auf eine Plattform begeben, auf der Fake News und Gerüchte auf einer gleichen Ebene wie ihre seriösen Nachrichten wahrgenommen werden?

Wir haben bei Axel Springer entschieden, an einem Test mit „Instant Articles“ teilzunehmen. Der Test ist nicht abgeschlossen. Wenn wir Zugang zu jungen und neuen Lesern gewinnen, uns von Fake News unterscheiden und damit neue Abonnenten und echte digitale Kunden gewinnen, dann ist das extrem positiv. Wenn aber rauskommt, dass wir für Facebook Kundenbeziehungen herstellen und deren Reichweite sowie Verweildauer nach oben treiben, Facebook aber die Kundendaten und den größten Anteil der Werbeerlöse für sich behält und uns beim Gewinnen digitaler Abonnenten nicht unterstützt, dann ist das keine attraktive Partnerschaft. Um das herauszufinden, testen wir.

Die Bundesregierung will offenbar ebenfalls aktiv werden und Aufklärung gefälschter Nachrichten zur Regierungsaufgabe machen. Spötter sprechen von einem „Wahrheitsministerium“, Sie auch?

George Orwell war harmlos dagegen. Ich habe den Eindruck, dass gerade ein paar Grundprinzipien freiheitlicher Gesellschaftsordnung mit Füßen getreten werden. Viele böse Dinge dieser Welt begannen im Namen der guten Absichten. Die gute Absicht heilt den Bruch eines Prinzips nicht. Was Wahrheit ist, definiert keine Regierung, auch nicht Facebook. Und was den Menschen zuzumuten ist, sollten nicht Zensurbehörden definieren. Der beste Garant für den mündigen Bürger ist die Vielfalt der Information, der Meinungen und Wahrheiten unterschiedlicher Verleger, TV- und Radiosender oder Online-Anbieter.

Welche technische Plattformen werden in der Zukunft entscheidend sein?

Das analoge Papier wird noch lange wichtig sein und ein profitables Geschäft bleiben, länger als viele denken. Aber der Distributionsweg der Zukunft wird das elektronische Papier sein. Die Lesegeräte werden immer kleiner, unauffälliger, irrelevanter. Auch in der Musik hatten wir die Schellackplatte, dann folgten Vinyl, Kassette, CD, MP3-Player. Und jetzt haben Sie nur noch die Musik an sich, etwa aus einem Smartphone: Das Medium hat sich immer unwichtiger gemacht, der Inhalt ist wichtig geblieben.

Und beim Journalismus?

Da gibt es einen ähnlichen Trend: Vom Computerbildschirm zum Tablet und Smartphone bis hin zur faltbaren Folie – das Medium ist kein Thema mehr, es kommt auch hier immer mehr auf den Inhalt an. Das sind gute Zeiten für Journalisten. Wenn dann auch das Geschäftsmodell stimmt, die Monetarisierung durch Werbung und zahlende Kunden funktioniert, dann haben wird die besten Zeiten noch vor uns.

Sie klingen sehr optimistisch...

Ja. Gefahren sehe ich vor allem durch unfaire Wettbewerbsbedingungen sowie Technologie- und Vertriebsmonopole und auch hausgemachte Fehler.

Wie sehen Sie die Debatte um vermeintlich staatstragende Medien, gibt es eine zu große Nähe von Politik und Medien?

Wir werden mittlerweile von vielen als Teil einer großen Eliten-Kungelei wahrgenommen. Statt Facebook zu helfen, sollten wir unsere Hausaufgaben machen. Die heißen: Vertrauen schaffen für das und durch das, was wir veröffentlichen. Denn die Glaubwürdigkeit von Zeitungen ist zurückgegangen. Und warum ist das so? Doch nicht wegen Bösewicht Facebook. Vielmehr haben wir selbst offenbar etwas nicht richtig gemacht. Vielleicht sprechen wir zu sehr wie Politiker, in Worthülsen, Sprechblasen, in politisch-korrekt abgeschliffenen Formulierungen. Vielleicht transportieren wir zu oft Wünsche, wie etwas sein müsste und zu selten Fakten, Tatsachen, schonungslose Beobachtungen. Vielleicht haben wir auch durch weltfremde Political Correctness Vertrauen eingebüßt.

Können Sie Beispiele nennen?

Die Trump-Wahl und der Brexit. Hier haben viele Medien offenbar die eigene gute Absicht mit der Stimmung in der Bevölkerung verwechselt. Selbst der erbittertste Trump-Gegner kommt ins Grübeln, wenn Trump immer nur als Clownsfratze gezeigt wird und er dahinter eine Absicht vermutet. Dann ärgert er sich und sagt sich: „Ich entscheide, ob ich den gut finde oder nicht.“ Über solche Fragen müssen wir nachdenken. Denn Authentizität und Klartext sind wichtiger als Vermischung von guten Absichten und Halbwahrheiten. Da liegt unsere Herausforderung. Das ist aber auch die größte Chance gegen Fake News, wir sind die Alternative.

Trump twittert, die AfD nutzt Facebook zur Kommunikation mit Wählern wie zum Erzielen medialer Aufmerksamkeit. Wenn das weiter Schule macht, was können Medien tun, um relevant zu bleiben?

Wir sehen einen wachsenden Graben zwischen politischen Eliten und den Medien auf der einen Seite und der sogenannten normalen Bevölkerung auf der anderen. Das muss man ernst nehmen. Ein guter Journalist redet mit jedem, auch mit halbseidenen Figuren, zur Not auch mit Verbrechern und Diktatoren, aber hält bei allen, selbst bei Idealisten und Weltverbesserern, den nötigen Abstand. Und dieser Abstand ist in einigen Fällen immer geringer geworden. Manche Journalisten verstehen sich inzwischen als Politikberater und betreiben einen Journalismus, der sich an ein paar Eingeweihte richtet, denen sie Codewörter zurufen. Der eigentliche Empfänger ist nicht mehr der normale, intelligente, aufgeschlossene, aber nur bedingt informierte Leser, sondern die Kollegen, Politiker, Künstler oder Wirtschaftsführer.

Gibt es so etwas wie eine Leserverdrossenheit?

Es gibt bei den Medien zu viel Nähe zu jenen, über die man eigentlich kritisch berichten müsste, zu viel Rücksicht auf die Wünsche, an Interviews solange zu arbeiten bis genau das Gegenteil von dem übrig bleibt, was einer gesagt hat. Zu viele Hintergrundgespräche, bei denen alles gesagt wird, aber man davon dann nur zehn Prozent schreiben darf. Die Leser spüren das und es nährt den immer noch mehrheitlich falschen Eindruck: „Die stecken mit den Politikern unter einer Decke“.

Wie halten Sie es denn mit der Nähe?

Gute Frage. Ich glaube, dass ich mich da mehr wie ein Journalist, weniger wie ein CEO verhalte. Ich versuche, auch immer diesen Rest Abstand zu wahren. Eine gewisse Grunddistanz ist gut. Zwischen allen Stühlen sitzt der Journalist richtig. Wir sind nur solange ein nützlicher Teil des demokratischen Systems, wie wir kritisch berichten und uns eben nicht gemein machen mit den Objekten unserer Berichterstattung. Unsere Aufgabe ist es nicht, konstruktiv zu sein. Wir sind am Ende die Kraft der Kritik. Ohne Kritik transformiert das Konstruktive zur Propaganda.

Würden Sie wieder Journalist werden?

Unbedingt. Aus tiefster Überzeugung. Es ist der schönste Beruf der Welt. Kein Beruf bietet solche Möglichkeiten, Neugierde zu befriedigen und in alle Bereiche der Gesellschaft hineinzuleuchten: In die große Politik, das lokale Gemeinwesen, die hohe Kunst, die Unterhaltung. Es ist ein kreativer Beruf und gesellschaftlich relevant. Freie, offene Gesellschaften brauchen unabhängigen Journalismus. Deswegen verstehe ich nicht, dass man auf einmal so verzagt ist, weil sich der Vertriebsweg nicht mehr nur auf Papier beschränkt. Wir brauchen selbstbewusste und bodenständige Journalisten, die sich nicht besser als andere fühlen und ihren Job mit Lust und Leidenschaft betreiben. Gute Inhalte, professionelles Management und ein fairer politischer Regulierungsrahmen - dann ist das für junge Menschen der Traumjob überhaupt.

Die Fragen stellten Antje Homburger und Esteban Engel.

Mathias Döpfner ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender des Medienhauses Axel Springer (Bild, Die Welt) und seit Juli 2016 Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Der 54-Jährige hat Springer auf die Internet-Welt und die Digitalisierung ausgerichtet. Dem BDZV gehören 281 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 13,7 Millionen verkauften Exemplaren sowie 13 Wochenzeitungen mit knapp einer Million verkauften Exemplaren an. (pro)

Von: dpa/Antje Homburger/Esteban Engel/pro

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