Herrscher über das Bild-Imperium: Kai Diekmann, 51 Jahre, ist als Boulevardjournalist Überzeugungstäter, aber er äußert sich auch selbstkritisch
Herrscher über das Bild-Imperium: Kai Diekmann, 51 Jahre, ist als Boulevardjournalist Überzeugungstäter, aber er äußert sich auch selbstkritisch

Der Zauberlehrling

Er ist einer der einflussreichsten Medienmacher Europas. Und einer der umstrittensten. Kai Diekmann, langjähriger Chef der Bild-Zeitung, hat im kalifornischen Silicon Valley die digitale Zukunft studiert. Und er lebt damit, dass Bild jede Menge ethische Übertretungen vorgeworfen werden. Er selbst sieht sein Medium auch als Plattform zur Verbreitung christlicher Werte.

An der Bürowand links neben der Tür hängt das vergrößerte Originalmotiv einer Sonder-Briefmarke – Helmut Kohl, Kanzler der Einheit. Links unten hat Kohl persönlich unterschrieben. Der Mann am Schreibtisch mit dem unruhigen Blick hat heute kein Auge für sein langjähriges politisches Idol an der Wand. Blitzschnell tippt er einen Suchbegriff in sein Smartphone. Nebenbei überfliegt Kai Diekmann kopfschüttelnd ein Manuskript. Links hinter ihm hängt ein Kunstwerk – in schmutzigen rot-weißen Tönen zeigt es das riesige Markenlogo der Bild-Zeitung im Retro-Design. Etwas gereizt sagt Diekmann zu seiner Assistentin: „Der Text muss ganz schnell raus, an die Agenturen.“ Auf jeden Fall müsse auch noch einer „aus der Politik“ gegenlesen.

Kurz danach blickt Diekmann auf. Spontan schaltet der 51-Jährige um. Er strahlt jetzt Gelassenheit aus, mit festem und freundlichem Blick erklärt er dem Gast, worum es aktuell geht: Er kommt gerade aus Griechenland, aus Athen. „Die Szenen auf dem Viktoriaplatz gehen einem richtig unter die Haut“, sagt er. Überall sei die „Not der Flüchtlinge, besonders der Kinder, zum Greifen nah“. Kurz danach hat Diekmann den linken Regierungschef Alexis Tsipras besucht: „Herr Tsipras hat ja kein einfaches Verhältnis zu Bild“, erklärt der Frontmann der größten Tageszeitung Europas. Insbesondere in der Schuldenkrise habe Bild eindeutig Position bezogen: „Bislang wollte Tsipras nicht mit uns sprechen. Aber jetzt hat er sich gefreut, uns zu sehen. Wir hatten in Athen ein gutes, ein spannendes Gespräch. Und das geht jetzt sofort an die Nachrichtenagenturen.“

„Bild“ als Marke weiterentwickeln

21 Jahre alt war Kai Diekmann, als er als Volontär bei Bild am Sonntag in Hamburg anfing. Danach wurde er Parlamentskorrespondent in Bonn. Helmut Kohl hatte er aber schon viel früher kennengelernt – als Chefredakteur der Schülerzeitung Passepartout. 2001 wurde Diekmann Chefredakteur von Bild. Heute gebietet er als Herausgeber über die ganze Bild-Gruppe, zu der auch Bild am Sonntag, Autobild und die Tageszeitung BZ gehören. Den Chefredakteursposten hat er im Januar 2016 an die 38-jährige Tanit Koch abgegeben. „Ich bin ja sehr viel unterwegs“, sagt Diekmann. Ein Chefredakteur könne nicht mit dem Abstand von neun Stunden Zeitverschiebung von Korea aus seinen Stellvertretern in Berlin Tipps geben, wie sie denn die aktuelle Diskussion um Schäubles schwarze Null im Bundeshaushalt zu bewerten hätten: „Da gibt man falsche Ratschläge, das ist eine Zumutung für die, die hier in Berlin Zeitung machen.“

Seine aktuelle Aufgabe beschreibt Diekmann so: „Ich bin weiterhin journalistisch aktiv, auch an der Front, das sehen Sie ja. Und das ist mir ganz wichtig.“ Vor allem aber sei er dafür zuständig, die Marke Bild weiterzuentwickeln: „Auf der einen Seite wollen wir auf der Oberfläche Papier so lange wie möglich erfolgreich bleiben. Auf der anderen Seite Bild so schnell wie möglich digitalisieren. Und das wirtschaftlich erfolgreich.“ Für Innovationen offen zu sein und zugleich Arbeitsprozesse flexibel anzupassen, darum gehe es.

Die digitale Welt dreht sich schneller

Diekmanns Büro liegt im 16. Stockwerk des Axel-Springer-Hochhauses in Berlin-Kreuzberg. Durchs Panoramafenster sieht man westlich, bei frühlingshaftem Licht, die Tower am Potsdamer Platz. Aber dafür hat der quirlige Boulevard-Journalist und Zukunftsstratege momentan keinen Sinn. Mit ernstem Blick sagt Diekmann: „Wir leben in einer Zeit, in der bleibt kein Stein auf dem anderen.“ Er meint damit den gesellschaftlichen Wandel. Er meint die digitale Revolution. Und er meint die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen beiden.

Vor gut drei Jahren schickte der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner Diekmann ins Silicon Valley in der Nähe von San Francisco. Mit zwei anderen Top-Managern des Verlages lebte er dort in einer Wohngemeinschaft in Palo Alto – genau da, wo Google, Apple, Facebook und Twitter zuhause sind. Diekmanns Frau Katja zog für die Zeit mit den vier Kindern in ein Haus in der Nähe. Im Tal der digitalen Zukunfts-Erfinder ging es Kai Diekmann darum, ein Mittel gegen die Zeitungskrise zu finden: „Meine Kinder werden nicht mehr wie ihr Vater an den Kiosk gehen, um eine Zeitung zu kaufen. Sie wissen auch heute schon mit linearem Fernsehen nicht mehr viel anzufangen.“ Für „Millennials“ sei das keine Seltenheit: Als bei einer Bild-Kollegin vor einigen Wochen zu Hause das W-Lan – und somit das Online-Filmportal Netflix – ausgefallen war, rief der Zwölfjährige Sohn fassungslos in der Redaktion an: „Jetzt muss ich das im Fernsehen gucken, was die mir vorschreiben.“

Einerseits weiß Kai Diekmann über diese Themen mehr als viele andere. Andererseits äußert sich der dynamische Bild-Macher erstaunlich zurückhaltend und eher nachdenklich als euphorisch. Bei seinem Silicon-Valley-Trip fühlte er sich zeitweilig wie Goethes Zauberlehrling. Das Neue, das er entdeckte, das ihn faszinierte, das er ausprobierte, hatte für ihn auch etwas Ernüchterndes. Diekmann ist heute viel vorsichtiger als früher, wenn es um Zukunftsprognosen geht: „Niemand weiß genau, wohin die digitale Reise geht. Gelernt habe ich vor allem eines: Dass sich unsere Welt in rasanter Geschwindigkeit radikal wandelt. Damit müssen wir umgehen.“ Die Bild-Zeitung verlor seit 2001, dem Antrittsjahr von Chefredakteur Diekmann, rund die Hälfte ihrer Auflage (heute: 1,9 Millionen täglich). Zugleich entwickelte sich bild.de mit großen digitalen Reichweitensteigerungen zum Marktführer. Stolz verkünden die Top-Manager des Springer-Verlages, dass sich auf digitalen Plattformen inzwischen viel Geld verdienen lässt.

Einsatz für christliche Werte

Die Bild-Zeitung ist für ihre publizistische Macht und Innovationskraft mindestens so berühmt wie für die vielen Verfehlungen, die ihr vorgeworfen werden. Die medienkritische Internetplattform bildBLOG wirft Diekmann und seiner Mannschaft vor, sie seien zu Recht Gegenstand negativer Berichte. Häufiger als andere Medien habe Bild „gegen grundlegende journalistische Prinzipien“ verstoßen. Das könne man an der großen Zahl von Rügen ablesen, die der Presserat gegen Bild ausgesprochen habe. Diekmann hört aufmerksam zu, wenn man ihn damit konfrontiert. Und dann sagt er Sätze, die er wahrscheinlich schon tausend Mal aufgesagt hat: „Eine Zeitung wie Bild muss polarisieren, sie muss provozieren. Wir wollen wachrütteln, Dinge beim Namen nennen, die andere verschweigen. Wenn ich das nicht bejahen würde, hätte ich den falschen Beruf. Und da muss man auch Kritik aushalten.“

Das Gespräch bekommt eine erstaunliche Wendung. Ausdrücklich betont Diekmann, wie elementar wichtig ihm als Katholik und Medienmann die jüdisch-christlichen Werte und Wurzeln unserer Kultur seien: „Darauf gründen schließlich die Grundrechte unseres Grundgesetzes. Das muss jeder wissen, der in unserer Gesellschaft leben will. Und ich glaube, dass es journalistisch sehr relevant ist, dies gerade heute zu betonen.“

Diekmann legt Wert darauf, dass ihm dieser christlich-kulturelle Gesellschaftshintergrund schon immer wichtig war: Als Schüler besuchte er die katholische Marienschule der Ursulinen in Bielefeld. So etwas prägt. Diekmann war Vizechefredakteur der Bild, als er 1995 den Medienpreis des Christlichen Medienverbundes KEP, „Goldener Kompass“, erhielt: „Ich hatte damals dafür gesorgt, dass wir wichtige religiöse Themen durchbuchstabierten: Erkläre mir die zehn Gebote, oder: Wer ist Jesus?“ Noch wichtiger sind Kai Diekmann die insgesamt sieben Bibel-Editionen, die die Bild-Zeitung im Lauf der Jahre unters Volk gebracht hat: „Unsere Bibel-Verbreitung hat mehr Menschen erreicht als im selben Jahr die Deutsche Bibelgesellschaft.“ Aber wie ist das nun wirklich, wenn man sich als Bild-Chef und Katholik mit eigenen Fehlleistungen auseinandersetzen muss? Was ist, wenn Schlagzeilen Menschen beschädigen? Oder wenn in großen Lettern falsche politische Urteile gefällt werden? Waren das alles nur begründete Provokationen? Gibt es etwas, Herr Diekmann, was einfach nicht in Ordnung war? Bei dieser Frage wird Kai Diekmann kurz still. Trotz der Unruhe auf dem Redaktionsflur. Und dann sagt er: „Natürlich machen wir Fehler. Wer nicht? Natürlich gibt es Schlagzeilen, die würde ich so heute nicht mehr machen. Ein Beispiel: Nicht richtig war, wie wir im Jahr 2003 Gerhard Schröders Agenda 2010 beurteilt und verurteilt haben. Richtig ist: Schröders Agenda 2010 hat erheblich dazu beigetragen, dass es den meisten Menschen in Deutschland heute so gut geht.“ (pro)

Von: iri

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