Sprecher von "Das Wort zum Sonntag" am 19.06.1991 war Prof. Dr. Michael Sievernich aus Frankfurt
Sprecher von "Das Wort zum Sonntag" am 19.06.1991 war Prof. Dr. Michael Sievernich aus Frankfurt
Papst Johannes Paul II. (r) spricht am Samstag, den 25. April 1987 das "Wort zum Sonntag"
Papst Johannes Paul II. (r) spricht am Samstag, den 25. April 1987 das "Wort zum Sonntag"
Die evangelische Theologin Renate Kirsch war von 1988 -1992 Sprecherin von "Das Wort zum Sonntag"
Die evangelische Theologin Renate Kirsch war von 1988 -1992 Sprecherin von "Das Wort zum Sonntag"

Wort zum Sonntag: Die Predigt nach den Tagesthemen

Am Montag wird in Hamburg das 60-jährige Bestehen der Sendung „Wort zum Sonntag“ gefeiert. Edgar S. Hasse blickt zurück auf die Premierenpanne, überraschende Sprecher und denkwürdige Themen.

Es war die Zeit, als der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) aus dem ehemaligen Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld sendete. So geschah es, dass am 8.Mai 1954 der evangelische Pastor Walter Dittmann aus Hamburg zum Sendeschluss live vor die laufende Kamera trat und seinem Publikum eine kleine Predigt hielt. „Wir alle sind“, so sagte der Geistliche, „nach dem schönen Goethewort ‚zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt‘“.

Prosaischer hätte die Premiere des neuen TV-Formats „Das Wort zum Sonntag“ vor 60 Jahren nicht beginnen können. Dafür mussten die Mitarbeiter im NWDR-Studio in jenen Jahren kräftig schwitzen. „Wir hatten durch die Scheinwerfer manchmal 70 Grad“, erinnert sich Kameramann Carsten Diercks. Was nach Erinnerungen von Zeitzeugen wie in einer Sauna begann, sollte in der Fernsehgeschichte alsbald Karriere machen: Das „Wort zum Sonntag“ ist nach der „Tagesschau“ inzwischen die zweitälteste Sendung im deutschen Fernsehen mit jeweils rund zwei Millionen Zuschauern.

Als die „Landshut“ entführt wurde, gab es eine spontane Textänderung

Das Erste feiert das 60. Jubiläum an diesem Montag mit einem Festakt beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg. Als prominente Gäste erwartet NDR-Intendant Lutz Marmor den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, sowie den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch.

In den 60 Jahren gab es mehr als 3.000 Worte zum Sonntag in immer kürzerer Sendezeit am Sonnabendabend: Sie ging von zehn auf dreieinhalb bis fünf Minuten zurück.

Allerdings begann die lange Geschichte der kurzen Sendung mit einer folgenreichen Panne. Ursprünglich sollte das erste „Wort zum Sonntag“ am 1. Mai 1954 ausgestrahlt werden. Doch der katholische Prälat Klaus Mund aus Aachen kam dabei nicht zu Wort – ein Kabelbruch verhinderte die Ausstrahlung. Eine Woche später jedoch glückte die erste TV-Predigt mit dem protestantischen Pastor Walter Dittmann aus Hamburg. Der zählte später genauso zum Urgestein wie der Volksdorfer Pastor Peter Hansen Petersen, einer der Mitinitiatoren des TV-Projekts und ersten Sprecher.

Alsbald sorgten aber nicht mehr technische Defekte für Schlagzeilen, sondern vor allem die ausgewählten Sprecher mit ihren Sonntagsworten. Nach der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Oktober 1977 nach Somalia legte der Pfarrer Jörg Zink kurzerhand sein Manuskript zur Seite und redete frei über die „Nacht von Mogadischu“. Zink sagte in der Sendung vom 15. Oktober 1977: „Ich bitte Gott um sein Erbarmen mit uns, dieser verwirrten, kranken Menschheit, die wir nicht mehr wissen, wie wir uns vor dem Abgrund der Selbstzerstörung retten.“

Selbst zwei Päpste traten in der Geschichte des „Worts zum Sonntag“ auf. Erst Johannes Paul II. im Jahr 1987, und 24 Jahre später der deutsche Papst Benedikt XVI. Dessen Ansprache wurde freilich mit 25-minütiger Verspätung ausgestrahlt, weil der „Musikantenstadl“ mal wieder überzogen hatte. Der Quote schadete die Verschiebung nicht, denn schließlich saßen 2,3 Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten – ganz in Erwartung des bevorstehenden Papstbesuchs in Deutschland. Zu den beliebtesten Sprecherinnen zählte von 1983 bis 1995 auch die Kabarettistin und Ordensschwester Isa Vermehren, die „fröhliche Nonne aus dem Fernsehen“, die in Lübeck geboren wurde und die Konzentrationslager der Nazis überlebt hatte.

Weil das TV-Format nach Ansicht der Sozialwissenschaftlerin Ruth Ayas „extrem ritualisiert“ ist und sich weitgehend auf eine „konservierte, primitive Standardform“ beschränkt, bemühen sich die Macher von der katholischen und evangelischen Kirche um geografische Abwechslung. Mal sprachen die Geistlichen von einer Autobahnbrücke oder aus dem Kreißsaal, mal von der Hamburger Reeperbahn wie 2000 und 2013, wo die offizielle Party für den Eurovision Song Contest stattfand.

„Hagel von Protestbriefen“ nach verfehltem Thema

Häufig erntet das „Wort zum Sonntag“ Kritik von den Zuschauern, wenn mal wieder das Thema verfehlt wird. Wie bei der Ansprache der Theologin Nora Steen kurz vor Weihnachten 2013. Zwar ging es darin um den Advent, um Glöckchen, Duft und Bienenwachs. Dass Jesus aber der eigentliche Grund für den Advent sei, habe in dem Beitrag keine Rolle gespielt, bemängelte zum Beispiel der Christliche Medienverbund KEP. Es hagelte Protestbriefe bei den kirchlichen Medienbeauftragten.

Nach dem 60. Jubiläum will das „Wort zum Sonntag“ neue Wege gehen. Das kündigte jetzt Thomas Dörken-Kucharz vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik an. „Ab Ende Januar wird es wechselnde Fotos als Hintergrund geben, abstrakt, aber emotional ansprechend“, sagte er. An der Verteilung der Sprecher werde sich freilich nichts ändern. Derzeit sind es acht Frauen und Männer, deren Sonntagworte über den Bildschirm flimmern, während ein Großteil der ARD-Zuschauer die Kirchensendung für den Gang zum Kühlschrank nutzt. (pro)

Über den Autor

Edgar S. Hasse schreibt als Journalist für verschiedene Zeitungen. Er wurde mit einer Arbeit über die journalistische Wahrnehmung des Weihnachtsfestes in deutschen Zeitungen und Zeitschriften zum Doktor der Theologie promoviert. Ferner ist er Vorstandsmitglied des Christlichen Medienverbundes KEP, zu dem auch das Christliche Medienmagazin pro gehört. Sein Beitrag über das „Wort zum Sonntag“ ist zuerst im Hamburger Abendblatt erschienen.

Von: Edgar S. Hasse

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