Neue und alte Generation der Oberammergauer Passionsspiele: Abdullah Kenan Karaca und Christian Stückl

Neue und alte Generation der Oberammergauer Passionsspiele: Abdullah Kenan Karaca und Christian Stückl

Oberammergauer Passion mit jungem Messias und muslimischen Spielern

Mit einer jungen Schauspielertruppe zieht die oberbayerische Gemeinde Oberammergau 2020 in ihre weltberühmten Passionsspiele. Schon jetzt ist auch klar: Spielleiter Christian Stückl wagt einmal mehr neue Schritte. Ein Geistlicher sieht die Besetzung wichtiger Rollen mit Andersgläubigen „mit Spannung“.

Ein sehr junger Jesus, auch sonst eine verjüngte Truppe – und erstmals zwei Oberammergauer muslimischen Glaubens in wichtigen Rollen: Spielleiter Christian Stückl setzt mit seiner Auswahl der Darsteller für die weltberühmte Passion 2020 Zeichen. Am Samstag wurde in dem oberbayerischen Passionsspielort das monatelang gehütete Geheimnis gelüftet: Nach einem feierlichen Gottesdienst wurden die Namen vor dem Passionstheater an eine schwarze Schiefertafel geschrieben. Hunderte Oberammergauer sahen zu, wie Buchstabe um Buchstabe mit weißer Kreide aufgemalt wurde – 42 Namen, denn jede der 21 Hauptrollen wird doppelt besetzt. „Es ist ein unglaublich schwieriger Akt. Wir haben wochenlang gesessen und haben versucht, die richtige Kombination zu finden“, sagte Stückl.

Der 22-jährige Rochus Rückel, Student der Luft- und Raumfahrttechnik, wird zweitjüngster Jesus der Geschichte. Der andere Christus ist zum zweiten Mal der Pressesprecher der Passionsspiele, Frederik Mayet – er kratzt mit 38 Jahren fast an der Altersobergrenze für den Jesus.

Muslim spielt Judas

Den Judas besetzte Stückl mit dem Politikwissenschaftler Martin Schuster sowie dem 18 Jahre alten Cengiz Görür, ein gebürtiger Oberammergauer muslimischen Glaubens. Auch Stückls zweiter Spielleiter Abdullah Karaca, ebenfalls Muslim, bekommt mit dem Nikodemus eine wichtige Rolle. „Es ist keine Provokation“, betont Stückl. „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen die Schauspieler ausgesucht.“

Der 56-Jährige, der die Passion 1990 als jüngster Spielleiter inszenierte und der sie nun zum vierten Mal auf die Freiluftbühne bringt, hatte bei seiner ersten Passion gleich eine wichtige Rolle an einen Protestanten gegeben und damit für Diskussionen gesorgt. Er wirkte darauf hin, dass im Jahr 2000 erstmals Konfessionslose und Andersgläubige zugelassen wurden. Und er stritt dafür, dass verheiratete Frauen nun auch die Maria spielen dürfen.

Für diese Rolle wählte er jetzt zwei bewährte Spielerinnen: Andrea Hecht (47) ist zum dritten Mal die Gottesmutter, Eva Reiser (34) hatte 2010 die Maria Magdalena gespielt. Die Flugbegleiterin will sich für die Passion beurlauben lassen – „anders wird es kaum gehen.“

„Müssen mehr von der Botschaft Jesu auf die Bühne bringen“

Die beiden Marias wie auch die anderen Hauptdarsteller hatten sich am Samstagmittag mit hunderten Einheimischen vor dem Passionstheater versammelt – und wussten nicht, ob und welche Rolle sie bekommen sollten. Am Vorabend hatte Stückl dem Gemeinderat in geheimer Sitzung seine Vorschläge vorgelegt, es gab kein Veto. Früher entschieden die Gemeinderäte über die Hauptrollen. Inzwischen wählt Stückl selbst.

Dabei sind seine Entscheidungen oft keineswegs unumstritten. Für die nächste Passion schafft er den Prolog ab – und sorgte für Debatten im Gemeinderat und in der Bevölkerung. Aber Stückl bleibt dabei: „Es ist nicht nötig, eine Figur zu haben, die nach jeder Szene, die ich auf der Bühne sehe, erklärt, was ich zu sehen habe“, sagt er. „Der Jesus muss nicht immer wieder erläutert und erklärt werden.“ Stattdessen will er dessen Botschaft ins Zentrum rücken. „Das ist eine wichtige Herausforderung. Wir müssen viel mehr von der Botschaft auf die Bühne bringen und den Jesus wieder greifbar machen.“

1.830 Oberammergauer wollen mitspielen, ihre Rollen, etwa als Volk oder römische Soldaten, schlug Stückl am Passionstheater an. So viele Oberammergauer wie nie hätten sich gemeldet – und erstmals mehr Frauen als Männer. Zusammen mit etwa 500 Kindern wird zur Passion etwa die Hälfte des 5.200 Einwohner starken Ortes auf der Bühne sein.

Bischof sieht Besetzung wichtiger Rollen mit Andersgläubigen „mit Spannung“

Im Jahr 1633 hatten die Oberammergauer geschworen, alle zehn Jahre die Passion aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest stirbt – was eintrat. Beim Gottesdienst am Vormittag erneuerten die Oberammergauer ihr Gelübde. Die neunjährige Sophie Maderspacher sprach den Satz: „Eingedenk des Gelübdes und getreu dem Verspruch unserer Vorfahren führt Oberammergau im Jahre 2020 das Passionsspiel auf.“

Die Zusage der Oberammergauer sei keine Folklore, sondern die Vergegenwärtigung des Heilswirkens Gottes auch heute, sagte Weihbischof Wolfgang Bischof in dem ökumenischen Gottesdienst mit der evangelischen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Die Besetzung wichtiger Rollen mit Andersgläubigen sehe er „mit Spannung“, sagt Bischof später. Das sei „herausfordernd auch für die beiden, die jetzt eine solche Rolle übernehmen“.

Die meisten Auserwählten – ganz egal welchen Glaubens – standen mit leuchtenden Augen vor dem Theater. „Jesus“ Rochus Rückel fand kaum Worte. Er habe nicht einmal zu denken gewagt, die Rolle zu bekommen. „Man hat so großen Respekt.“ Und „Judas“ Cengiz Güngör sagt: „Ich fühle mich sehr geehrt. Ich freue mich wahnsinnig auf meine Rolle.“

Reaktion auf muslimischen zweiten Spielleiter

Der muslimische Regisseur Karaca steht Stückl als zweiter Leiter für die Spiele 2020 zur Seite. Das war im Juni 2015 bekanntgegeben geworden. Damals sagte Karaca im pro-Interview zur Aufregung um seine Position wegen seines muslimischen Glaubens: „Ich wusste von Anfang an, dass mein Glaube ein Thema sein wird. Ich bin sehr locker damit umgegangen, weil ich kein Mensch bin, der seinen Glauben vor sich herträgt und damit erstmal einen Unterschied schaffen will. Ich gehe auf Menschen zu. Das Entscheidende ist für mich: Entweder ich kann etwas mit einem Menschen anfangen, oder nicht. Da ist mir egal, welche Religion er hat. So habe ich auch die Reaktionen aufgenommen. Wenn es negative Reaktionen gab, dann liegt das auch daran, dass Menschen mich nicht kennen. Aber es gibt eine grundlegende Skepsis oder Angst, dass Kritiker sagen: Muslimischer Spielleiter – was wird da passieren? Ich bin zweiter Spielleiter und Christian Stückl ist der erste.“

Er habe damals aber mit mehr Kritik gerechnet „aus dem einfachen Grund, dass man sich selber Gedanken macht und vielleicht alles noch mehr ausmalt, wie die Entscheidung ankommen wird“. Er war sehr positiv überrascht, dass es nicht so ein riesiges Thema geworden ist. Die positive Reaktion, auch im Dorf, habe vor drei Jahren überwogen.

Von: dpa/Martina Blatt

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