Die „Stille-Nacht-Kapelle“ steht auf den Ruinen der St.-Nicola-Kirche in Oberndorf, wo das berühmte Lied zum ersten Mal erklang

Die „Stille-Nacht-Kapelle“ steht auf den Ruinen der St.-Nicola-Kirche in Oberndorf, wo das berühmte Lied zum ersten Mal erklang

„Stille Nacht“: Ein Welthit, aus der Not geboren

Es ist das wohl bekannteste Weihnachtslied aller Zeiten. In 300 Sprachen und Dialekten singen es die Menschen. Weltstars wie Bing Crosby, Frank Sinatra, Elvis Presley, Mariah Carey oder „Die drei Tenöre“ interpretierten es. „Stille Nacht, heilige Nacht“ – ein musikalischer Meilenstein – der in einer existenziellen Krise entstand.

Auch wenn viele Stars „Stille Nacht, heilige Nacht“ interpretierten: Zu diesen Superlativen passt die Geschichte hinter dem Lied eigentlich gar nicht. Sie handelt von einem Mann, dessen Leben im Abseits beginnt, in ärmlichen Verhältnissen seinen Lauf nimmt und dessen Text bis heute von manchen Kritikern Seichtigkeit vorgeworfen wird.

Kein Goethe oder Schiller schrieb den eingängigen Text, kein Beethoven oder Mozart komponierte die Melodie. Wobei, letzterer hat am Rande doch etwas damit zu tun, wie Kirchenmusiker Wolfgang Herbst weiß: Mozarts Name steht im selben Taufbuch des erzbischöflichen Konsistorialarchivs Salzburg wie der des Autoren des berühmten Weihnachtsliedes. „Josephus Franciscus Moor“, geboren am 11.12.1792, notierte die Kirche. Jedoch nicht im Hauptteil des Taufbuchs, sondern im Anhang, wo die unehelichen Kinder gelistet werden. Seinen Vater lernt er nie kennen. Der fahnenflüchtige Soldat hatte nicht nur seine Kameraden, sondern auch Josephs Mutter alleine gelassen. Die Strickerin kümmerte sich alleine um die Kinder. Ein Leben in Armut. Und ein Leben in einer Zeit, die von Krieg geprägt ist.

Einen Tag nach seinem achtem Geburtstag erlebt der kleine Joseph, wie französische und österreichisch-bayerische Truppen in Salzburg auf dem Walserfeld gegeneinander kämpfen. Binnen drei Tagen sterben 22.000 Menschen. Die napoleonischen Soldaten, die Salzburg mehrfach besetzen, prägen seine Kindheit.

Der Domvikar Johann Hiernle fördert Joseph Mohr, wie dieser sich selbst schreibt. Mohr singt als Sängerknabe im Universitätschor, spielt Violine und kann schließlich Theologie und Philosophie studieren. Bevor er 1815 zum Priester geweiht wird, erhält er als uneheliches Kind eine Ausnahmegenehmigung von Papst Pius VII. dafür.

1816 wird er „Coadjutor“, also Hilfspfarrer, in Mariapfarr, dem Dorf, aus dem sein ihm unbekannter Vater stammt. Auf das ohnehin von Krieg und Armut gebeutelte Salzburger Land trifft weiteres Unglück. Ein Jahr zuvor ereignet sich fast 12.000 Kilometer von Mariapfarr entfernt eine Naturkatastrophe, die 1816 zum „Jahr ohne Sommer“ macht. Der Vulkan Tambora in Indonesien spuckt gewaltige Massen Gestein und Asche in die Luft, bricht in sich zusammen, schrumpft von 4.300 auf 2.900 Meter Höhe. Der Ausbruch beeinflusst das weltweite Klima. 1816 wird zum kältesten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Europa erleidet Missernten. Die Menschen backen Hungerbrote, die mit Holz- und Strohfasern gestreckt werden. Die Klimaveränderungen bewirken aber auch Positives: Traumhafte Sonnenuntergänge mit feuerrotem Himmel läuten die Abende ein. Maler wie William Turner und Caspar David Friedrich halten sie fest.

Ein unangepasster Dichter

Mitten in diesem Umfeld schreibt der 24-jährige Joseph Mohr 1816 sein sechsstrophiges Gedicht „Stille Nacht, heilige Nacht“, zunächst ohne Melodie. Ein Jahr später tritt er seine nächs­te Stelle im österreichischen Teil des heutigen Oberndorfs an der Salzach an. Als nachdenklicher Dichter ist Mohr nicht bekannt. „Dessen Wesen ist noch jugendlich, unbesonnen, hingebend“, beschwert sich der Oberndorfer Pfarrer Nöstler beim Erzbischöflichen Konsistorium. „Purschenmäßig geht er mit der langen Tabakspfeife, den Beutel an der Seite über die Gassen“, er spiele und trinke und „scherzet auch mit Personen des anderen Geschlechts“. 1818 bittet Mohr den Oberndorfer Organisten Franz Xaver Gruber, sein Gedicht zu vertonen. Zum Christfest in der St.-Nicola-Kirche erklingt „Stille Nacht, heilige Nacht“ zum ersten Mal. Wahrscheinlich tragen der Komponist Gruber und der erfahrene Gitarrist Mohr das Lied gemeinsam vor. Gitarrenklänge gelten als unliturgisch und profan. Der Liturgiewissenschaftler Andreas Heinz geht deshalb davon aus, dass der Organist und der Hilfspriester das neue Weihnachtslied den Gläubigen nach der Messe vortrugen.

Tiroler Handelsleute machen das Lied bis über die Landesgrenzen bekannt. Lange gilt es daher fälschlicherweise als „Ächtes Tyroler Lied“. Drei Strophen werden gestrichen, wahrscheinlich um es fürs Publikum gefälliger zu machen. Es bleiben nur noch die idyllischen Beschreibungen der Krippenszene und die Harmonie des „trauten hochheiligen Paares“. Dem Bürgertum der Biedermeierzeit gefällt es. Johann Hinrich Wichern, Gründer der Inneren Mission der Evangelischen Kirche, verhalf „Stille Nacht“ endgültig zum Durchbruch, als er es 1844 in eine für Heimkinder bestimmte Sammlung mit dem Namen „Unsere Lieder“ in hoher Auflage druckte.

Jesuskind mit blonden Locken

Dabei ist Joseph Mohrs Weihnachtslied von Anfang an Kritik ausgesetzt. Seicht sei es, allzu romantisch, monieren Skeptiker. Bis heute gilt es in manchen Kreisen als Inbegriff des Weihnachtskitsches überhaupt. Der „holde Knab’ im lockigten Haar“ und das „traute hochheilige Paar“ muten in der Tat mehr wie eine Märchenszene an als wie die dreckige Realität eines Bethlehemer Stalls. Joseph Mohr dürfte ein bestimmtes Bild im Blick gehabt haben, als er in Mariapfarr die Zeilen textete. In der dortigen Wallfahrtsbasilika ist am Hochaltar die Krippenszene zu sehen. Und im linken unteren Viertel: ein Jesuskind mit blonden Locken. Gerade die weggefallenen Strophen zeugen nicht nur von friedvoller Eintracht, sondern auch von heilsgeschichtlicher Tiefe. Besungen wird „Jesus in Menschengestalt“, die Gnade „aus des Himmels goldenen Höh’n“ – zwar leidenschaftlich, aber nicht weniger ernsthaft: „Stille Nacht! Heilige Nacht! / Lange schon uns bedacht, / Als der Herr vom Grimme befreyt, / In der Väter urgrauer Zeit / Aller Welt Schonung verhieß!“, heißt es in der fünften Strophe. In der vierten Strophe nimmt Mohr gar Bezug auf die Umwälzungen der napoleonischen Kriege und sehnt sich nach göttlichem Frieden: „Stille Nacht! Heilige Nacht! / Wo sich heut alle Macht / Väterlicher Liebe ergoß, / Und als Bruder huldvoll umschloß / Jesus die Völker der Welt!“

Die warme und eingängige Melodie sorgt dafür, dass „Stille Nacht“ auch ohne diese Strophen eine einzigartige Stimmung von Liebe und Frieden umweht, die selbst verfeindete Kriegsparteien zueinander brachte. Der britische Soldat Albert Moren erinnert sich an den Heiligen Abend 1914: „Es war eine wunderschöne Mondnacht, Bodenfrost, fast alles weiß. Und dann regte sich plötzlich etwas im deutschen Schützengraben, und dann waren da diese Lichter, die ich nicht zuordnen konnte. Und sie sangen ‚Stille Nacht‘. Das werde ich niemals vergessen. Es war einer der Höhepunkte meines Lebens.“ Die Briten stimmten mit ein, die Feinde feierten das Weihnachtsfest zusammen. Aus lauten unheilvollen Tagen wurde eine stille, eine heilige Nacht.

Von: Nicolai Franz

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