Die Freundschaft der Priesterkollegen Jakob, Dominik und Oliver (v.l.) wird durch den Vorwurf, Dominik habe einen Jungen sexuell misshandelt, hart auf die Probe gestellt

Die Freundschaft der Priesterkollegen Jakob, Dominik und Oliver (v.l.) wird durch den Vorwurf, Dominik habe einen Jungen sexuell misshandelt, hart auf die Probe gestellt

„Verfehlung“: Und die Kirche schweigt

Spätestens seit 2010 weiß die Öffentlichkeit vom systematischen Missbrauch in katholischen Einrichtungen. Seitdem kämpfen die Opfer um Aufklärung und Entschädigung. Der Spielfilm „Verfehlung“ lief 2015 in den Kinos, am Mittwoch feiert er seine TV-Premiere. Eine Filmkritik von Sebastian Schramm

Verschwitzt und untergehakt gehen Jakob, Dominik und Oliver vom Fußballfeld. Die drei Freunde verbindet viel. In einer Kneipe stoßen die Priester-Kollegen nach dem Spiel gemeinsam auf eine Beförderung an: Oliver wird stellvertretender Generalvikar. Die Heiterkeit des Films „Verfehlung“ endet abrupt, als plötzlich wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs gegen Dominik ermittelt wird. Die ungeheuerlichen Vorwürfe säen Zweifel. Sie stellen nicht nur die enge Freundschaft auf die Probe, sondern auch den Glauben an die gemeinsame Sache und die eigene Integrität.

Mit seinem Regiedebüt wagt sich Gerd Schneider an ein schwieriges Thema: den Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauch. Immer wieder habe er sich gefragt: „Wer bin ich eigentlich, dass ich diesen schwierigen Stoff bearbeite?“, sagte der Regisseur bei der Premiere von „Verfehlung“ 2015 in Berlin.

„Es war im Prinzip gar nichts“

Jakob (Sebastian Blomberg) ist im Film Seelsorger in genau dem Gefängnis, in dem Dominik (Kai Schumann) in Untersuchungshaft sitzt. Während Oliver (Jan Messutat) als Bistums-Vertreter noch versucht, die Missbrauchsvorwürfe als falsche Anschuldigungen abzutun – „Da schmeißt einer mit Dreck“ –, bestätigen sich Jakobs Befürchtungen. „Es war im Prinzip gar nichts, es ist einfach passiert“, gesteht ihm Dominik. Jakobs Entsetzen und Sprachlosigkeit als Reaktion auf die Beichte sind schauspielerisch äußerst glaubhaft umgesetzt.

Jakob kann seinen Freund nicht verstehen, den er nach 15 Jahren doch zu kennen geglaubt hatte. Auf der Suche nach der Wahrheit erfährt er, dass wohl noch mehr Opfer betroffen sind. Selbst kirchenintern wurde Dominik deswegen schon einmal „auf die Finger gehauen“. Jakob ist überzeugt: Dominik hat über Jahre hinweg systematisch Kinder missbraucht. Jakobs unbedingten Willen zur Aufklärung – Freundschaft hin oder her – teilt der Kirchenapparat jedoch nicht. „Wir können ihn jetzt nicht hängenlassen und müssen das regeln“, nimmt Oliver den gemeinsamen Freund in Schutz. Die katholische Kirche wasche ihre schmutzige Wäsche eben nicht in der Öffentlichkeit, verteidigt der Kirchenbeamte die Inschutznahme und verweist auf zu erwartende Kirchenaustritte. Dass sich die Kirche das Stillschweigen der Opfer und ihrer Angehörigen erkauft, wie Jakob erfährt, lässt die alte Freundschaft mit Oliver schließlich zerbrechen.

In „Verfehlung“ geht es um mehr als die Schuldfrage. In der hervorragend besetzten Dreiecksbeziehung der Freunde spiegeln sich Fragen nach Verantwortung, Integrität, Glaube, Loyalität und Verrat. Regisseur Schneider, von dem auch das Drehbuch stammt, hat viel Mut bewiesen: Im Mittelpunkt des Films stehen nicht die Opfer, sondern das Verhalten der katholischen Kirche. Das Besondere an „Verfehlung“ ist die Perspektive: Die Vertuschung der schmerzhaften Wahrheit in der Kirche betrachtet der Film von innen heraus.

„Das Vertuschen hat systematische Züge“

Sieben Jahre lang hat Gerd Schneider für das Projekt recherchiert, begann damit also schon vor der medialen Berichterstattung darüber in Deutschland. Er studierte katholische Theologie und war selbst einst Priesteramtskandidat der Erzdiözese Köln. Die Strukturen der Kirche kennt er genau. Der Umgang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche habe Schneider schon lange erschüttert und „genervt“, sagte er gegenüber pro. Besonders habe ihn geärgert, dass sich die Kirche dabei „nicht in die Karten schauen lässt“. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung innerhalb des Kirchenapparates sei es ihm wichtig gewesen, zu erzählen, „dass es kein System der Vertuschung gibt, aber das Vertuschen durchaus systematische Züge hat“.

Die Handlung von „Verfehlung“ ist zwar frei erfunden, aber „Versatzstücke reeller Fälle“ seien in das Drehbuch eingeflossen. Bei seinen Recherchen habe er etwa eines der inoffiziellen Schreiben in Händen gehalten, mit dem sich die Kirche das Schweigen der Opfer erkauft habe, verrät der Regisseur. Der 1974 geborene Schneider ist nach eigener Aussage gut mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes befreundet, der das Berliner Canisius-Kolleg leitete, als 2010 bekannt wurde, dass Lehrkräfte des katholischen Gymnasiums jahrzehntelang Schüler systematisch sexuell missbrauchten. Das hatte eine bundesweite Debatte über die Rolle der katholischen Kirche bei der Vertuschung solcher Fälle angestoßen.

Mit „Verfehlung“ ist Gerd Schneider ein sehenswertes Drama gelungen, das sich durch schauspielerische Bestleistungen und emotionale Glaubwürdigkeit auszeichnet. Indem er das Thema Missbrauch differenziert betrachtet und auch den Blickwinkel des Täters zeigt, regt der Regisseur zur wichtigen und überfälligen Diskussion an.

Verfehlung, 6.12.2017, 22:00 Uhr im SWR Fernsehen

Von: Sebastian Schramm

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