Aus der Bahn geworfen: die schwangere Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) muss eine schwerwiegende Entscheidung treffen
Aus der Bahn geworfen: die schwangere Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) muss eine schwerwiegende Entscheidung treffen
Astrid (Julia Jentsch) und ihr Mann Markus (Bjarne Mädel) stehen mit beiden Beinen fest im Leben und freuen sich auf ihr zweites Kind
Astrid (Julia Jentsch) und ihr Mann Markus (Bjarne Mädel) stehen mit beiden Beinen fest im Leben und freuen sich auf ihr zweites Kind
Astrids (Julia Jentsch) Mutter Beate (Johanna Gastdorf) steht ihr nicht nur hinter der Bühne zur Seite
Astrids (Julia Jentsch) Mutter Beate (Johanna Gastdorf) steht ihr nicht nur hinter der Bühne zur Seite

„24 Wochen“: Weit mehr als nur ein Film

Ab Donnerstag läuft das Abtreibungsdrama „24 Wochen“ mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel in den deutschen Kinos. Paula von Ketteler hat den Film vorab gesehen und als Projektentwicklerin für „1000plus“, das Schwangere in Not berät, für pro rezensiert.

„Es ist ja nur ein Film!“ Dieser distanzierende Satz kommt einem Kinobesucher des Spätabtreibungsdramas „24 Wochen“ wohl nicht so leicht über die Lippen. Nicht nur, weil Julia Jentsch uns die Geschichte der erfolgreichen Kabarettistin Astrid, die plötzlich mit der Down-Syndrom-Diagnose ihres ungeborenen zweiten Kindes konfrontiert wird, direkt in unsere Komfortzone hineinspielt. Sondern auch, weil wir eigentlich alle wissen, dass Schwangerschaftskonflikt und Abtreibung jedes Jahr eine hunderttausendfache, aber vielfach verschwiegene Realität in unserem Land sind.

Immer sind es Einzelschicksale, und deshalb spielt es für die Lebensnähe des Films auch keine Rolle, dass die konkrete Konstellation dieser Story statistisch gesehen ein Extremfall ist. Nur in den seltensten Fällen stellt sich bei einer fortgeschrittenen Schwangerschaft mit einem Wunschkind die Frage „Abtreibung ja oder nein“. Dass es bei einer klassischen Familie die Mutter ist, die mit ihrem Beruf (der dazu noch durch abendliche Auftritte und längere Abwesenheiten auffallend familienunverträglich ist) den Lebensunterhalt der ganzen Familie verdient, darf ebenfalls als eine besondere Situation bezeichnet werden. Und zudem ist es keineswegs die Regel, dass ein Vater so um das Leben seines Kindes kämpft wie Astrids Lebensgefährte und Manager Markus, gespielt von Bjarne Mädel („Stromberg“, „Der Tatortreiniger“).

Personen werden für den Zuschauer real

Mit der Darstellung dieses Familienschicksals, welches in seinem Verlauf in die zwei Einzelschicksale von Astrid und Markus zerfällt, ist Regisseurin Anne Zohra Berrached also dennoch ein echtes pars pro toto gelungen, und zwar vor allem hinsichtlich der sonstigen Umstände, in denen sich dieser Schwangerschaftskonflikt abspielt. Irgendwie steht diese Frau für alle und irgendwie ist sie für mich ganz real geworden. Gebannt beobachtet man ihren Kampf, verzweifelt weint man über den Ausgang und fragt sich, ob es nicht irgendwie anders hätte kommen können. Doch ein moralisches und romantisches Happy End hätte diesem Film nicht gereicht. Die von der Regisseurin beabsichtigte Diskussion hätte er damit nicht wecken können, nur Erleichterung im Herzen des Kinobesuchers. So erleben wir also, wie Astrid ungebremst auf den Abgrund zuschlittert, während um sie herum alle den Weg ebnen oder zumindest nichts tun, und am Ende der Tragödie den Teppich darüberbreiten. Und alle sagen nur: „Man darf nicht urteilen.“

Astrid und Markus haben bereits eine Tochter, und sind seit acht Jahren zusammen. Alles scheint perfekt. Als sie in feierlicher Runde verkünden, dass ihr Baby Down-Syndrom hat und dass sie es bekommen werden, ist ihr Umfeld mit dieser Entscheidung völlig überfordert. Die Reaktionen der Freunde reichen von gezwungener Fröhlichkeit bis hin zu kritischen Blicken oder Fragen. Die Babysitterin, in Astrids bisherigem Plan die wichtigste Stütze überhaupt, kehrt dem Haushalt auf der Stelle den Rücken.

Die durchaus wichtige Frage, wie das alles funktionieren kann, spielt von diesem Moment an ausschließlich die gemeine Rolle des Vorwurfs. Vor allem Astrids Mutter betätigt sich in den folgenden Wochen als Brandstifterin in den Gedanken ihrer Tochter: „Wie stellst du dir das vor? Bist du sicher, dass du das schaffen kannst? Hast du auch daran gedacht, dass dieses und jenes passieren könnte?“ Ein klassischer Subtext, der vielen Schwangeren in ihrem Konflikt von außen mitgegeben wird. Hätten sie es nicht verdient, Unterstützung signalisiert zu bekommen? Ideen, Lösungsvorschläge, Ermutigung? Erleben wir Astrid nicht als eine Frau, bei der man eigentlich sagen müsste: „Wenn es jemand schafft, dann du, du mit deiner positiven und fröhlichen Art, du, die du bisher alles hingekriegt hast, was du wolltest, du mit deinem herzensguten Lebensgefährten, der dich in deinem Spagat zwischen Beruf und Familie so toll unterstützt, ihr beide mit der Erfahrung, dass ihr als Familie schon so einige Strapazen bewältigen konntet, die ihr sozial gut vernetzt und wirtschaftlich bestens abgesichert seid…“?

Ein sorgfältiges Durchspielen, welche guten Möglichkeiten es für ein Leben mit dem Kind gibt, ist aus meiner Sicht, wenn Freunde und Familie in diesem Punkt versagen, eine der ersten Aufgaben einer guten Beratungsstelle. Doch die in „24 Wochen“ dargestellte „psychologische Beratung“ beschränkt sich auf genau drei Dinge: Sie gibt Astrid einige Flyer über Down-Syndrom-Angebote mit, schildert ihr auf Nachfrage kurz den Ablauf einer Spätabtreibung, und als Astrid mit Markus zu einer Paarberatung wiederkommt, erinnert sie daran, dass gesetzlich die Entscheidung allein bei der Frau liegt.

Die Rolle des Mannes ist kritisch

Kein Nachfragen, wie es Astrid, die vor innerer Not fast nicht mehr in der Lage ist, ihre Auftritte zu absolvieren, ganz tief drinnen geht, worum sie sich sorgt und was sie sich wünscht. Keine gemeinsame Suche nach Ressourcen, auf die Astrid bei sich und anderen zurückgreifen könnte, um die Herausforderungen zu bewältigen. Und erst recht keine Hilfe zu einer konstruktiven Lösung des Partnerschaftskonfliktes, obwohl dieses Paar so viel gute Basis mitbringt. Stattdessen trägt die Beraterin unmittelbar zur Entmündigung des Kindesvaters und damit auch zur Isolation der Schwangeren bei. Markus steht mit seinem verzweifelten Einsatz für das gemeinsame Kind plötzlich als unbeherrschter Macho da, der die Selbstbestimmungsrechte seiner Freundin nicht respektiert, und hat ab sofort nichts mehr zu melden.

Ausschlaggebend für die Entscheidung der Hochschwangeren ist schließlich der Herzfehler ihres ungeborenen Kindes. Die zu erwartende Operation am offenen Herzen kurz nach der Geburt erscheint ihr so grausam, dass sie dann doch die Spätabtreibung mit Kaliumspritze in dasselbe Herzchen und mit eingeleiteter Geburt vorzieht. Man könnte ihr eine kaltherzige Eugenik vorwerfen, die kranken und behinderten Menschen lieber gleich das Leben ersparen will. Oder dass sie in egoistischer Weise ihre Karriere über alles stellt, wie Markus es ihr in seiner Verzweiflung an den Kopf geworfen hatte. Sie selbst glaubt, mit ihrem Wunschkind ein nicht abwendbares, gleichsam „heroisches“ Opfer bringen zu müssen. Für mich ist sie eine tragische, bedauernswerte Figur, die unser aller Hilfe gebraucht hätte, um nicht in die Irre zu laufen.

Gnadenlos realistische Darstellung der Abtreibung

Der Film positioniert sich ausdrücklich nicht hinsichtlich der eigentlichen Frage „Abtreibung ja oder nein“. In einem ergreifenden Dialog zwischen den Eltern formuliert Markus so ungefähr alle pro-life-Argumente, die es gibt. Astrid selbst sagt später, dass sie nicht weiß, ob es richtig oder falsch war, „vielleicht von beidem ein bisschen“.

Die Abtreibung selbst ist grausam, keine Frage, und wird zudem gnadenlos realistisch dargestellt. Aber dass sie nichts Wünschenswertes ist, das stellt ja auch niemand in Frage. Die Frau, der Arzt, das medizinische Personal, die begleitende Hebamme: Sie alle wissen, was sie tun und was hier passiert. Sie tun es trotzdem. In all dem wird das Kind, welches schließlich tot auf der Brust seiner herzzerreißend schluchzenden Mutter liegt, zum namenlosen Objekt, sämtlicher Empathie und sämtlichen Mitleids von Seiten des Zuschauers beraubt, der ganz und gar auf die Tragödie der Eltern konzentriert ist. Zuvor hat Astrid noch zur Hebamme – der ersten Person, die wirklich auf sie eingeht und sich dennoch ganz auf die neutrale Position zurückzieht – gesagt: „Ich hätte mich so gerne anders entschieden, aber es geht einfach nicht.“ Die Hebamme sagt, niemand dürfe über Astrid urteilen. Und offensichtlich schließt dies für sie automatisch mit aus, ihr im letzten Moment noch eine helfende Hand für eine Umkehr zu reichen.

Markus trägt die Entscheidung der Frau, die er liebt, letztlich mit. Er hält ihre Hand, während ihre im Alleingang getroffene Entscheidung schreckliche Wirklichkeit wird und sie anschließend unter Schmerzen das tote Kind zur Welt bringt. Natürlich macht ihn das dem Zuschauer wieder sympathisch, so als wäre es ganz normal, einen geliebten Menschen dabei zu begleiten, etwas nach eigener Überzeugung grundlegend Falsches zu tun. So legitimiert er damit nachträglich Astrids einsamen Entschluss, zumindest in ihrem Fall. Einem von rund hunderttausend pro Jahr.

Wie der Film doch ein Urteil abgibt

Indem der Film also in Astrids Geschichte sehr zutreffend dokumentiert, was allerorten in unserem Land passiert, und dabei diese Haltung der Neutralität unkommentiert lässt, positioniert er sich letztlich doch. Er gibt gleichsam paradigmatisch vor, wie man sich zu verhalten hat, wenn eine Schwangere in ihrer Not keinen anderen Ausweg als eine Abtreibung sieht: neutral. Was im Ergebnis bedeutet, sie in höchster Not im Stich zu lassen.

Und wir? Wenn wir jetzt diesen Film gesehen haben, mit dieser Frau, die pars pro toto für so viele andere steht, und wenn wir jetzt nichts sagen, wenn wir jetzt nicht aufstehen, damit endlich etwas passiert und unser Land sich ändert, wenn wir jetzt nichts tun, damit sich so etwas nicht mehr Jahr für Jahr hunderttausendfach wiederholt – dann steht dieses unser Nichtstun tatsächlich auch pars pro toto für die vielen einzelnen Schicksale, in denen das Umfeld, ja, in denen wir nichts getan haben.

Muss man diesen Film sehen? Er ist wahrlich keine leichte Kost, und wenn man ihn gesehen hat, ist danach „nichts mehr so wie vorher“. Eine sensible Seele oder jemand, der selbst ein Kind verloren hat, sollte ihn besser nicht anschauen. Aber allen anderen würde ich sagen: Wenn ihr ihn nicht anseht und nicht darüber sprecht, untermauert ihr damit die Haltung des Nichtstuns gegenüber den verzweifelten Schwangeren in unserem Land. (pro)

„24 Wochen“, 102 Minuten, freigegeben ab zwölf Jahren, ab 22. September im Kino.

Von: Paula von Ketteler

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