Armenische Flüchtlinge in Syrien – mit ihrem Schicksal befasst sich das Buch von Jürgen Gottschlich
Armenische Flüchtlinge in Syrien – mit ihrem Schicksal befasst sich das Buch von Jürgen Gottschlich

Unrühmliche Rolle oder Helfer beim Völkermord?

Die Diskussion über die angebrachte Bezeichnung für die Deportation der Armenier im Osmanischen Reich bewegt das politische Berlin. Wie sehr das deutsche Kaiserreich vor 100 Jahren in die Verbrechen an der christlichen Minderheit verstrickt war, zeigt pro im zweiten Teil der Serie.

Der Türkeikenner Jürgen Gottschlich stützt sich in seiner Recherche zum Buch „Beihilfe zum Völkermord“ auf zahlreiche historische Quellen. Er geht nicht nur auf einzelne einflussreiche Deutsche ein, die sich während der Massenvernichtung auf die Seite der Armenier stellten. Ausführlich beschäftigt er sich auch mit deutschen Vertretern, die nichts gegen die Verfolgung der christlichen Minderheit einzuwenden hatten.

Militärattaché Hans Humann etwa ist in Smyrna, dem heutigen Izmir, aufgewachsen. Unter Türken fühlte er sich wohler als unter Armeniern oder Griechen, merkt Gottschlich an. Allerdings bildete er mit seiner Haltung eben keine Ausnahme. Bereits 1896 schrieb Kaiser Wilhelm der II. an seine Schwester: „Sollen wir denn wegen der armenischen Gräuel mit dem Sultan Krieg führen? Ich möchte nicht das Gesicht des Reichstags sehen, wenn ich ihm ankündige, wir machen mobil gegen die Türkei.“ Gottschlich folgert: „Schon zu diesem Zeitpunkt war Wilhelm II. bereit, für seine Weltmachtvision die Armenier im Osmanischen Reich zu opfern. Denn der Kaiser setzte für seine Politik auf die islamische Karte.“ Als Folge sei Deutschland 1914 an der Seite der Türkei in den Krieg eingetreten.

Im Osmanischen Reich bauten die Deutschen die Anatolische Eisenbahn und die Bagdadbahn. Letztere sei allerdings kein normales Verkehrsprojekt gewesen, analysiert Gottschlich. Es habe sich vielmehr um den deutschen Versuch gehandelt, „sich den Orient ökonomisch und militärisch zu erschließen“. Mit der Bahn von Berlin bis Bagdad „sollte der deutsche Traum vom Orient, der Weg zur Weltmacht in Konkurrenz zu den Briten, Gestalt annehmen“.

Die Bagdadbahn wurde zwar nicht vollendet, diente aber den Türken, um Armenier aus Westen in Richtung syrische Wüste zu transportieren. Die armenischen Angestellten waren zunächst wegen ihrer „kriegswichtigen“ Arbeit von den Deportationen ausgenommen. Dies änderte sich jedoch auf deutschen Befehl. Die Deutsche Bank und das Auswärtige Amt versuchten vergeblich, „die deutschen Offiziere im osmanischen Generalstab daran zu hindern, die Deportation der Armenier aktiv zu betreiben“.

Generalstabschef: „Notwendige und saubere Aktion“

Im Juli 1915 legte Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim zwar offiziell Protest bei der türkischen Regierung wegen des Umgangs mit den Armeniern ein. Nach Berlin schrieb er jedoch als Begründung, er wolle „eventuellen späteren Invektiven unserer Feinde, als seien wir mitschuldig an dem rigorosen türkischen Vorgehen“, wirksam entgegentreten können. Der damalige Botschafter der USA, Henry Morgenthau, der sich sehr für die armenischen Belange einsetzte, wertete die Protestnote als „for show“.

Von Wangenheim ließ sich auch durch Humann beeinflussen, der meinte, die Armenier hätten trotz Warnung mit dem Feind kollaboriert; es sei gerecht, dass sie die Konsequenzen tragen müssten. Nicht lange danach war diese Haltung in offiziellen Berichten des deutschen Botschafters ans Auswärtige Amt zu finden. So warnte er etwa bereits Mitte April 1915 davor, „durch das Eintreten für eine aussichtslose Sache wichtigere Interessen aufs Spiel setzen“. Der Reichskanzler äußerte acht Monate später in einem Schreiben an das Auswärtige Amt: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht. Bei einem länger andauernden Krieg werden wir die Türken noch sehr brauchen.“

Dies verdeutlicht die Einstellung des Kaiserreiches zu den armenischen Christen. Die zeitgenössischen Berichte deutscher Diplomaten lassen nach Gottschlichs Dafürhalten keinen Zweifel daran zu, dass ein Völkermord stattgefunden hat. Doch hochrangige Vertreter rechtfertigten die Maßnahmen auch nach Kriegsende. Der Generalstabschef der osmanischen Armee, Friedrich Bronsart von Schellendorf, schrieb 1921 in einem Zeitungsartikel, die Vertreibung der Armenier sei eine notwendige und bis auf einzelne Übergriffe saubere Aktion gewesen. „Als die Erfüllung des Traums von der deutschen Weltmacht 1918 erst einmal vertagt werden musste, wurde die deutsche Beihilfe zum Völkermord vertuscht“, schreibt der Verfasser des Buches dazu. „Letztlich verschwand die ‚unrühmliche Rolle des deutschen Kaiserreichs‘, wie die deutsche Beteiligung am Völkermord heute etwas euphemistisch genannt wird, unter den schrecklichen Schatten, die Naziherrschaft und Zweiter Weltkrieg zurückließen.“

Mutiger Vorstoß des Papstes

Bis heute ist die Debatte darüber, ob die Vertreibung offiziell als „Völkermord“ bezeichnet werden kann, in Deutschland nicht abgeebbt. Die Bundesregierung tut sich damit schwer. Vor zehn Jahren, zum 90. Jahrestag, verzichtete sie bewusst auf diesen Begriff, um die Türkei nicht zu provozieren und sich nicht als Richter aufzuspielen. Auch habe Deutschland die Aussöhnung unterstützen wollen. In der Gedenkveranstaltung bedauerte der Bundestag einmal mehr die „unrühmliche Rolle“ des Deutschen Reiches. Das Europaparlament hingegen hatte bereits 1987 die Tragödie als „Völkermord“ eingestuft.

Doch in die Diskussion ist neues Leben gekommen. Papst Franziskus nahm in einer Messe am 12. April kein Blatt vor den Mund: Er sprach vom „ersten Völkermord im 20. Jahrhundert“. Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu warf ihm daraufhin vor, Rassismus in Europa zu befördern und die Geschichte in fehlerhafter Weise zu deuten. Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte: „Wenn Politiker und Geistliche die Arbeit von Historikern übernehmen, dann kommt dabei nicht die Wahrheit, sondern so wie heute Unsinn heraus.“ Das katholische Kirchenoberhaupt forderte als Reaktion auf die Kritik Offenheit, Direktheit und christlichen Mut.

Der armenische Präsident Sersch Sargsjan wertete den Vorstoß des Papstes hingegen als „starkes Signal“ an die internationale Gemeinschaft. Ein Völkermord, der nicht verurteilt werde, stelle eine „Gefahr für die ganze Menschheit“ dar. Für den 23. April laden die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die katholische Deutsche Bischofskonferenz und vier weitere Kirchen am Abend in den Berliner Dom ein – zu einem Gottesdienst zur Erinnerung an den „Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen“ im Osmanischen Reich. Im Anschluss hält der Bundespräsident eine kurze Ansprache.

Der Zentralrat der Juden hat ebenso gefordert, von einem Völkermord zu sprechen, wie die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und der Linken. Mehrere CDU-Politiker haben sich dem Aufruf angeschlossen, unter ihnen ist mittlerweile auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im Text für die Erklärung, die am Jahrestag verabschiedet werden soll, kommt der Begriff nun auch vor.

Durchbruch in der Türkei

Nachdem das Thema in der Türkei jahrzehntelang tabu war, hat sich die Debatte in den vergangenen Jahren auch im Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches verändert. Im Herbst 2005 konnte trotz vielfältiger Widerstände in Istanbul ein Kongress stattfinden, der sich öffentlich mit dem Genozid befasste. Dies war aus Gottschlichs Sicht eine Zäsur: „Seither konnte die Diskussion um den Völkermord in der Türkei nicht mehr unterbunden werden.“ Den Aktivisten Hrant Dink, der sich für Gerechtigkeit gegenüber den Armeniern einsetzte, sieht er als „Hassfigur für Nationalisten von ganz links bis ganz rechts“. Der Türke habe den „Ausbruch aus der jahrzehntealten Tabuzone“ bewirkt. Er wurde 2007 ermordet. Vor einem Jahr sprach dann Erdogan, damals noch Premierminister, am 24. April als erster türkischer Regierungschef sein Bedauern über die Vorgänge aus dem Ersten Weltkrieg aus.

Heute leben etwa drei Millionen Armenier in der seit 1991 unabhängigen früheren Sowjetrepublik Armenien, gut zehn Millionen in der Diaspora. Es ist höchste Zeit, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt und das Leiden ihrer Vorfahren als Völkermord anerkannt wird. Gottschlichs lesenswerte Ausführungen, die durch historische Quellen und zahlreiche Schwarz-Weiß-Bilder bereichert sind, können hier eine gute Entscheidungshilfe sein. (pro)

Jürgen Gottschlich: „Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier“, 344 Seiten, Ch.Links, 77 s-w-Abbildungen, 19,90 Euro, ISBN 9783861538172

Von: Elisabeth Hausen

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