Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Unsere Streitkultur zwischen heilig und scheinheilig

Der Mathematiker und Philosoph Christian Wolff musste 1723 auf Druck von Pietisten nach Marburg fliehen – weil er Konfuzius Gutes abgewinnen konnte. Jürgen Mette ist froh, dass er heute schreiben kann, was er denkt, ohne den Galgen fürchten zu müssen.

Streiten wir zu viel oder eher zu wenig? Sollen wir uns schämen oder fremdschämen, wenn andere in Streit geraten? Ist es unsere Harmoniebedürftigkeit oder ist es ganz einfach Angst vor Differenzen, dass wir uns im Dschungel der Wahrheitsfindung verbal gegenseitig auf die Füße und manchmal sogar ans Scheinbein treten? Vielleicht sogar aus Angst, weil mir der andere mit seinem Weltbild den Boden unter den Füßen wegzieht.

Wenn nicht sein darf, was nicht sein kann

Ich habe mich in den letzten Wochen mit der Geschichte des Barockpietismus („Hallescher Pietismus“) beschäftigt. In Halle an der Saale wirkte der Mathematiker und Philosoph Christian Wolff (1679 – 1754) an der durch Philipp Jakob Spener pietistisch geprägten Universität. August Hermann Francke war ein eifriger Schüler Speners und geistiger Vater der bis heute bekannten Franckeschen Stiftungen. Er war als Theologe, Pädagoge und Liederdichter die prägende Gestalt des noch jungen Pietismus.

Der Jurist Christian Thomasius, der bedeutendste Vertreter der Frühaufklärung und Gründer der Universität, galt zunächst als „Advokat der Pietisten“, und holte viele pietistische Lehrer nach Halle, unter anderem auch Joachim Lange, der sich mit Christian Wolff heftig überworfen hatte. Streitobjekt war die Begegnung mit den Lehren des Konfuzius, einem Meister und Lehrer der Philosophie, der ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt (550 – 480 v.Chr.) China geprägt hat. Professor Wolff war durch seine „Rede über die praktische Philosophie der Chinesen“ zu einer ernsten Gefahr für den „rechten“ Glauben geworden. So forderte August Hermann Francke als Dekan der theologischen Fakultät Christian Wolff auf, die Manuskripte seiner Rede rauszurücken. Die Pietisten übernahmen mit wachsendem Entsetzen die Sichtung und Prüfung von Wolffs Reden und Schriften.

Joachim Lange organisierte den Widerstand gegen Wolff. August Hermann Francke konnte aufgrund seiner guten Beziehung zu König Friedrich Wilhelm I. erwirken, dass dieser am 8. November 1723 verfügte, Wolff habe bei Androhung des Strangs binnen 48 Stunden Preußen zu verlassen. Wolffs Leben war durch diese Androhung nicht wirklich bedroht, denn im liberalen Marburg freute man sich auf den wackeren Philosophen, dessen Wohnhaus in der Oberstadt heute noch zu sehen ist. Francke hat in dieser unrühmlichen Episode die „Vorsehung Gottes und die Erhörung seiner Gebete“ gesehen, dass Gott selbst die Gläubigen von der „Macht der Finsternis erlöst“ hat. 1727 wurden Wolffs Bücher in Preußen verboten und 1739 wieder freigegeben und. 1740 kehrte Wolff zurück nach Halle. Dort reichte er seinem schärfsten Gegner, Joachim Lange, die Hand zur Versöhnung.

Das waren die Mittel der damaligen Zeit, um die Herde der Gläubigen vor falschen Einflüssen zu schützen. Der Weltanfang wurde in dieser Zeit allgemein um 4.000 v.Chr. angesetzt. In der Wahrnehmung Chinas lag darin einer der größten Schocks in Alteuropa darin, dass man die geschichtlichen Angaben aus dem alten China nicht mehr einzeichnen konnte in den Rahmen, den man in der biblischen Urgeschichte gegeben sah. In China wusste man zum Beispiel nichts von einer Sintflut globaler Ausdehnung. Dank der Aufklärung darf ich heute darüber schreiben, ohne dass mir der Strang droht.

Diese pikante Episode des Pietismus schmälert nicht meinen Respekt gegenüber Spener und Francke, sie waren Kinder ihrer Zeit. Und wer weiß, was man eines Tages über mich schreiben wird, der ich nicht nur Kind Gottes bin, sondern auch Kind meiner Zeit. Und es gibt sie ja immer noch, die Literatur observieren, um ihr Welt- und Gottesbild und das ihrer Schutzbefohlenen zu schützen. Das Beste an dieser Geschichte: Christian Wolff ging den ersten Schritt zur Versöhnung.

Von: Jürgen Mette

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