Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Wer war hier der Esel?

pro-Kolumnist Jürgen Mette wird nie vergessen, wie er nach einer Predigt eine besondere Grunderneuerung erhielt. Denn es war keine theologische Kritik, die er bekam, sondern vielmehr eine tierische.

Am Montag dieser Woche war in der Herrnhuter Losung ein Zitat des Propheten Sacharja 9,9 zu lesen. Eine Vorschau auf den kommenden Messias und seinen Einzug in Jerusalem. Ein kontraststarkes Wort eines Propheten, der um 540 v. Chr. gewirkt hat: Es wird ein König kommen, ein Gerechter und ein Helfer. Er ist arm und reitet auf einem Esel.

Ich werde nie vergessen, wie ich einmal für den folgenden Predigtabschnitt kritisiert wurde: „Warum denn ein Esel? Haben Sie schon mal einen Esel blöken gehört? Heiseres, trompetenartiges Hochdruckröhren, irgendwie peinlich eselig, wie ein pubertärer Gaul im Stimmbruch. Das ist das Reittier für den König Jesus. Er ist wahrscheinlich immer zu Fuß unterwegs gewesen, er hatte ja nichts, es war ja alles geliehen: Der Futtertrog, in dem er nach der Entbindung gebettet wurde, das Boot, mit dem er auf den See Genezareth gefahren ist, der Esel, auf dem er in Jerusalem eingeritten ist und das Grab, in dem er schließlich bestattet wurde. Alles geborgt.

Jesus wählt kein Prachtross, sondern einen jungen Esel

Aber jetzt musste ein Esel her. Esel waren die Pferde der armen Leute. Und seitdem die Römer die Besatzungsmacht innehatten, waren überall Pferde im Einsatz. Wenn der römische Prokurator in Jerusalem einzog, dann schepperten die Hufe über das Pflaster. Inbegriff der Macht und des Wohlstands, der militärischen Dominanz über Israel.

Jesus, der Messias Israels wählt einen jungen Esel. Kein Prachtross. Einen kleinen grauen zotteligen Vierbeiner, der, wenn er sich äußert, einfach nur doof klingt. Eine Demonstration des politischen Machtverzichts. Jesus verzichtet demonstrativ auf das Laufsteggehabe der Mächtigen dieser Welt. Der Einzug in Jerusalem ist beiläufig improvisiert. Kein roter Teppich, keine Schweizer Garde, keine voraus-eilenden Herolde, keine Marschkapelle!“

Mit scheinheiligem Interesse

Schon während der Predigt fiel mir eine Dame auf, die ganz unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschte. Sie hing mir fast an den Lippen, aber ihr Gesichtsausdruck schien mich zu strafen. Nach dem Gottesdienst kam sie direkt auf mich zu gesteuert. Sie bat mich um ein Gespräch, auf das ich mich schon in innerer Abwehrhaltung eingestellt hatte. Wir zogen uns in ein Sprechzimmer zurück. Ohne lange Vorrede kam sie zur Sache. Und dann beschwerte sie sich über meine Deutung des Esels. Wenn ich keine Ahnung von Eseln hätte, solle ich den Mund halten oder mich vorher schlau machen, oder so ähnlich.

Ups, schon baute sich in mir Widerstand auf und zimmerte ein Feindbild in meiner Phantasie: Scheinbar eine vegetarische Weltretterin und fanatische Tierschützerin! Mit scheinheiligem Interesse lauschte ich ihrer Expertise über Vierbeiner. Bis der Ernst ihrer Rede mein stolzes Wesen zur Einsicht brachte. Esel seien genügsame, hochbegabte und vielseitig einsetzbare Reit- und Lasten tragende Logistiker. Ihr habe ein Esel bei einer Wüstentour das Leben gerettet, weil sie – fast verdurstet – von ihrem treuen Vierbeiner zur Quelle geschleift wurde. Noch ein paar Storys aus dem Leben einer amerikanischen Pferdezüchterin und ich sank immer tiefer in den Sessel. Ich schämte mich meiner zoologischen Unkenntnis und versprach der Dame, nie wieder über Tiere zu lästern, denn sie sind Geschöpfe Gottes. Jetzt war mir klar, wer der Esel in dieser Geschichte war. Peinlich.

Von: Jürgen Mette

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