Ein Anschlag auf eine Kirche in Nigeria, ein Attentat auf Moscheen in Neuseeland – beides ist gleichermaßen schlimm. Dennoch ist die Aufmerksamkeit dafür in westlichen Medien unterschiedlich groß.

Ein Anschlag auf eine Kirche in Nigeria, ein Attentat auf Moscheen in Neuseeland – beides ist gleichermaßen schlimm. Dennoch ist die Aufmerksamkeit dafür in westlichen Medien unterschiedlich groß.

Warum ein Wettbewerb um öffentliche Trauer nicht sinnvoll ist

Wenn Menschen einander töten, ist das immer furchtbar. Egal, ob es in Christchurch, in Nigeria oder anderswo geschieht. Dass Medien ihre Aufmerksamkeit und Menschen ihre Trauer darüber aber unterschiedlich verteilen, ist ein normaler Mechanismus der Betroffenheit. Ein Wettbewerb um öffentliche Trauer wird daher weder den Ereignissen selbst noch den Opfern gerecht. Ein Kommentar von Jonathan Steinert

Das Attentat auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch und die internationale öffentliche Anteilnahme löste bei manchen die Frage aus, ob die westliche Welt ausreichend über ermordete Muslime trauert. Oder ob sie womöglich zu viel trauert, mehr als über ermordete Christen. Ob etwa Angriffe auf Moscheen wie der in Neuseeland von den Medien mehr beachtet werden als die weltweite Christenverfolgung. Anlass für diese letzte Überlegung war eine Nachricht der Online-Zeitung Christian Post vom 15. März, dass seit Februar bei mehreren Angriffen insgesamt 120 Christen in Nigeria von militanten Fulani-Nomaden getötet worden seien.

Diese Nachricht griff das Portal kath.net drei Tage später mit der Überschrift auf „120 Christen in Nigeria ermordet – Medien schweigen". Das Resümee des Artikels: Deutschsprachige Medien würden so gut wie nicht über die Übergriffe militanter Muslime in Nigeria berichten, sich stattdessen aber dieser Tage ausführlich mit dem Anschlag auf die Moscheen in Christchurch befassen. So ähnlich tauchte die Meldung unter anderem auch auf einzelnen Blogs auf.

Der Faktor Religion

Der „Faktenfinder“ von tagesschau.de wiederum ging diesen Vorwürfen nach und kommt zu der Einschätzung: Die Angriffe auf Christen in Nigeria seien Teil eines Dauerkonfliktes, der aber keine – zumindest keine ausschließlich – religiöse Ursache habe. Der Konflikt zwischen muslimischen Fulani-Hirten und christlichen Bauern in Teilen Nigerias drehe sich vor allem um politische Vorherrschaft in der Region, um Weideland und Wasser. „Experten betonen, es gebe verschiedene Ursachen für den Konflikt, die Religion sei eine von vielen Komponenten.“

Das christliche Hilfswerk „Open Doors“ kritisierte nun seinerseits in einem Gastkommentar auf idea.de, dass tagesschau.de einseitig über Christenverfolgung berichte. Der „Faktenfinder“-Beitrag vereinfache den Konflikt in Nigeria, indem er Berichte darüber „rechten Blogs“ zuordne und ihnen somit die Glaubwürdigkeit nehme. Außerdem blende der Beitrag die Bedeutung der Religion aus. „Die blutige Gewalt in Zentral- und Nordnigeria hat ohne Frage eine Vielzahl von Ursachen. Dabei spielen begrenzte Ressourcen, der Kampf um Weideland und jahrhundertealte Stammesrivalitäten ebenso eine Rolle wie kriminelle Motive, etwa beim Thema Viehdiebstahl. Wer allerdings die religiöse Komponente in diesem Zusammenhang ausblendet, verkennt die enge Verknüpfung von Ethnie und Religion in Nigeria und vielen anderen Ländern“, schreibt „Open Doors“ und ist damit gar nicht so weit entfernt von der ARD, wie es die Argumentation erscheinen lässt.

Zwar gewichtet der „Faktenfinder“ den Faktor Religion geringer, als das christliche Hilfswerk es tut. Aber er benennt sie durchaus – wie oben zitiert – als einen Aspekt von mehreren Ursachen des Konflikts in Nigeria. Und dass ein Hilfswerk, das sich für verfolgte Christen einsetzt, dieses Thema gerne stärker in den Medien betont wüsste, ist, ungeachtet dessen Wichtig- und Richtigkeit, keine Überraschung.

Nigeria und Neuseeland nicht vergleichbar

Ob Christenverfolgung grundsätzlich und systematisch tatsächlich seltener in den Medien vorkommt oder weniger Raum erhält als Vorfälle, bei denen Muslime ermordet werden? Um das beantworten zu können, bräuchte es eine umfassendere Analyse als diesen Vergleich zwischen den Ereignissen in Nigeria und Neuseeland. Zweifel daran dürften angebracht sein. Denn immer spielen verschiedene Kriterien in die Auswahl von Themen für die Berichterstattung hinein, vom Ereignis und seinen Zusammenhängen selbst bis hin zur restlichen Themenlage auf dem Planeten. Die entscheidende Frage ist eine andere: Wie sinnvoll ist es, verschiedene Fälle von Übergriffen, Anschlägen, Konflikten miteinander zu vergleichen? In diesem konkreten Fall ist es völlig unpassend, die Ereignisse in Nigeria und Neuseeland, das Maß der Trauer und der Berichterstattung gegeneinander abzuwägen. Zum einen ist es immer furchtbar, wenn Menschen andere Menschen töten – egal welcher Religion sie sind. Zum anderen sind die Ereignisse in den beiden Ländern ganz unterschiedlich gelagert:

Neuseeland ist ein westlich geprägtes, demokratisches Land ohne gewaltsame innere Konflikte. Die neuseeländische Gesellschaftsform ist uns in Deutschland viel näher als etwa diejenige Nigerias. Ihr liegen im Wesentlichen dieselben Werte und Ideale zugrunde. Wenn nun in so einem Land ein Attentäter vor laufender Kamera 50 Menschen erschießt, weil sie einer bestimmten Religion angehören, erschüttert das die tiefsten Grundüberzeugungen liberaler Gesellschaften von Toleranz, Respekt und Freiheit. Es erschüttert die eigene Überzeugung davon, wie man miteinander und mit dem Fremden umgeht. Es ist daher keineswegs verwunderlich oder überraschend, dass Medien hierzulande ausführlich darüber berichten, sich Solidarität und Betroffenheit breit macht. Wäre dies in der Schweiz oder in Kanada geschehen oder hätte der Anschlag Christen während ihres Gottesdienstes gegolten, die Reaktionen wären sicherlich ähnlich gewesen.

In Nigeria ist die Sicherheitslage seit Jahrzehnten desolat. Die Angriffe auf Christen vor allem im Norden des Landes, die konflikthaften Spannungen zwischen den Religions- und Bevölkerungsgruppen dauern an. Immer wieder kommt es zu Angriffen und Anschlägen. Ab und zu berichten deutsche Medien darüber, aber nicht über jeden Fall. Das gesellschaftliche Selbstverständnis der westlichen Welt wird davon kaum berührt. Das ist keine Besonderheit des Blickes auf das westafrikanische Land. Es gibt zahlreiche Konflikte auf der Erde, über die Medien nur punktuell berichten, etwa dann, wenn es neue Entwicklungen gibt oder wenn sie besonders folgenreich eskalieren. Tausende Menschen kommen gewaltsam zu Tode, ohne dass die deutsche Öffentlichkeit etwas davon erfährt – Christen und Muslime gleichermaßen. So zynisch es klingt: Auf Dauer sind die immer selben Konflikte für die Medien nicht interessant. Und Konflikte, die weiter weg sind von unserer Gesellschaft, umso weniger.

Nähe macht betroffen

Das darf man beklagen und kritisieren. Es hört sich unfair an. Doch das entspricht üblichen journalistischen Kriterien – Nähe, Betroffenheit, Neuigkeitswert, Reichweite eines Ereignisses. Und letztlich tickt das Publikum ähnlich. Dazu muss sich jeder nur einmal selbst hinterfragen: Wer von einem Thema betroffen ist, interessiert sich mehr dafür und vermisst es auch eher in den Medien als jemand, der dazu keinen Bezug hat. Wer einem Menschen näher steht und sich ihm verbunden fühlt, wird mehr um ihn trauern als um einen ferner Stehenden. Dieses Prinzip wird sich auch in den Aktivitäten in den Sozialen Medien niederschlagen.

Eine böse Absicht zu unterstellen, wenn Medien verschiedene Ereignisse unterschiedlich gewichten, ist unangebracht. Die Gewichtung selbst kann und muss natürlich diskutiert werden. Aber verschiedene Gruppen von Opfern gegeneinander aufzuwiegen, gleichsam in einem Wettbewerb um die öffentliche Trauer, das wird keinem der Ereignisse, ihren Hintergründen, Folgen und den Betroffenen gerecht.

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