Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Der Präsident, die Wahl und die Evangelikalen

Brasilien vor der Stichwahl. Der von vielen Frommen favorisierte Kandidat liegt weit vorn. Ein Sieg wäre dennoch kein echter Grund zur Freude für viele seriöse Evangelische. Eine Kolumne von Jürgen Mette

Die Lage auf dem amerikanischen Kontinent ist boulevardesk und donaldesk zugleich. Im Norden herrscht Donald der Schreckliche und im Süden höchstwahrscheinlich in Kürze ein ähnlich grobschrötiges Kaliber: Jair Messias Bolsonaro. Er geht mit beachtlichem Vorsprung in das Finale der brasilianischen Präsidentschaftswahl.

Die politischen Positionen Trumps und Bolsonaros variieren, aber darin sind sich die beiden Kontinentalfürsten einig: Sie versprechen dem Volk reichlich private Bewaffnung, lästern über Minderheiten, neigen zum diktatorischen Alleingang, geben sich religiös, sind gegen Abtreibung und sie beten. Die Evangelikalen der USA haben Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt gemacht. Mehr als 40 Prozent der Amerikaner bezeichnet sich selbst als evangelikal. Die Anti-Abtreibungs-Taktik hat ihr Ziel nicht verfehlt. Das scheint auch in Brasilien zu funktionieren. Wo 64 Prozent der Bevölkerung katholisch sind, und jeder Fünfte als Protestant in einer der 35.000 Freikirchen engagiert ist, da ist es zumindest vorteilhaft, sich religiös zu geben.

Wahl zwischen Pest und Cholera

Bei der Stichwahl am 28. Oktober treten erstmals in der Geschichte Brasiliens zwei nicht-katholische Kandidaten gegeneinander um das Präsidentenamt an: Bolsonaro, der zwar streng katholisch erzogen wurde und nominell immer noch katholisch ist, sich aber 2016 von einem evangelikalen Pastor im Jordan taufen ließ. Und der spiritistisch geprägte Fernando Haddad von der Arbeiterpartei PT.

Das Bekenntnis der Religiösen zu Bolsonaro ist angesichts der desaströsen Hinterlassenschaft der sozialistischen Regierung wohl die einzig denkbare Alternative. Es ist zwar eine strapazierte Phrase, aber Brasilien hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Gegen den Kandidaten Haddad laufen 32 Prozesse wegen Veruntreuung und Annahme von Schmiergeldern. Dagegen ist Bolsonaro geradezu ein Messdiener. Er hat kein Verfahren am Hals. Von denen, die während der Regierungszeit von Lula da Silva in verantwortlichen Positionen waren, sind folgende politische Führungskräfte im Gefängnis:

Der Präsident des halbstaatlichen Mineralöl-Riesen Petrobrás, der Post, der Stromversorgung, der Atomkraftwerke, der brasilianischen Staatsbank, der brasilianischen Bank für Entwicklung, der Sparkasse, drei der ersten Vorsitzenden von der Arbeiterpartei, der ehemalige Präsidenten des Bundestages und der des Senates und der ehemalige Präsident Lula selbst. Wie viele Milliarden veruntreut wurden, bleibt im Dunkeln.

Lula und Fidel Castro haben 1990 die Konferenz Foro São Paulo mit dem klaren Ziel gegründet, dass ganz Südamerika sozialistisch/kommunistisch werden soll. Zurzeit haben 54.990 brasilianische Politiker Immunität. In Deutschland sind es nur die Abgeordneten des Bundestages. Das macht eine strafrechtliche Verfolgung brasilianischer Politiker schier unmöglich. Korruption hat noch nicht mal den Rang eines Kavaliersdeliktes. Auf den Straßen herrscht pure Gewalt, sieben Morde pro Stunde, 61.000 im vergangenen Jahr. Ein Land, das nach 60 Jahren Militärregierung und 15 Jahren Sozialismus moralisch so runtergekommen ist, sucht keine feingeistig intellektuellen Diplomaten, sondern einen Typen wie Bolsonaro.

Problem ums Label „evangelikal“

Wie die Tageszeitung Die Welt vom 29. September 2018 berichtet, gehören 100 der 513 Abgeordneten des brasilianischen Parlaments der im Jahre 2003 gegründeten „bancada evangélica“ an, einem parteiübergreifenden Zusammenschluss evangelikaler Politiker. Im Senat bezeichnen sich fünf der insgesamt 81 Senatoren als „evangelikal“. Nach dem Einzug Bolsonaros in die Stichwahl hat die „bancada evangélica“ bereits ihre Unterstützung angekündigt.

Da drängt sich mal wieder die Frage auf, was eigentlich „evangelikal“ ist.

In Brasilien ist man nicht „evangelicos“, sondern man redet von „grentes“ – Gläubige. Damit sind – im Gegensatz zu „katholisch“ – die von unseren Medien als „evangelikal-sektenähnlich“ bezeichneten Megachurches gemeint. Dazu gehört zum Beispiel die „Universale Kirche vom Reich Gottes“, die den Armen Wohlstand und Gesundheit gegen Vorkasse verkauft. Fürbitte auf Rechnung. Manche Kirchenleiter und fromme TV-Unternehmer haben es so zu einem Milliardenvermögen gebracht. Zum Leidwesen vieler seriöser Evangelischen, die unter den manipulativen Methoden dieser geschäftstüchtigen Enthusiasten leiden.

Einer meiner Freunde ist evangelischer Pastor in Brasilien. Er schrieb mir gestern: Bolsonaro hat ein schmutziges Mundwerk. Er ist keiner, den ich als Freund in meinem Haus haben möchte und schon gar nicht als moralisches Vorbild für meine Kinder. Aber er steht für mehr Dinge, die ich wertschätze, als die linksorientierte Seite, die Chaves, Maduro, Castro und ein Dutzend afrikanische Diktatoren als Freunde und Vorbilder hat.

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