Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Wenn Fleischeslust unter die Haut geht

Ess ich’s oder ess ich’s nicht? Nachdenkliches und Humorvolles zur Eröffnung der Grillsaison. Eine Kolumne von Jürgen Mette

Ja, ich weiß es. Ich kenne meinen Magen seit über 60 Jahren. Ich kenne auch die neusten Erkenntnisse einer gesunden Ernährung und ich weiß auch, dass man vor dem Schlafengehen eigentlich kein saftiges Grillfleisch mehr essen sollte.

Aber dann kam die Einladung von Freunden. Ob wir noch Lust auf eine Kleinigkeit hätten. Wir dachten an ein Salätchen, einfach etwas Leichtes. Aber der Gastgeber hatte den Grill angefeuert. Ein junges Spanferkel lag fachmännisch tranchiert auf der glühenden Kohle und der betörende Duft bahnte sich seinen Weg in mein parkinsongeschädigtes Riechorgan. Wenn da noch was ankommt, dann ist es richtig gute Ware.

Die Salate und die gebackenen Kartoffelspalten waren erstklassig und das Grillfleisch sah so verlockend knusprig aus, so hinreißend zart und kross zugleich. Pure Fleischeslust. Und als dieses Tier so segmentiert, so ergeben in seiner knusprigen Kruste vor mir lag, brüllte die vertraute Stimme in meinem Ohr, dieser verbale Tinnitus, dieser Feueralarm einer gesunden Ernährung: Nur das Fleisch, nicht das Fett! Aber die Schwarte war es, die meine Begierde reizte. Ran an den Speck.

Alles Fette ist dem Herrn

In solchen Situationen befrage ich die Bibel. „Alles Fette ist dem Herrn“, heißt es in 3. Mose 3,16. Und da ich Bibelkritik ablehne, muss ich diese Anweisung wörtlich befolgen. Das Fette war in biblischer Zeit des Beste. Es brennt einfach besser auf dem Brandopferaltar. Wie kann ich es dann verschmähen? Und was heißt dann „es gehört dem Herrn“? Soll ich es vom Mageren trennen und beiseite tun? Aber wohin damit?

Ich hätte meine Haut retten und die Schwarte des Spanferkels verachten sollen. Es wäre eine wunderbare Nacht geworden. Die Magensäfte hätten noch ein wenig die Backkartoffeln bespritzt, die Salate hätten die Vitamine freigesetzt und ich wäre sanft eingeschlafen. Aber die Haut war es, diese verführerisch gegrillte Schwarte, die mir derart den Kopf verdreht hatte. Ja, ich habe die Entscheidung bei klarem Bewusstsein getroffen. Das prickelnde Hefe-Weizen war auf Alkoholentzug und hätte darum keinen Schaden anrichten können. Ich lese jeden Artikel über gesunde Ernährung, ich wusste was ich tat, indem ich mich für dieses verlockende Spanferkel entschieden habe.

Der Schlaf war wie befürchtet. Der Verdauungsapparat musste Nachtschicht machen. Die Verwertung des Fettgewebes unter der knusprigen Schwarte des veredelten oberhessischen Landschweins hat meine Bauchspeicheldrüse und meinen Magen schwer gefordert. Um drei Uhr war die Nacht vorbei und kein Magenbitter im Haus. Immer wieder meldeten sich die halbverdauten Fragmente dieser knackigen Jungsau am oberen Ende meiner Speiseröhre. Und dann dieses erniedrigende Gefühl, mal wieder versagt zu haben.

Die Ernährungswissenschaftler haben erklärt, dass es das Bauchfett sei, das Hüftgold, dieses erweiterte Spe(c)ktrum, das uns Männern einen frühen Tod bescheren würde. Tierischer Bauchspeck erzeugt menschliches Bauchfett. Aber hatte nicht der Metzger meines Vertrauens gesagt, gerade die fettige Schwarte sei der unverzichtbare Geschmacksträger fleischlicher Genüsse. Das hört Mann gern.

Nein, ich werde keine Diät machen und auch nicht zur Glaubensgemeinschaft der Weight-Watchers konvertieren. Bei denen hatte ich mal angerufen, aber es hat keiner abgenommen. Ich werde künftig auch nicht vom Fleisch fallen, aber ich werde nicht reinhauen, bis die Schwarte kracht. Ich werde das essen, was mir gut tut, und endlich auf meine Frau hören. Der Apostel Paulus hätte auf dem heidenchristlichen Grillfest tüchtig zugelangt, oder?

Von: Jürgen Mette

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