Großbritanniens konservativer Premier David Cameron (li.) warb für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Sein Kontrahent Nigel Farage konnte jedoch mehr Stimmen für den Austritt gewinnen.
Großbritanniens konservativer Premier David Cameron (li.) warb für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Sein Kontrahent Nigel Farage konnte jedoch mehr Stimmen für den Austritt gewinnen.

Der Brexit stellt die Identität der EU infrage

Die Briten haben gewählt – und verlassen die EU. Das stürzt die Union in eine Identitätskrise, zumal Großbritannien maßgeblich die humanistische und christlich-jüdische Prägung Europas beeinflusste. Doch Angst wäre jetzt fehl am Platz. Ein Kommentar von Christoph Irion

Geahnt haben es viele schon längst: Großbritannien hat nie richtig zur Europäischen Union gehört. Jedenfalls haben die Briten selbst schon immer unterschieden zwischen ihrem traditionsreichen Königreich auf den Inseln und dem europäischen Festland. Zugleich erkämpfte sich das Vereinigte Königreich innerhalb der EU einseitige Privilegien: Die damalige Premierministerin Margaret Thatcher handelte den legendären „Briten-Rabatt“ auf EU-Beiträge aus – der bis heute gilt. Auch dem Schengener Abkommen, das den beteiligten EU-Ländern freizügige Grenzübertritte ohne Kontrollen bescherte, traten die Briten nie bei: Mit den Zuwanderungsproblemen Europas will London nichts zu tun haben.

Insofern ist der Austritt Großbritanniens aus der EU nicht unbedingt eine Überraschung. Dennoch markiert der 23. Juni 2016, der Tag, an dem die Briten per Volksentscheid mehrheitlich für den „Brexit“ stimmten, eine echte Zäsur. Der Austritt des nach Einwohnern drittgrößten und wirtschaftlich mittlerweile zweitstärksten EU-Staates stürzt die Europäische Union, die ohnehin durch Flüchtlings- und Finanzkrise heftig gebeutelt ist, in die gefährlichste Identitätskrise ihrer Geschichte.

Wer kommt als nächstes?

Zwei Jahre haben die EU und Großbritannien Zeit, ihre vertraglichen und wirtschaftlichen Beziehungen neu zu regeln. Dass der Premierminister zurücktritt, das Britische Pfund abstürzt und die Börsen in die Tiefe rauschen, sind zunächst einmal Momentaufnahmen. Bedeutsamer sind die mittelfristigen Folgen. Die wird auch Deutschland spüren. Denn für Deutschland sind die Britischen Inseln der drittwichtigste Markt.

Noch herausfordernder aber sind die zu erwartenden Verschiebungen innerhalb der politischen Balance in der EU: Die Position Deutschlands wird im Gefüge der verbleibenden und sehr unterschiedlichen 27 EU-Länder weiter gestärkt – aber das ist nicht nur gut. Denn schon jetzt beklagen viele Europäer die Dominanz Berlins, das Misstrauen gegen Deutsche nimmt zu. Auch hinsichtlich der Ziele, die Deutschland vertritt, scheidet ein wichtiger Unterstützer Berlins aus: Während das inzwischen stark geschwächte Paris zur Lösung der Finanzkrise auf den starken Staat setzt, wollen London und Berlin eher den wirtschaftlichen Mittelstand stärken, gleichzeitig verlangen sie Subventionsabbau.

Das schlimmste Szenario, das einige Beobachter in der EU befürchten, ist ein möglicher Dominoeffekt: In Frankreich, in den Niederlanden, Dänemark oder Tschechien fordern Nationalisten bereits ebenfalls Volksabstimmungen. Zunehmende Europaskepsis ist überall bis weit hinein in das aufgeklärte Bürgertum spürbar: Millionen Europäer können mit einer EU, die von Brüssel aus das tägliche Leben der Menschen zu Hause reguliert, nicht mehr viel anfangen. Auch hierzulande fragen sich viele, wofür man zum Beispiel eine Staatengemeinschaft braucht, wenn Millionen Flüchtlinge nur in wenigen Ländern willkommen sind.

Auf globaler Ebene erhält die EU mit dem Ausstieg des Vereinigten Königreichs ebenfalls einen gewaltigen Dämpfer. Zwar litten die Europäer schon immer unter ihrer Uneinigkeit, wenn es international um Friedenseinsätze, Kampf gegen Hunger, soziales Elend, den Nahostkonflikt oder den Klimaschutz ging. Doch die Briten haben aufgrund ihrer Empire-Geschichte einfach großes Gewicht – sie zählen zu den fünf ständigen Mitgliedern im UN-Sicherheitsrat. Fünf ehemalige Nato-Generalsekretäre mahnen: Die gemeinsamen Werte und die Sicherheitsanstrengungen in Europa gingen nun den Bach runter, das würde ganz klar „den Feinden des Westens“ Auftrieb verleihen.

Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen

Was bedeutet der „Brexit“ für die Kirchen, Christen und Anhänger anderer Religionen? Im europäischen Miteinander der Christen im 21. Jahrhundert dürfte es durchaus Auswirkungen geben. Der überall in Europa zu beobachtende Säkularisierungs-Prozess, durch den der Einfluss der christlichen Kirchen zunehmend zurückdrängt wird, scheint in Großbritannien besonders stark ausgeprägt zu sein. Zudem sind dort die muslimischen Gemeinden vor allem in den Metropolen sehr offensiv.

Tatsache ist, dass die EU in ihren Reihen einen wichtigen Partner verliert, der historisch gesehen maßgeblichen Einfluss hatte auf die humanistisch und jüdisch-christlich geprägte Herausbildung und Verteidigung der freiheitlich-demokratischen und der rechtsstaatlichen Ordnung. Inwiefern die europäische Zusammenarbeit der Christen und Kirchen unmittelbar darunter leiden wird, ist aber noch nicht ausgemacht: Denn Kommunikation verläuft heute grenzüberschreitend und überwiegend digital – vor allem in englischer Sprache.

Auch die Bibel hält eine reale Perspektive bereit, die theologisch gesehen sowohl faszinierend als auch sehr tröstlich ist: Seit Pfingsten (Apostelgeschichte 2) ist klar, dass das liebende, heilende, vergebende und erneuernde Wirken des lebendigen, dreieinigen Gottes nicht an Sprachbarrieren, auch nicht an Kultur- und Ländergrenzen politischer Systeme gebunden ist. Und Jesus sagt: „Der Geist weht, wo er will“ (Johannes 3,8). Die Zeiten werden unruhig bleiben. Und womöglich werden die Turbulenzen nicht nur an den Börsen weiter zunehmen. Doch Anlass für Entmutigung und Angst ist dies nicht. Europa braucht weiterhin Menschen, vor allem auch Christen, die in der Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und im Sinne des Gemeinwohls mitzugestalten. (pro)

Von: Christoph Irion

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