Stolz, sich Gutmensch zu nennen: Dieses Foto twitterten die Grünen am Dienstag
Stolz, sich Gutmensch zu nennen: Dieses Foto twitterten die Grünen am Dienstag

„Gutmenschen“ zwischen Köln und München

Für Feministinnen sind echte Kriminalfälle weniger aufregend als Gerüchte über das Oktoberfest. Die Grünen schmücken sich indes mit dem Unwort des Jahres. Ein Kommentar von Moritz Breckner

„Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres, und jener Menschenschlag, für den dieses Etikett einst ersonnen wurde, klopft sich auf die Schulter. Die einen freuen sich, dass Vokabular gebrandmarkt wurde, mit dem echte und vermeintliche Rechte die Befürworter der aktuellen Flüchtlingspolitik kritisieren. Die anderen verstehen das Wort gar als Lob. „Wir sind Gutmenschen“ twitterten beispielsweise die Grünen von ihrem offiziellen Parteiaccount. Entweder, sie haben das Wort falsch verstanden, oder ihnen ist erstmals Selbstreflexion gelungen, definiert der Duden „Gutmensch“ doch so: „[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o.ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt“.

Menschen mit ebenfalls guter Gesinnung haben am Montag die Kampagne „Ausnahmslos“ gestartet. Unter diesem Schlagwort versicherten sich Feministinnen in Sozialen Netzwerken gegenseitig, in Deutschland habe sich dank des weißen Mannes eine „Vergewaltigungskultur“ etabliert. Und wer sich über die massenhaften sexuellen Belästigungen der Silvesternacht mehr aufrege als über jene Vergewaltigungskultur, der sei ein Rassist. Nun kennt man Gruppenbelästigungen mit über 600 Opfern innerhalb weniger Stunden bislang zwar eher vom ägyptischen Tahrir-Platz als von der Kölner Domplatte oder der Münchner Theresienwiese; aber vielleicht sind die Online-Aktivisten ja manchen Medien auf den Leim gegangen.

Polizei widerspricht feministischen Legenden

Im ZDF und in mehreren Zeitungen nämlich durfte die als „Netzfeministin“ bekannte Anne Wizorek fabulieren, beim Oktoberfest gebe es eine Dunkelziffer von 200 Vergewaltigungen. Auch die Tagesschau-Journalistin Anna-Mareike Krause fand es nach der Horror-Nacht von Köln nötig, das Oktoberfest anzuprangern. Die Münchner Polizei hat die Legende der 200 Vergewaltigungen vehement zurückgewiesen, wie unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, und zugleich fragt, warum denn ARD und ZDF dort nicht nachgefragt hätten.

Über die Antwort auf diese Frage kann man nur spekulieren, vielleicht hängt sie ja irgendwie damit zusammen, dass bei Wahlumfragen unter Journalisten eben jene Partei weit vorne liegt, die sich gerne mit dem Unwort des Jahres schmückt. Wizoreks Engagement jedenfalls liegt nahe: Wer Galionsfigur einer Bewegung ist, muss diese Bewegung irgendwie am Laufen halten und ihr eine Existenzberechtigung einhauchen. Komisch nur, dass Nachrichten wie „Syrer sollen zwei Minderjährige vergewaltigt haben“ nicht Grund genug für feministisches Engagement sind.

Zumindest an der Quantität kann das nicht liegen: Derartige Meldungen schießen dieser Tage wie Pilze aus dem Boden, und das sogar in jenen Medien, die dazu bislang gerne geschwiegen haben. (pro)

Von: mb

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