Friedmann Eißler fordert die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten – für die Entwicklung eines gewaltfreien Islam. Bild: Moschee in Tripoli, Libyen
Friedmann Eißler fordert die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten – für die Entwicklung eines gewaltfreien Islam. Bild: Moschee in Tripoli, Libyen
Friedmann Eissler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen wünscht sich mehr Unterstützung für reformorientierte Theologen im Islam
Friedmann Eissler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen wünscht sich mehr Unterstützung für reformorientierte Theologen im Islam

EKD-Beauftragter: „IS hat mit Islam zu tun“

Hat der Terror des „Islamischen Staats“ (IS) etwas mit dem Islam zu tun? Wenn es nicht zu Reformen kommt, dann ja – meint Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen im Gespräch mit pro.

In einem offenen Brief an den IS-Chef Al-Baghdadi, der 2014 von 126 islamischen Geistlichen unterzeichnet wurde, grenzen sich Muslime weltweit von den Gräueltaten des „Islamischen Staats“ ab und kritisieren das Islamverständnis der Terrorgruppe. Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hat im Internet eine Stellungnahme zu diesem Brief veröffentlicht, in der er das gemeinsame religiöse Fundament der Geistlichen und der Terrorgruppe hinweist und Reformen anmahnt. pro hat mit ihm gesprochen.

pro: In Ihrer Stellungnahme zitieren Sie den Migrationsforscher Klaus J. Bade, IS und Islam hätten „etwa so viel miteinander zu tun wie eine Kuh mit dem Klavierspiel.“ Was ist falsch an der gängigen Behauptung, der IS habe mit dem Islam nichts zu tun?

Friedmann Eißler: Das Motiv hinter dieser Behauptung ist ganz wichtig und positiv: Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von den Gräueltaten des IS, da ich den Islam anders verstehe. Dennoch ist ebenso klar festzustellen: Der sogenannte „Islamische Staat“ begründet alles, was er tut, bis ins Detail mit Koranstellen und Belegen aus dem Leben des Propheten Muhammad. Die Verfasser des „Offenen Briefs“ akzeptieren die Terroristen dementsprechend auch als Glaubensbrüder, als Muslime. Sie sind sich nur in Details in der Anwendung der Scharia uneinig. Das macht ein Grundproblem deutlich: Die allgemein akzeptierten islamischen Quellen, auf die sich der IS beruft, werden auch von moderaten Muslimen im Sinne eines wortwörtlichen Verständnisses ausgelegt. Muslimische Vertreter in Deutschland müssen sich den Gewalttraditionen der eigenen Religion stellen. Solange dies nicht geschieht, bleiben die Übergänge zwischen konservativen Muslimen, Salafisten und militanten Dschihadisten fließend. Solange hat der Islam auch etwas mit dem IS zu tun.

Oft hört man, der Islam sei einmal anders gewesen – vielfältiger, toleranter, weltoffener. Wodurch ist der Wahhabismus, eine besonders intolerante Strömung des Islam, so einflussreich geworden?

Der Begründer des wahhabitischen Islam, Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703-1792), verbündete sich mit dem Saud-Clan. Bei der Gründung des Königreichs Saudi-Arabiens 1932 wurde so der „Wahhabismus“ Staatsreligion im Mutterland des Islam. Mithilfe der Ölmilliarden wird diese besonders rigide Form des Salafismus erfolgreich in viele Teile der Welt exportiert. Der ideologische Einfluss ist enorm, vor allem wo sich der saudische Wahhabismus mit anderen Formen des Islamismus verbünden und über die modernen Medien und das Internet seine Wirkung entfalten kann, auch unter jungen Menschen in Deutschland. Der Wahhabismus beansprucht, zum reinen ursprünglichen Islam zurückzukehren, den es so nie gab. Wahhabiten lehnen alles ab, was sie als „Neuerungen“ betrachten, etwa sufische Richtungen oder Heiligenverehrung; sie kennen daher auch gegenüber andersdenkenden Muslimen keine Toleranz.

Welche Denkmuster, die IS und die Verfasser des „Offenen Briefs“ nach Ihrer Einschätzung einen, finden Sie bedenklich?

Die zentrale Herausforderung liegt im Verständnis der islamischen Quellen, des Korans und der Sunna. In der islamischen Theologiegeschichte wurden diese maßgeblichen Texte als überzeitlich gültige Offenbarung überhöht, das „schöne Vorbild“ des Propheten Muhammad gilt als unmittelbar verpflichtend. Damit hat man als Muslim gegen Gewaltgebrauch praktisch nichts in der Hand, da Muhammad in seiner Zeit eben auch Gewalt gebraucht und zum Kampf aufgerufen hat. Das ist auch vielen Stellen des Korans zu entnehmen. Es müssen daher Wege gefunden werden, diese Texte als Zeugnisse ihrer Zeit zu lesen, damit ein unmittelbares, wörtliches Verständnis ausgeschlossen wird. Bis heute können sich radikalisierte Muslime in islamisch legitimer Weise auf Gewalttexte berufen, die der Koran und die Tradition bereitstellen.

Wie können wir die Entwicklung eines moderaten, Demokratie- und Menschenrechts-kompatiblen Islam unterstützen?

Der Weg kann nur ein gemeinsamer sein. Es gibt wichtige Ansätze, auf diesem Weg voranzukommen, etwa in der Deutschen Islamkonferenz, die versucht, eine breit angelegte Plattform für muslimische Belange in der Gesellschaft zu bieten, oder in den islamisch-theologischen Instituten an deutschen Universitäten, aber auch in den Positionierungen und neuerdings auch Organisationen moderater und liberaler Muslime, die ihre Stimme für ein an Demokratie und Menschenrechten orientiertes gesellschaftliches Miteinander erheben. In diesem Sinne müssen all jene Kräfte und Personen unterstützt werden, die die gemeinsamen Anliegen tatsächlich voranbringen.

Warum haben sich Reformtheologen bisher nicht in der islamischen Welt durchsetzen können?

Wir beobachten, dass wirkungsvolle Reformansätze in den derzeitigen Zentren der islamischen Gelehrsamkeit wenig bis keine Chancen haben. Selbstverständlich sind zahlreiche Theologen daran interessiert, etwa die Gewalttraditionen des Islam kritisch aufzuarbeiten und ein Verständnis des Korans zu formulieren, das sich auf die Ethik konzentriert. Ihre Arbeit geschieht allerdings bisher eher am Rand, im Exil, in „westlichen“ Ländern. Umso mehr sollten wir alle ein Interesse daran haben, dass diese Entwürfe wahrgenommen und bekannt werden, dass sie Fuß fassen und von jungen Muslimen aufgegriffen werden. Dazu ist es notwendig, „dem“ Islam nicht mit generellem Misstrauen zu begegnen, sondern positive Entwicklungen zu erkennen und zu stärken.

Wäre in Deutschland ein Verbot ausländischer Finanzierung und Einflussnahme auf Moscheegemeinden und Verbände sinnvoll?

Die türkische staatliche Religionsbehörde in Ankara (Diyanet) entsendet regelmäßig verbeamtete Imame in die deutschen DITIB-Moscheen. Nach kurzer Zeit werden diese wieder abberufen, was integrationspolitisch systematisch kontraproduktiv ist. Die Republik Türkei macht mit diesen Staatsbeamten aktive Religionspolitik in Deutschland. Dieser Zustand muss beendet werden. Wir brauchen stattdessen eine breit angelegte Ausbildung von Imamen in Deutschland. Nur so kann sich ein Islam entwickeln, der in unserer Kultur und Rechtsordnung verankert und begründet ist.

Sie fordern eine innerislamische Auseinandersetzung über die Geltung der Scharia. Wer könnte daran Interesse haben?

Daran müssen alle Musliminnen und Muslime ein Interesse haben, die sich in „westlichen“ Gesellschaften niedergelassen haben. Wo Scharia-Regelungen und freiheitlich-demokratische Grundordnung kollidieren, braucht es klare Entscheidungen für Letztere. Das ist schwierig, weil es sich um sehr grundlegende religiöse Anschauungen handelt. Aber ich betone noch einmal, dass es nicht nur Interesse an Reform gibt, sondern auch schon Vorschläge, in welche Richtung es gehen kann. Ich nenne nur Namen wie Mouhanad Khorchide, Ömer Özsoy, Nasr Hamid Abu Zaid, Abdolkarim Sorush, Amina Wadud und andere. Die einflussreichen Islamverbände stellen sich in zentralen Punkten gegen solche Reformer. Das darf nicht unwidersprochen bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Judith Schmidt. (pro)

Von: jus

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