In seiner Funktion als „Freier Redner Berlin“ traute Jürgen Ferrary ein Paar auf einer Porno-Messe und brachte „Licht ins Dunkel“
In seiner Funktion als „Freier Redner Berlin“ traute Jürgen Ferrary ein Paar auf einer Porno-Messe und brachte „Licht ins Dunkel“

Hochzeit auf der Porno-Messe: „Jesus wäre auch dorthin gegangen“

Als Theologe und gläubiger Christ ein Paar auf einer Porno-Messe zu trauen, ist außergewöhnlich. Jürgen Ferrary hat es dennoch getan. Im Gespräch mit pro zeigt er sich überzeugt: Christen sollten viel öfter ihre „Komfort-Zone“ verlassen, um das Evangelium in die Welt zu bringen.

pro: Wie sind Sie dazu gekommen, auf einer Porno-Messe ein Paar zu trauen?

Jürgen Ferrary: Ich bin in meiner Funktion als „Freier Redner Berlin“ und Theologe übers Internet für Hochzeiten und Beerdigungen zu finden. Viele Paare oder Angehörigen schreiben mich an, weil es ihnen aus verschiedenen Gründen wichtig ist, dass ich Theologie studiert habe – auch, und besonders viele, Nicht-Christen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich, von „da glaube ich, dass der reden gelernt hat“ bis hin zu dem Fakt, dass Menschen sich für den Glauben interessieren und mich buchen, weil sie so gleich auch Fragen zum Glauben beantwortet bekommen können. Ich sehe meinen Job ganz klar als Chance an, Menschen von Jesus zu erzählen.

So war das bei dem Paar von der Porno-Messe „Venus“ auch. Besonders dem Bräutigam war es sehr wichtig, dass ich nicht nur Redner, sondern Theologe bin, weil er unbedingt einen Hochzeits-Gottesdienst haben wollte und seine Ehe unter den Segen Gottes stellen wollte.

Ist Ihnen die Entscheidung, auf die Porno-Messe zu gehen, schwer gefallen?

Ich habe als erstes nach der Anfrage darüber gebetet, ob ich mich in diese fremde Welt begeben soll oder nicht. Dann habe ich meine Frau um Erlaubnis gefragt und die Gemeindeleitung meiner Gemeinde. Meine Sorge war weniger, dass mich die Messe irgendwie berührt oder zur Sünde verführt, als vielmehr, dass mir klar war, dass es Christen geben würde, die mit einem lauten Aufschrei reagieren werden. Oder auch, dass die Yellow-Press das negativ ausschlachtet und so mehr Schaden angerichtet werden würde, als dass ich Licht im Dunkel hätte sein können. Aber Jesus ist der Herr!

Wie war es, das erste Mal auf einer Porno-Messe zu sein, besonders als Pastor und Christ? Da treffen ja zwei Welten aufeinander. Was haben Sie empfunden?

Meine Empfindungen kann ich kaum beschreiben. So, wie sich Frauen auf der Messe vor den Ständen angeboten haben, kam es mir vor, wie auf einem modernen Sklavenmarkt. Also war es vielleicht eine Mischung aus Erstaunen und Mitleid. Für Nicht-Christen klingt das sicherlich arrogant, aber ich bin überzeugt: Die Menschen dort suchen etwas, was sie dort nicht finden werden. Ich muss aber zugeben, dass ich von der „Venus“ nicht allzu viel gesehen habe. Ich wurde vom Eingang bis zur Bühne und dann hinter die Bühne eskortiert. Da habe ich nicht so viel gesehen, wurde aber mächtig bestaunt als einer, der mit Security und von Kameras begleitet über die Venus „stolzierte“. Nach der Trauung bat das Paar mich, dass ich noch zum Torteanschneiden mit zu deren Stand komme. Das tat ich dann natürlich auch, bin dann aber ziemlich schnell wieder nach Hause gegangen. Ist nicht meine Welt, brauche ich auch nicht.

Aber eines ist mir bei den wenigen Eindrücken klar geworden, nämlich, dass wir vor einer Entscheidung stehen, was „dunkle Orte“ angeht: Sollten wir Christen wegschauen oder sollten wir Licht der Welt sein? Hätte ich mich wegducken sollen, als das Paar mich anfragte, oder hätte ich sagen soll: „Hier bin ich, Herr. Sende mich!“

Gerät man in einen Gewissenskonflikt, weil man die Porno-Industrie aus „Berufsgründen“ oder christlicher Überzeugung eher ablehnt und dann doch dort eine Hochzeit durchführen soll? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich war ja nicht für die Porno-Industrie dort, sondern für zwei Menschen, die sagen, Gott sei ihnen trotz ihres Berufes sehr wichtig. Außerdem sagten beide, Ihnen sei wichtig, dass die Freunde von ihnen von Gott erfahren. Skurril, aber von Herzen. Wir, die wir gebetet hatten, ob ich das tun sollte oder nicht, hatten den Eindruck: Jesus wäre auch genau dort hingegangen, um den Menschen von Gott zu erzählen. Eine Beobachtung hat mich erstaunt: Von Zuschauern vor der Bühne habe ich zum Teil Ablehnung gespürt. Als ich hinter der Bühne auf den Beginn des Gottesdienstes wartete, warteten dort auch gerade einige Mädels, die wohl zum „normalen“ Bühnenprogramm gehörten. Als sie mitbekamen, dass ich Theologe bin – ich wurde immer nur mit „Das ist der Herr Pastor“ vorgestellt –, umringten sie mich sofort. Eine der Frauen fragte mich dann sinngemäß: „Aber sie verurteilen uns doch nicht, oder? Wir sind doch auch normale Menschen...“ Das hat mich sehr getroffen, denn ich kann nur erahnen, was für Erfahrungen diese Menschen mit Christen gemacht haben müssen.

Gewissenskonflikte hatte ich keine, denn ich war ja nicht zum Vergnügen dort. Wenn wir ins Missionsfeld gehen, dann begeben wir uns automatisch in die Höhle des Löwen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Christen bereit wären, ihre „Komfort-Zone“ zu verlassen, um dort als Christ seinen Mann und seine Frau zu stehen, wo es gebraucht wird. Deutschland als post-christliche Nation hat genügend Ecken, die nichts mit Sex zu tun haben, in denen es aber mindestens genauso dunkel ist.

Das „Venus-Gesicht“, das Model Micaela Schäfer, hat in einem Interview hinterher gesagt, sie wäre von der Predigt sehr angesprochen worden. Preis dem Herrn, dafür war ich dort. Mein Gebet ist es, dass Menschen durch diesen Gottesdienst bewegt wurden, und dass es sie nicht mehr loslässt, dass sie gehört haben, dass Gott sie liebt.

Was hat ihre Frau zu dem Engagement gesagt? Fand sie es gut oder sah sie es eher kritisch? Hat sie Ihnen vielleicht sogar Tipps gegeben?

Für mich ist es selbstverständlich, dass ich meine Frau frage, ob sie damit einverstanden ist. Prinzipiell sagt sie meistens: Wenn ich Frieden über etwas habe, steht sie hinter mir und versucht, mir den Rücken frei zu halten. Ich bin mit einer wirklich tollen Frau verheiratet!

War das Ihre außergewöhnlichste Trauung oder haben Sie schon mal eine ähnlich besondere Hochzeit erlebt?

Es war mit Abstand der außergewöhnlichste Ort. Besondere Trauungen erlebe ich aber viele – nur ein Beispiel: Gleich einen Tag nach der „Venus“ dufte ich auf der Wartburg ein Paar trauen. Eine Hochzeit auf so christlich-traditionellem und geschichtsträchtigem Boden ist für mich auch sehr außergewöhnlich. Wenn auch sehr angenehm ungewöhnlich durch das Wissen, dass Martin Luther, dieser großartige Theologe, der unser Land und unseren Glauben so enorm prägte, einst an demselben Ort wirkte. Ansonsten ist für mich jede Hochzeit besonders, weil jede Hochzeit individuell ist. Ich lerne sehr viele interessante Menschen kennen und höre sehr viele interessante Lebensgeschichten. Das macht diesen Job ja so spannend. Aber natürlich ist so etwas wie die Hochzeit auf der „Venus“ sehr ungewöhnlich.

„Das war eine sehr seltene Chance“

Sie sind in Teilzeit in der International Baptist Church Berlin (IBCB) angestellt, auf Ihrer Homepage ist aber zu lesen, dass Ihr Hauptaugenmerk auf Hochzeiten liegt. Warum?

Ich bin bei der IBCB als zweiter Pastor für den Bereich Outreach und Evangelisation mit nur recht wenigen Wochenstunden angestellt. Also investiere ich einen Großteil meiner Arbeitszeit in meine Selbständigkeit. Unabhängig davon, dass ich es liebe, als Hochzeits- und Trauerredner unterwegs zu sein und eine große Chance dadurch habe, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, muss ich ja auch die Brötchen für meine Familie verdienen. Es ist also zu betonen: Ich war als „Freier Redner Berlin“ auf der „Venus“ und nicht im Auftrag einer Kirche oder Gemeinde. Nicht alle in der Gemeinde finden toll, was ich auf der „Venus“ gemacht habe. Aber ich bin nur dorthin gegangen, weil ich die Zustimmung des ersten Pastors und der Leiterschaft meiner Gemeinde hatte. Trotzdem ist ein sehr sensibles Thema.

Bei Esoterik-Messen sind ja oft Christen vor Ort, zum Beispiel mit einem Stand, um einen Gegenpol zu der Veranstaltung zu setzen oder auch zu missionieren. Finden Sie das gut und sollte das bei Porno-Messen auch stattfinden?

Die Menschen auf der „Venus“ sind eher weniger auf der Suche nach „Spirituellem“, ist mein Eindruck. Ich habe auch offene Ablehnung erfahren. Ich habe aber die Chance genutzt, um dem Paar wie auch den Menschen, die zugehört haben, zu erzählen, dass Jesus sie liebt und für sie ans Kreuz gegangen ist, um sie mit Gott zu versöhnen – und auch, dass ich fest davon überzeugt bin, dass das, was sie tun, sie von Gott wegbringt. Sie haben auf jeden Fall gehört, dass sie vor einer Entscheidung stehen – für oder gegen Jesus. Ich glaube, das war eine sehr seltene Chance, denn mir haben die Menschen zugehört, weil sie Gäste waren oder eben aus Höflichkeit. Während meiner Predigt war es in der Halle so still, man hätte eine Nadel fallen hören können.

Eine grundsätzliche Präsenz von Christen halte ich für nicht all zu effektiv, es sei denn, jemand empfängt einen besonderen Ruf für diese Arbeit. Ich hatte ja nur den kleinen Ausschnitt des Traugottesdienstes. Und ich hatte eine Menge Zeit, um mich durch intensive Gespräche mit dem Paar auf diesen „besonderen“ Gottesdienst vorzubereiten. Also wusste ich, dass ich das Evangelium predigen durfte. Das war wie gesagt eine wirklich einmalige Chance. Ich bete, dass Gott aus diesem Tag großen Segen für einige erwachsen lässt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Swanhild Zacharias (pro)

Von: sz

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