Der Spiegel hat Evangelikale aufs Korn genommen. Dabei kommen viele Klischees zum Tragen
Der Spiegel hat Evangelikale aufs Korn genommen. Dabei kommen viele Klischees zum Tragen

Spiegel: Nachvollziehbares, Aufgewärmtes und Klischees

Nun hat Der Spiegel mal wieder gläubige Protestanten in Deutschland aufs Korn genommen. „Evangelikale Gemeinden“ würden nicht nur großen Zulauf erleben. „Die konservativen Christen irritieren“ auch aus anderen Gründen die Amtskirche, analysiert das Nachrichtenmagazin. Vor allem würden sie „Populisten von Pegida bis zur AfD“ begeistern. Ein Kommentar von Christoph Irion

„Böse Geister sind Realitäten“ – so lautet das Stück. Der Spiegel hat für diese Story mit religions-soziologischem Zungenschlag gleich drei Redakteure in die Spur geschickt. Und die haben zur Veranschaulichung offenbar auch einen Gottesdienst besucht. „Deutschlands erste Megachurch“, das Gospel Forum in Stuttgart, liefert die bekannten Einstiegsszenen. Vor allem tritt Pastor Peter Wenz „wild gestikulierend“ als Krankenheiler auf.

Wer sich in der äußerst vielfältigen frommen Szene ein bisschen auskennt, der entdeckt in den neuen Spiegel-Enthüllungen manche nachvollziehbare Kritik, viele aufgewärmte Vorwürfe – und jede Menge Klischees. Die Autoren spannen den Bogen „von Stuttgart bis Bremen, vom Siegerland bis Sachsen“. Sie erwähnen Gruppierungen in den Landeskirchen, Pietisten, Baptisten, Pfingstler und auch Mennoniten. Irgendwie entsteht der Eindruck, alle solche Gemeinden und die Menschen, die sich ihnen anschließen, seien gleich. Nämlich konservativ. Mitunter sogar fundamentalistisch. Erfolgreich würden „die Evangelikalen“ allerorten „erzkonservative Werte“ propagieren, vor allem in Sachen Ehe, Sex und Erziehung. Dass sich die Evangelische Allianz gerade dadurch auszeichnet, dass sich unter ihrem Dach Gemeinden und Werke der unterschiedlichsten theologischen Prägungen, Traditionen und Glaubensstile sammeln, wird kaum deutlich. Dass in eben diesen christlichen Kirchen neben den Klischee-Brüdern auch viele Weltoffene, politisch Liberale und sozial Engagierte aktiv sind – Fehlanzeige.

Und so ist es geradezu naheliegend, die Frommen allesamt politisch in die Ecke von Pegida und AfD zu stellen. Auch scheint es verwerflich, dass die Evangelische Allianz in Berlin ein Büro am Bundestag hat. Da darf man sich schon mal fragen, wie sich die Spiegel-Redaktion (mit Hauptstadtbüro in Berlin) eine pluralistische Demokratie vorstellt. Sollen Arbeitgeber, Gewerkschaften, Finanz- und Gesundheitslobby, Medien, Islamverbände und Buddhisten in der Nähe der gewählten Volksvertreter präsent sein? „Komische“ Christen besser nicht?

Diener im Spiegel: Theologisch rückständig

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, wird genüsslich zitiert, weil er einer rechts-konservativen Wochenzeitung ein Interview gab. Dort habe er von einer „schleichenden Islamisierung“ gesprochen – und somit den Pegida-Demonstranten in Dresden quasi das Losungswort geliefert. Kann sein. Eine andere mögliche Erklärung hätten die Spiegel-Leute im eigenen Archiv finden können: Das deutsche Leitmedium hatte bereits ein Jahr zuvor seinen provokanten Titel „Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung“ auflagenstark unters Volk gebracht – illustriert mit einem islamischen Halbmond, der das Brandenburger Tor illuminiert.

So oder so. Wer zu diesem Thema bei den so genannten Evangelikalen googelt, dürfte eigentlich an Michael Diener nicht vorbeikommen. Der Vorsitzende der Evangelischen Allianz hatte im Januar 2015 im pro-Interview gesagt: „Christen sollten nicht bei Pegida mitlaufen.“ Das gefiel nicht allen Frommen im Lande. Ausdrücklich warnte Diener dennoch davor, sich von Rechten instrumentalisieren zu lassen. Die Spiegel-Autoren zitieren Diener hingegen lieber als theologisch vermeintlich rückständigen Interessenvertreter. Der promovierte Theologe bekennt sich zusammen mit Tausenden Pfarrern und Millionen Christen in Deutschland zur Heiligen Schrift als „höchster Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“. Wer aber meint, Diener und die Evangelische Allianz würden „herablassend“ auf die „reformatorische Theologie“ der Evangelischen Kirche in Deutschland blicken, der irrt: Gerade Michael Diener hat immer wieder eine aktuelle Rückbesinnung auf die Theologie und das Schriftverständnis der Reformatoren gefordert.

Unvermeidlich ist in dieser religiös-politisch anrüchigen Stoffsammlung natürlich auch der Streit um den Bildungsplan in Baden-Württemberg. Mit ihrem Ziel, das Thema sexuelle Vielfalt in vielen Bereichen des modernen Schulunterrichts systematisch zu verankern, stieß die grün-rote Landesregierung bekanntlich auf energische Kritik – auch von Christen. Die Landesregierung erhielt nach eigenen Angaben Hunderte Protest-E-Mails. Solche „Verleumdungen“ habe er „bislang nicht erlebt“, wird ein Minister zitiert – er vertritt jene Regierung, die angetreten ist, „eine Politik des Gehörtwerdens umzusetzen“. Wie derselbe Politiker jahrelang die teils rüden Proteste von Stuttgart-21-Gegnern erlebte, wird nicht zitiert.

Kritisch begleiten und fair abwägen

Unbestritten gibt es in der kirchlichen Welt seit jeher viele traditionell orientierte und konservative Kräfte. Und manches hier geschilderte Beispiel erscheint menschlich und auch theologisch äußerst fragwürdig – zum Beispiel wenn sich in einer Gemeinde Hauskreisleiter als „Gesalbte des Herrn“ bezeichnen lassen. Auch gibt es in Kirchen wie in anderen gesellschaftlichen Gruppen die Verantwortlichkeit, problematische sektiererische Entwicklungen am Rand zu beobachten und Gefährdungen vorzubeugen. Gerade wenn es um politischen Extremismus geht. Doch nicht alles, was ungewöhnlich, fremd, was andersartig oder für viele unverständlich ist, muss automatisch politisch gefährlich oder grundsätzlich verurteilenswert sein.

Nicht nur das Christentum prägt sehr unterschiedliche Stile aus. Unsere plurale Gesellschaft, in die zurzeit 400.000 Menschen im Jahr aus anderen Ländern, Kontinenten und Kulturen einwandern, wird damit leben müssen, dass es viele religiöse Orientierungen, viele Weltanschauungen und politische Überzeugungen gibt. Die Herausforderungen werden weiter zunehmen. Medien haben die Aufgabe, die gesellschaftlichen, politischen und religiösen Entwicklungen kritisch zu begleiten – aber auch fair abzuwägen. Der Spiegel, das selbst ernannte „Sturmgeschütz der Demokratie“ (Rudolf Augstein), hat hier in der Vergangenheit viel Wertvolles geleistet. Aber neben etlichen anderen haben gerade auch Christen Wesentliches zum Entstehen und Funktionieren dieser freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie beigetragen. Auch das darf gern mal wieder gesagt werden. Religionsfreiheit sowie Meinungs- und Pressefreiheit – beides steht im Range eines Grundrechtes unter dem ausdrücklichen Schutz des Grundgesetzes. (pro)

Von: iri

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