Menschen bei Maischberger: Zu Gast waren Gary Lukas Albrecht, Sabine Riede, Christian Reip, Joachim Huessner und Doris Wagner (v.l.n.r.)
Menschen bei Maischberger: Zu Gast waren Gary Lukas Albrecht, Sabine Riede, Christian Reip, Joachim Huessner und Doris Wagner (v.l.n.r.)

Die Macht der Sekten

Über ihre Erlebnisse berichteten Sekten-Aussteiger in der ARD-Talkshow von Sandra Maischberger. Das Thema lautete „Wenn Glauben gefährlich wird: Die Macht der Sekten“. Die Rede war von blindem Gehorsam, Manipulation, Kontrolle und körperlicher Gewalt.

Christian Reip erzählte in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ von seiner Kindheit bei der christlichen Sekte „Zwölf Stämme“. Er sei von seinen Eltern im Namen der Bibel verprügelt worden. Die 18 Jahre bei der Sekte und die systematische Anwendung von Gewalt seien ein Alptraum gewesen. Sobald sich Kinder über irgendjemand oder irgendwas lustig gemacht hätten, wären sie mit der Rute verprügelt worden. Erwachsene, die aus der Reihe tanzten, seien vor allen gedemütigt und bloßgestellt worden. Reip merkte man in seinen Redebeiträgen die Verbitterung an. In der echten Welt fehle ihm vollkommen der Halt. Michael Langhans, Rechtsanwalt der „Zwölf Stämme“ hatte das Redaktionsteam eingeladen, zog jedoch seine Zusage wieder zurück.

Frau an einen Guru verloren

Die Eltern hätten ihre Kinder nicht schützen können. „Jeder war Spitzel in einem System von Sanktionieren und Privilegien“, bilanzierte Reip. Es sei nur darum gegangen, Gehorsam zu leisten und zu funktionieren, sowohl zu Hause als auch in der Schule. Dies habe sein Leben bis zum Grunde zerstört: „Wir wurden geprügelt, bis sie das hörten, was sie hören wollten“, lautete sein Fazit.

Joachim Huessner verlor seine Frau an einen Sekten-Guru. Die Krankenschwester und dreifache Mutter nahm sich nach drei Jahren in der Sekte das Leben. Bevor sie dem Guru verfallen sei, habe sie fest mit beiden Beinen im Leben gestanden, sich dann aber enorm verändert, konstatierte ihr Ex-Mann: „Sicherheit und Vertrauen gibt es nicht mehr. Ich habe einen göttlichen Auftrag“, habe sie ihm gesagt. Zudem habe sie über 25.000 Euro in die Sekte gesteckt: „Es war eine freiwillige Gehirnwäsche. Die Menschen glauben zu 100 Prozent, dass der Guru die Inkarnation Jesu ist. Dagegen können sie nicht argumentieren.“

Endzeit-Erwartung

Sabine Riede, Geschäftsführerin von Sekteninfo NRW und Expertin in Sachen Sekten begründete die Züchtigung der Kinder bei den „Zwölf Stämmen“ mit der strikten Endzeit-Erwartung innerhalb der Sekte. Alle Aussteiger hätten ihr die Vorkommnisse, von denen Reip berichtete, bestätigt. „Viele sind traumarisiert und wollen hinterher nicht darüber reden. Die Kinder müssen außerhalb der Sekte erst einmal Vertrauen finden. Ein Guru und Sektenführer agiere dagegen meistens so, dass ihm die Menschen viel anvertrauten. Der Trend zu kleineren Gemeinschaften erschwere ihre Arbeit, weil man von diesen nichts wisse.

Gary Lukas Albrecht, Pfarrer und Sektenbeauftragter des Bistums Essen, bezeichnete einen Orden als Rückzugsort. „Der muss freiwillig sein. Wo es um Zwang geht, handelt es sich um eine Sekte.“ Das Ziel der „Zwölf Stämme“ sei es, eine Parallelwelt auch für ihre Kinder zu schaffen. „Menschen außerhalb der Gemeinschaft sind Feinde Gottes.“ Deren Bibelverständnis sei problematisch. Das Kindeswohl dürfe nicht religiösen Überzeugungen gegenüberstehen.

Aber nicht nur Missbrauch in Sekten thematisierte die Sendung: Doris Wagner berichtete, dass sie ihren katholischen Orden verlassen hat, nachdem sie missbraucht worden war. Die ehemalige Ordensschwester suchte im Alter von 15 Jahren - begeistert und angesteckt durch einen lebendig vermittelten Glauben in ihrem Elternhaus - die Nähe zu Gott. Sie war fasziniert von Menschen, die sich selbstlos in den Dienst Gottes stellten und legte ein Gelübde ab.

Im Orden wurde sie von einem Priester sexuell missbraucht. Über das System der Kontrolle, die meisten ihrer Briefe wurden von anderen Ordensmitgliedern gelesen und kontrolliert, und ihre Zeit dort hat sie das Buch „Nicht mehr ich“ geschrieben. „Wo ich nicht mehr ich bin, kann mich gar nichts mehr erfüllen – auch nicht Gott“, stellte sie in der Sendung fest. Sie verließ den Orden und klagte gegen ihre Peiniger: „Der Ausstieg fiel mir nicht leicht. Ich stand unter Schock, weil ich dort meine Berufung gesehen hatte und nun woanders glücklich werden musste.“ Der Glaube an Gott sei geblieben, weil er ihr aus der Krise herausgeholfen habe, der Kirche als Institution könne sie nicht mehr vertrauen.(pro)

Von: jw

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