Bei atheistischen Sonntagsversammlungen kommen in London Hunderte zusammen, um zu singen, einem Vortrag zu lauschen und sich auszutauschen
Bei atheistischen Sonntagsversammlungen kommen in London Hunderte zusammen, um zu singen, einem Vortrag zu lauschen und sich auszutauschen

Gottlose Gemeinde – jetzt auch in Deutschland

In Berlin versammeln sich Ende September zum ersten Mal Atheisten zu einer Versammlung, die einem Gottesdienst ähnelt. Die sogenannte „Sunday Assembly“ hat im vergangenen Jahr in London Premiere gefeiert.

Am letzten Septemberwochenende sollen rund 200 Menschen im Berliner Veranstaltungsraum „Orange Lab“ nahe dem Ernst-Reuter-Platz singen, eine Lesung und einen Vortrag hören, und sich damit beschäftigen, wie sie ihrer Umwelt etwas Gutes tun können. Das ist nicht alles. Ein Kinderprogramm soll dafür sorgen, dass auch Familien sich wohlfühlen. Die Liedtexte einer Liveband werden an die Wand projiziert, damit sich alle beteiligen können, und am Ende rufen die Veranstalter zur Mitarbeit beim nächsten Zusammenkommen am Sonntag in einem Monat auf. Einen heißen Kaffee bekommen die Besucher zum Schluss auch noch.

Tempel für Atheisten

Das klingt wie die Beschreibung eines recht gewöhnlichen freikirchlichen Gottesdienstes. Doch es ist keiner. Das Evangelium fehlt. Unter dem Titel „Sunday Assembly“ laden am 28. September um 14 Uhr erstmals Berliner Atheisten zu einem Treffen ein, das den Gemeinschaftssinn fördern soll. „Lebe besser, hilf oft, denke häufiger nach“ lautet das Motto der internationalen Bewegung ins Deutsche übersetzt. Die Geschichte der „Sunday Assembly“ begann 2013 in Großbritannien. Der Comedian Sandersen Jones veranstaltete im Januar erstmals eine Art religionsfreien Gottesdienst. Hunderte kommen heute regelmäßig zu den Veranstaltungen. Doch die Reihe wird auch kritisch beäugt - etwa von Chef-Atheist Richard Dawkins. „Atheisten brauchen keinen Tempel“, sagte er einmal. Es dürfte ihm wenig gefallen, dass die Bewegung mittlerweile international geworden ist. In den Niederlanden gibt es die „Sunday Assembly“ zum Beispiel schon. Ende September sollen in derzeit 23 Städten weltweit weitere Versammlungen Premiere feiern. Darunter ist auch die deutsche Hauptstadt.

Zu den Organisatoren der Berliner Variante gehören Sue Schwerin von Krosigk und Ulrich Tünsmeyer. Beide gehören keiner Religion an, sind aber katholisch aufgewachsen. „Ich habe einfach nie an Gott oder Religion geglaubt“, sagt Tünsmeyer, der sogar auf einer Klosterschule war und nach eigenem Dafürhalten absolut keinen Groll gegen die Katholische Kirche hegt. Schwerin von Krosigk beschreibt es so: „Ich habe mich im Laufe der Jahre vom Glauben befreit.“ Beide sind der Meinung, dass es in der modernen Gesellschaft am Miteinander mangelt. Dagegen wollen sie mit ihren Treffen angehen und zudem fragen: „Wie und wo können wir uns sinnvoll einbringen?“. Tünsmeyer sagt: „Unser Anspruch ist, insbesondere konfessionsfreien Menschen, etwas anzubieten, was aktive Gemeinschaft fördert, zum Nachdenken anregt und uns vielleicht inspirieren kann, besser zu leben, öfter zu helfen und mehr zu staunen.“ Dabei sollen internationale Sprecher aus den Themenbereichen Philosophie, Kunst und Wissenschaft helfen. Den Hauptvortrag bei der ersten „Sunday Assembly“ hält der englische Philosoph Stephen Cave. Es wird um Unsterblichkeit gehen.

Mission ist nicht erwünscht

Das ehrenamtlich arbeitende Organisationsteam besteht aus fünf bis acht Personen. Mit dabei sind ein Student, eine Psychologin, eine Grafikerin, ein Rechtsanwalt und auch ein Journalist. Sie alle verbindet ein säkular-humanistisches Grundverständnis, erklärt Schwerin von Krosigk. Religionsschelte und Antiklerikalismus gebe es bei ihren Veranstaltungen nicht – ganz so, wie es die Londoner Vorbilder ebenfalls halten. Wenn religiöse Menschen vorbeikommen, sind sie willkommen. Nur eine Regel gibt es laut Tünsmeyer diesbezüglich: „Mission ist nicht erwünscht.“ Als Konkurrenz zu Kirchen oder Moscheegemeinden versteht sich das Team nicht, denn die Zielgruppe sei eine andere. Die Parallelen zum Programm eines Gottesdienstes liegen für das Team eher in einer generellen Vergleichbarkeit von Ritualen in einem Kulturkreis begründet. Sie wollten den Kirchen nichts nachmachen.

Wie auch viele Freikirchen tragen sich die „Sunday Assemblys“ durch Spenden. 800 Euro plant das Organisationsteam pro Veranstaltung ein. Um Geld bittet es online, und auch am 28. September soll eine Art Klingelbeutel herumgehen. Wie viele Gäste tatsächlich kommen, ist schwer abzuschätzen, schließlich gibt es keine Anmeldung. Tünsmeyer und Schwerin von Krosigk hoffen auf 150 Personen, halten es aber auch für möglich, dass viel mehr kommen. Fortsetzen wollen sie die Reihe auf jeden Fall. Ein Thema fürs nächste Mal steht schon fest: Um Achtsamkeit gegenüber sich selbst und der Umwelt soll es gehen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, heißt das in der Kirche. (pro)

Von: al

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