Der Mainzer Kirchengeschichtler Sebastian Moll hat die Fernsehserie "Die Simpsons" zum Thema seiner Forschung gemacht

Ein religiöser Blick nach Springfield

Seit 23 Jahren flimmert die Fernsehserie "Die Simpsons" mittlerweile über die Mattscheibe. Mit dem ihr eigenen Humor hat sich die Familie rund um Vater Homer eine große Fangemeinde erobert. Welche Rolle Religion in der Serie spielt, hat der Mainzer Kirchengeschichtler Sebastian Moll erforscht. Was er dabei herausfand, erklärt er im Gespräch mit pro.

Die Mainzer Theologiestudenten staunten nicht schlecht, als sie die "Simpsons" im Vorlesungsverzeichnis fanden. Der Kirchengeschichtler Sebastian Moll bot im vergangenen Semester das Seminar "Die Simpsons und die Religion" an. Damit tritt er dem Vorurteil entgegen, dass Forschung und Lehre an deutschen Universitäten an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbeigehe. Moll bezeichnet sich als "großen Fan der Serie". Er war überrascht, wie viele religiöse Themen dort aufgegriffen werden. Mit dem Seminarthema möchte er unter anderem künftigen Lehrern Themen anbieten, die diese gut in den praktischen Unterricht integrieren können. Zwar runzelten einige seiner Kollgen bei dem Vorschlag für das Seminar die Stirn, doch großer Widerstand blieb aus.

Vielleicht liegt es daran, dass die Fakten der Serie auch für Nicht-Anhänger beeindruckend sind. Seit Dezember 1989 ist die fünfköpfige Fernseh-Familie, die in der fiktiven US-amerikanischen Stadt Springfield wohnt, auf "Fox" zu sehen. Knapp zwei Jahre später wurde sie erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt, damals noch im ZDF. Seit 1994 hat Pro7 die Übertragungsrechte. Mit 508 Episoden in 23 Staffeln sind "Die Simpsons" die am längsten laufende US-amerikanische Zeichentrick-Serie zur Primetime. Damit haben sie einen Eintrag im "Guinness-Buch der Rekorde" sicher. Ende Juli 2007 wurde die Serie verfilmt. Die Mutter von Bart, Lisa und Maggie, Marge Simpson, hat es sogar in den "Playboy" geschafft. Zudem wurden "Die Simpsons" mit etlichen Fernsehpreisen ausgezeichnet.

Bisher haben nur drei Wissenschaftler das Thema intensiver erforscht. Einer von ihnen ist der Amerikaner Mark Pinsky, der die Serie aus kultureller Sicht beleuchtet. Der Religionswissenschaftler Jamey Heit hat sich stärker an den theologischen Themen abgearbeitet. Eher populärwissenschaftlich geschrieben ist dagegen das Buch des italienischen Priesters Brunetto Salvarini. "Doch wirklich konträre Thesen vertritt keiner der Wissenschaftler", erklärt Moll.

Antworten bei den  theologischen Klassikern finden

Wer glaubt, dass die Studenten in dem Seminar nur fernsehen, der irrt. Die 60 Teilnehmer haben sich zwar zu Beginn eine ausgewählte Folge angeschaut. Dann haben sie die dort aufgeworfenen religiösen Themen, wie etwa die nach der Autorität der Bibel, dem Sündenverständnis oder dem Verhältnis zu anderen Religionen, beleuchtet. "Antworten haben wir anhand theologischer Standardtexte gefunden. Das waren neben der Bibel viele Texte von Luther bis hin zu theologischer Gegenwartsliteratur.

Und wie gläubig sind die Simpsons nun wirklich? "Zwei Charaktere verkörpern die religiösen Aspekte auf unterschiedliche Art und Weise. Einer ist der evangelikale Nachbar der Simpsons, Ned Flanders. Für ihn genießt die Heilige Schrift uneingeschränkte Autorität, "selbst der Mist, der an anderer Stelle widerrufen wird", wie Flanders selbst sagt. Aus Molls Sicht ist die Figur kein Negativcharakter, sondern kümmere sich um die Menschen und sei nett zu ihnen. "Ich würde lieber neben einem Ned Flanders wohnen als neben einem Homer Simpson", ergänzt Moll mit einem Augenzwinkern.

Serien-Pastor Reverend Lovejoy verkörpere dagegen einen Geistlichen, der in der Resignation verharrt: "Er ist eine Art Kulturchrist. Er möchte etwas aufrecht erhalten, mit dem er in Wirklichkeit innerlich gebrochen hat." Etliche seiner Zitate waren Bestandteil des Seminars. Etwa als Lovejoy die Kirchgängerin Marge Simpson in einer Ehekrise mit Homer beraten soll. Marge Simp­son fragt ihn, ob eine mögliche Scheidung nicht Sünde sei. Lovejoy antwortet ihr, dass doch "so ziemlich alles eine Sünde" sei und zeigt auf die Bibel. "Auf dieser Grundlage konnte ich mit den Studenten die Erkenntnisse der Reformation und Luthers Schrift ‚Von der Freiheit eines Christenmenschen‘ analysieren", sagt Moll. Außerdem sei Lovejoy derart resigniert, dass er alle Religionen als "mehr oder weniger gleich" bezeichnet. "Das ist eine Tendenz, die es gibt und die mir persönlich auch Angst macht. Mit welcher Gleichgültigkeit das Thema in unserer Kirche behandelt wird und wie wenig die Evangelische Kirche in Deutschland sich bemüht, Unterschiede deutlich zu machen, belastet mich. Das christliche Fasten ist eben nicht deckungsgleich mit dem türkischen Fasten im Monat Ramadan", stellt Moll klar.

Marge Simpson als moralische Instanz

Für Moll ist Marge Simpson eine Art moralische Instanz der Familie. Sie bringt sich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde ein, und "repräsentiert den christlichen Glauben am positivsten". Homer und Bart treten in einer der Folgen zum Katholizismus über. Damit werde vermittelt, dass sowieso alle Religionen gleich seien und ihre Anhänger an dasselbe glaubten, so Moll. In einer der Episoden fragt Homer Simpson, ob er seinen einzigen freien Tag am Sonntag für den Kirchgang opfern muss. Aus Molls Sicht geht es hier um die Frage, ob der Kult notwendig zum Christsein gehört, oder ob es nicht eher auf das Alltagsleben ankomme. Dass Homer den Glauben seiner Frau durchaus ernst nimmt, beweise eine andere Szene. Als er sich gedanklich mit dem Weltuntergang beschäftigt, schmiegt er sich eng an seine Marge mit den Worten: "Wenn sie dich im Himmel haben wollen, müssen sie mich auch nehmen."

Aber auch andere Religionen haben ihren Platz in der Serie: "Dass Lisa mit ihren acht Jahren zum Buddhismus konvertiert, deckt das Bedürfnis vieler Amerikaner ab, einfach einmal andere Religionen auszuprobieren." Und auch Homers Entschluss, einer Sekte beizutreten, analysiere in gewisser Weise den Umgang der amerikanischen Kirchen mit Sekten und verdeutliche, wo deren Gefahren lauerten.

Ohne jeglichen missionarischen Eifer

Moll leitet aus seinen Beobachtungen aber nicht ab, dass der "Simpsons"-Schöpfer Matt Groening Religion in der Serie unterbringen wollte: "Groening ist Agnostiker. Er will die gesellschaftliche Wirklichkeit in Amerika abbilden. Das Team der Zeichner und Macher ist weltanschaulich neutral und ohne jeglichen missionarischen Eifer – in keine Richtung", betont Moll. Interessant ist, dass alle Figuren der Serie an jeder Hand vier Finger haben. Die einzige Person mit fünf Fingern an jeder Hand ist Gott, der gelegentlich auftaucht.

Aus Molls Sicht wird die Grenze des guten Geschmacks bei den "Simpsons" nie überschritten, auch nicht in religiöser Sicht: "Die Aufgabe einer Satire ist es, zu überzeichnen. Das geht aber nie unter die Gürtellinie. Vieles ist einfach nur realistisch." Die Macher entlarvten menschliche Schwächen und Denkfehler. Dass die "Simpsons" im Iran einmal verboten wurden, ist für Moll kein Indiz einer Grenzüberschreitung. Die Serie spreche nun einmal viele gesellschaftliche Themen offen und ehrlich an und "ist alles andere als prüde".

Simpsons als historisches Dokument?

An der Serie fasziniert ihn, dass die guten Staffeln zum Brüllen komisch sind. "Das Niveau hat in den vergangenen Jahren zwar deutlich nachgelassen. Aber die Serie hat einen sehr intelligenten Humor", meint Moll. Er könnte sich sogar vorstellen, dass die Serie einmal als historisches Dokument verwendet werden kann: "So wie man heute Charles Dickens und Theodor Fontane untersucht, wird vielleicht in 100 Jahren einmal auf die ‚Simpsons‘ zurückgeschaut und wie die Menschen manches wahrgenommen haben."

Moll betont, dass er mit der Auswahl seiner Themen keine Effekthascherei betreiben möchte. "Die Theologie ist für den Menschen da und nicht umgekehrt", ist sein Grundsatz. "Die Simpsons" sind für ihn der Beweis dafür, dass sich Erfolg und Qualität nicht ausschließen müssen und dass sich intelligentes Fernsehen auch über einen so langen Zeitraum halten kann.

Der Text stammt aus dem Christlichen Medienmagazin pro, Ausgabe 5/2012. Kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

Von: Johannes Weil

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