Das Ringen um viele schwierige Entscheidungen prägt das Leben von Zinzendorf in Mirjam Angelinas biographischem Schauspiel "Zinzendorf".
Im Briefwechsel mit ihrem Gatten schreibt die Gräfin auch ihre Gefühle nieder.

Zinzendorf: Ein Versöhner und Missionar

Die Schauspielerin Mirjana Angelina hat ein Theaterstück über das Wirken des Theologen Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf geschrieben. Anlass für die Münchener Künstlerin ist der 250. Todestag des Pietisten.

Das Zwei-Personen-Theaterstück zeichnet die Biographie des Theologen und

Gründers der Herrnhuter Brüdergemeine nach. Die Autorin, die selbst

gemeinsam mit dem Berliner Schauspieler Rolf-Dieter Degen auf der Bühne

steht, stellt nicht nur das große Gottvertrauen Zinzendorfs heraus,

sondern auch seine Ängste und sein Zagen. Das Bühnenbild ist schlicht

gehalten, ebenso wie der Titel "Zinzendorf".

 

In einer "eigenwilligen Kindheit", Zinzendorf wächst nach dem Tod seines Vaters bei der Großmutter auf, gerät er häufig in den "Widerstreit zwischen Kopf und Herz". Die Prägung durch den Theologen August Hermann Francke und seine Bildungsreisen bringen ihm viele Freundschaften zu Menschen anderer Konfessionen. Deutlich zum Ausdruck kommt sein Bestreben "seinem Herrn und Heiland" mit aller Kraft zu dienen. Dabei verkörpert Degen einen Zinzendorf, der hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Theologisch am meisten geprägt ist er vom biblischen: "Ecce homo". "Seht welch ein Mensch, der für uns gelitten hat", bemerkt der von Degen gespielte Graf.

"Eine Siedlung, die unter des Herrn Hut steht"

Unterstützt wird er in dem Wunsch, "eine enge Verbindung zu seinem Heiland zu haben", von seiner außergewöhnlichen Frau - Erdmuthe Dorothea Gräfin Reuß-Ebersdorf, gespielt von Mirjana Angelina. Beide beginnen in der Siedlung Herrnhut - Zinzendorf: "Sie soll unter des Herren Hut stehen" - mit der Aufnahme von Glaubensflüchtlingen aus Mähren. In der Lebens-und Glaubensgemeinschaft beginnt Zinzendorf auch damit, "Parolen" für den nächsten Tag in die Häuser des Ortes zu tragen. Die durch Losverfahren ermittelten und heute als Losung bekannten Verse werden bis heute in etwa 50 Sprachen übersetzt.

Eher im Hintergrund des Stückes, aber immer präsent, steht seine Frau. Die Gräfin unterstützt Zinzendorf mit viel Herz und Fürsorge, aber prangert auch immer wieder seinen sorglosen Umgang mit den Finanzen an. Trotz der persönlichen Schicksalsschläge - das Ehepaar verliert acht von zwölf Kindern - ist der Graf dazu in der Lage, Lieder zu schreiben, die Menschenherzen bewegten und in ihnen Veränderungen bewirkten.

Sein großer Wunsch, "dass alle durch die Ausgießung des Heiligen Geistes eines Herzens sind", bestimmt sein Handeln und wird von Degen glänzend dargestellt. Aber auch Zweifel und Anfragen an Gott bleiben nicht aus. Von Seiten des Landesherrn, der nur in Briefen zitiert wird, bläst Zinzendorf wegen seiner Missionsaktivitäten ein heftiger Gegenwind ins Gesicht. Aufgrund eines Ausweisungsediktes des Kurfürsten beginnt Zinzendorf mit einer weltweiten Missionsarbeit.

"Der Heiland bestimmt, wenn aus den Einzelnen viele werden"

In Deutschland führt ihn der Weg in die mittelhessische Wetterau, wo er weitere Gemeinden gründet. Dabei wird der Theologe von seinem großen Gottvertrauen geleitet: "Weil der Herr die Herzen präpariert, ist es auch der Heiland der die Zeit bestimmt, wenn aus den Einzelnen viele werden", bekennt Angelinas Zinzendorf. Dieses Gottvertrauen lässt ihn gegenüber seiner zagenden Frau argumentieren, auch auf die Missionsreisen zu gehen: "Die Mission ist wichtiger als das eigene Leben", beschwichtigt er sie. Seine Frau selbst muss lernen, "einen Mann zu haben, als hätte ich keinen".

Nach einigen Jahren Gemeindeaufbau in London verblasst an seinem Lebensabend in Angelinas Stück das Bild des schillernden Theologen. Zweifel an der ehelichen Treue kommen auf und bestätigen sich später. Zudem macht ihm manch theologische Entwicklung  zu schaffen. Das Theaterstück zeigt zum Schluss eine Frau, deren Herz am Druck der Beziehung fast zerbricht. Zinzendorf alias Degen bezeichnet sie selbst als "Dreh- und Angelpunkt in meinem Werk" und als das beste Mittel, die "Seligkeit und Heiligkeit Gottes zu verkünden".

Am 9. Mai 1760 stirbt Zinzendorf an seinem Wirkungsort in Herrnhut. Zeitlebens war es sein Ziel, Standes- und Konfessionsgrenzen - "ob der Sache des Heilands" - zu überwinden. "Das geistliche Amt ist mir wichtiger als alle Orden", stellt der von Degen verkörperte Zinzendorf heraus. Für diese revolutionären Anstöße wurde er von seinen Zeitgenossen zum Teil heftig angefeindet. Und noch etwas war Zinzendorf wichtig: dass das "Evangelium keine Kopf-, sondern eine Glaubenssache" ist, beide auseinander strebenden Kräfte wollte er versöhnen. Diese Spannungen setzt die Autorin Mirjam Angelina in dem Stück geschickt und eindrücklich um. Mit dem Erlöschen der Kerze auf der Bühne erlischt auch Zinzendorfs Lebenslicht. (pro)

Von: JW

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