Am Freitag hat in der Hagia Sophia zum ersten Mal seit mehr als acht Jahrzehnten ein islamischer Geistlicher gebetet

Am Freitag hat in der Hagia Sophia zum ersten Mal seit mehr als acht Jahrzehnten ein islamischer Geistlicher gebetet

Hagia Sophia ist wieder Moschee – Erdogan selbst betet Koransuren

Von den Minaretten der Hagia Sophia ertönen erstmals seit der Umwandlung in eine Moschee wieder Gebetsrufe. Zehntausende muslimische Gläubige folgen. Für die einen geht ein Traum in Erfüllung. Andere sprechen von Trauer und Aggression. Kritik kommt auch von den Kirchen.

Trotz internationaler Kritik haben am Freitag in Istanbul Zehntausende an den Feierlichkeiten zur Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee teilgenommen. Prominentester Besucher beim ersten Freitagsgebet war Präsident Recep Tayyip Erdogan. Der Staatschef sprach in dem bisherigen Museum zu Beginn selbst einige Koranverse. Später bezifferte er die Zahl der muslimischen Gläubigen drinnen und draußen auf 350.000. Kritik an der Umwandlung kam von Kirchen anderer Länder, aber auch aus der Politik. Bundesaußenminister Heiko Maas sprach von einer „Entscheidung, die wir nicht nachvollziehen können“.

Von den Minaretten der Hagia Sophia tönten erstmals seit der Umwandlung wieder Gebetsrufe. Rund um die Moschee rollten nach Schätzungen Zehntausende Muslime ihre Gebetsteppiche aus. Immer wieder hörte man den Ruf: „Gott ist groß“. Bereits am Vormittag ließen die Behörden niemanden mehr in die ausgewiesenen Gebetsbereiche. Wegen des islamischen Bilderverbotes bedeckten im Inneren der Moschee während des Gebets weiße Vorhänge Mosaiken. Auf dem Boden war ein Teppich ausgerollt, auf dem die Gläubigen knieten.

Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte vor zwei Wochen den Status der Hagia Sophia als Museum annulliert. Erdogan ordnete daraufhin die Nutzung als Moschee an. Die Umwandlung stieß international auf scharfe Kritik. Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert nach Christus als Kirche erbaut und nach der Eroberung Konstantinopels (heute Istanbul) durch die Osmanen in eine Moschee umgewandelt. Auf Anordnung des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk wurde das Gebäude 1934 zum Museum – bis jetzt.

Ein „Jugendtraum“ des Präsidenten

Viele hatten in Zelten vor der Hagia Sophia oder in den umliegenden Moscheen übernachtet. Sie waren offen geblieben, um die Menschen zu beherbergen. Behörden forderten die Gläubigen auf, wegen der Corona-Pandemie Masken zu tragen und auf den Mindestabstand zu achten. Vielerorts wurde er jedoch missachtet, wie Fernsehbilder zeigten. Straßen in der historischen Altstadt wurden bereits am Vorabend für den Verkehr gesperrt.

Erdogan sagte, mit der Umwandlung in eine Moschee habe sich sein „Jugendtraum“ erfüllt. Der Präsident der Obersten Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, sagte nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu in seiner Predigt: „Die Sehnsucht unseres Volkes, die sich zu einer tiefen Wunde im Herzen verwandelt hatte, findet ein Ende.“

International gibt es viel Kritik. Außenminister Maas sagte der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ und dem Bonner „General-Anzeiger“ (Samstag), die Umwandlung sei „kein Beitrag zur Völkerverständigung“. Das einzigartige Gebäude habe als Weltkulturerbe „Bedeutung weit über die Türkei hinaus“, so der SPD-Politiker. Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) nannte die Umwandlung im SWR eine „Kampfansage an die laizistische Türkei“. Erdogan „spalte die Gesellschaft“ und versuche so von Wirtschafts- und Corona-Krise und Korruption abzulenken.

Die griechisch-orthodoxen Kirchen in Griechenland und den USA reagierten mit Trauer. In zahlreichen Kirchen läuteten die Glocken. Fahnen wurden auf halbmast gesetzt. Am Abend wollte der Erzbischof der griechischen orthodoxen Kirche Hieronymos II. in der Kathedrale von Athen eine Sondermesse abhalten. Die griechische Regierung bezeichnete die Umwandlung wiederholt als „historischen Fehler“. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sagte mit Blick auf Erdogan im staatlichen Fernsehsender ERT: „Das, was sich heute abspielt, ist kein Zeichen der Stärke, sondern ein Beweis der Schwäche.“

Von: dpa/Nicolai Franz

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