Zeitgenössische Musik, lebensnahe Predigten, unterhaltsame Gottesdienste – Megakirchen orientieren sich an den Bedürfnissen moderner Kunden

Zeitgenössische Musik, lebensnahe Predigten, unterhaltsame Gottesdienste – Megakirchen orientieren sich an den Bedürfnissen moderner Kunden

Jesus Christus, Amerikas Superstar

Religion spielt in der amerikanischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Tausende kommen jede Woche zum Gottesdienst in den „Megachurches“. Doch statt Orgel und Altar haben sie riesige LED-Leinwände. Ein Besuch in der größten Kirche Amerikas.

Man könnte meinen, statt eines Gottesdiensts finde ein Pop-Konzert in Houstons Innenstadt statt. Schon im Parkhaus dröhnt den Besuchern Musik aus Lautsprechern entgegen. Kinder, Alte und schwere Jungs strömen aus Seitenstraßen in Richtung der Event-Halle. „Welcome to Lakewood Church“, begrüßen freiwillige Helfer auf dem Trottoir und schütteln die Hand. „Ich bin so froh, dich zu sehen!“ Es ist ein typischer Samstagabend in einer der größten Kirchengemeinden Amerikas. Rund 50.000 Gläubige besuchen jede Woche einen der fünf Gottesdienste der Lakewood Church, vier finden allein an diesem Wochenende statt. Wo früher Zehntausende von Basketball-Fans die Heimspiele der Houston Rockets bejubelten, füllen heute Gläubige die Ränge. Gutgelaunte Mitarbeiter weisen den Gästen den Weg in die Arena, in Spielecken für jede Altersgruppen können Eltern ihre Kinder abgeben.

Die Show hat bereits begonnen, eine zwölfköpfige Band – begleitet von Nebel- und Lichtmaschinen – rockt zu „Jesus loves me“. Statt eines Kreuzes steht eine Weltkugel in der Mitte der Bühne. Die Besucher reißen die Arme in die Luft, singen mit und tanzen. Kameras an ferngesteuerten Kränen zeichnen alles auf und übertragen die Show auf LED-Leinwände – und auf Bildschirme im ganzen Land: Jede Woche verfolgen Millionen die Lakewood-Gottesdienste im Lokalfernsehen, Internet und über die Smartphone-App.

Kirche in Hightech

Orgel und Altar waren gestern. Neben Lakewood gibt es heute etwa 1750 solcher «Megachurches» in den Vereinigten Staaten – protestantische Kirchengemeinden, die jede Woche mindestens 2000 Besucher mit Pop-Musik und Videoeinlagen anlocken. „Sie sind die Antwort der Kirchen auf eine zunehmend technologisierte und individualisierte Gesellschaft“, sagt Scott Thumma, Wissenschafter am Hartford Institute for Religion, im Gespräch.

Die meisten „Megachurches“ stehen in Amerikas Großstädten und deren Einzugsgebiet; allein in der Agglomeration von Houston gibt es rund 40. Doch es wäre falsch, die Riesenkirchen als Phänomen des „Bible Belt“ abzustempeln, also jener streng religiösen Region im Südosten Amerikas. Megakirchen sind ein landesweites Phänomen. Selbst im sonst so weltlichen Kalifornien predigen tätowierte Pfarrer zu Hip-Hop-Musik vor Tausenden in umgebauten Kinos.

In der „Crystal Cathedral“ in Garden Grove, Kalifornien baute Robert Schuller eine Megakirche auf. Von dort wurde jahrzehntelang der Fernsehgottesdienst „Hour of Power“ gesendet. 2012 ging die Gemeinde insolvent, das Gebäude wurde an die Katholische Kirche verkauft.

In der „Crystal Cathedral“ in Garden Grove, Kalifornien baute Robert Schuller eine Megakirche auf. Von dort wurde jahrzehntelang der Fernsehgottesdienst „Hour of Power“ gesendet. 2012 ging die Gemeinde insolvent, das Gebäude wurde an die Katholische Kirche verkauft.

Wer das Phänomen verstehen will, muss begreifen, welche Rolle Religion in der amerikanischen Gesellschaft spielt. Die Kirchengemeinde ist das Zentrum des sozialen Lebens vieler Amerikaner, der sonntägliche Kirchenbesuch fest im Wochenrhythmus verankert. Politiker wie Sportler zitieren selbstverständlich Bibelverse. Rund 50 Prozent der Amerikaner verlangen gemäß dem Pew Research Center von ihrem Präsidenten, den eigenen Glauben zu teilen. „Die Religion berührt jeden Aspekt unseres Lebens“, erklärt der Religionswissenschafter Michael Emerson von der North Park University am Telefon.

Dabei ist die Trennung von Kirche und Staat im ersten Verfassungszusatz festgeschrieben, sie war ein Pfeiler für die Gründung Amerikas. Doch genau deswegen dominiere das Christentum heute, glaubt Emerson. „Die Christen hier hatten keine staatliche Unterstützung und mussten mit anderen Religionen in Wettbewerb treten.“ Deswegen gebe es in den USA auch viel mehr Ausprägungen des Protestantismus – jegliche Nische würde bedient.

Fokus auf die „Kunden“

Mark Chaves, Religionswissenschafter an der Duke University, sieht auch andere Erklärungen dafür, warum Religion den Amerikanern derart wichtig ist. Es gebe kein staatliches soziales Netz wie in europäischen Ländern, sagt er, die Kirchen glichen dies für ihre Mitglieder aus. Zudem seien Gotteshäuser für Afroamerikaner lange der einzige Ort gewesen, an dem sie ungestört zusammenkommen konnten – und diese Bedeutung wirke bis heute nach. „Es gibt nicht eine klare Antwort auf das Warum, aber sicher ist, dass Amerika religiöser ist als der Rest der westlichen Welt“, sagt er.

Dass dem bis heute so ist, hat die Kirche auch den „Megachurches“ zu verdanken. Angesichts der gesellschaftlichen Umwälzungen der 1968er Jahre sahen sich Amerikas Kirchengemeinden mit sinkenden Besucherzahlen konfrontiert. Ein pfiffiger Pfarrer namens Bill Hybels zog in den 1970er Jahren durch die Vororte Chicagos und fragte die Anwohner, warum sie denn nicht mehr in seine Kirche kämen. Danach passte er seinen Gottesdienst ihren Antworten radikal an. Er schaffte das Kreuz am Altar ab und fügte Leinwände, Pop-Musik und zeitgenössische Predigten hinzu – und schuf damit das Fundament dafür, dass seine Willow Creek Church bald eine der ersten Megakirchen Amerikas wurde. Der Fokus auf die „Kunden“ inspirierte andere Gemeinden.

Inzwischen sind Megakirchen die einzige Kirchenart im Land, die ungebrochen wächst – über alle Altersgruppen. Die größten der Riesenkirchen wie Lakewood betreiben Zweigstellen, eigene Radio- und Fernsehsender und organisieren Konferenzen, um Skaleneffekte zu erreichen. „Pastorpreneurs“ nennen sich die geschäftstüchtigen Gottesmänner stolz.

Der Pfarrer als Rockstar

Gemein ist allen Megakirchen auch ein Fokus auf den Pfarrer – oder ein Pfarrer-Ehepaar im Fall der Lakewood Church. Joel und Victoria Osteen sind die Rockstars der Kirchengemeinde, ihre Namen prangern wie ein Werbeschild an der Außenwand der Arena. Nach 45 Minuten Pop-Konzert präsentieren sich die beiden erstmals der Menge, eine Hebebühne fährt sie aus dem Boden hervor. Die beiden sehen aus als kämen sie von einem Foto-Shooting. Schlank, blond, schön, die amerikanische Verkörperung des Eheglücks. „Hallo Lakewood, danke, dass ihr gekommen seid“, ruft Joel Osteen und streckt mit seiner Frau die Hand wie zum Sieg empor. Die Halle bebt.

Joel Osteen leitet die Lakewood Church. Theologe ist er nicht.

Joel Osteen leitet die Lakewood Church. Theologe ist er nicht.

Joel Osteen ist einer der bekanntesten Pfarrer Amerikas. Der 56-Jährige hat keine theologische Ausbildung, sondern hat Fernsehwissenschaften studiert. Sein Vater John war ein ehemaliger Baptistenpfarrer aus dem Süden, der Lakewood als freie Strömung gegründet hatte. Nach dessen plötzlichem Tod übernahm Osteen 1999 die Leitung der Kirche – und verhalf Lakewood zum Durchbruch: Die wöchentlichen Besucherzahlen explodierten von 6.000 auf 30.000 im Jahr 2005 und erreichen inzwischen mehr als 50.000 Personen.

Loslösung von der Kirchenlehre

Heute ist Lakewood Church ein erfolgreiches Unternehmen mit Einnahmen von 89 Millionen Dollar allein im Jahr 2017. Auch privat profitieren die Osteens vom Erfolg der Kirche: Mit ihren zwei Kindern leben sie in einer Zwölf-Millionen-Dollar-Villa am Stadtrand von Houston mit 13 Zimmern und fünf Feuerstellen, wie der Houston Chronicle schreibt. Für die Osteens ist das kein Widerspruch zum Christentum, denn sie predigen die „Prosperity Gospel“. Diese zum Teil umstrittene Richtung innerhalb des Protestantismus besagt, dass derjenige persönlichen und materiellen Erfolg hat, der viel an Gott – sprich die Kirche – spendet. Überspitzt könnte man sagen, dass man Gott manipulieren kann, um materiellen Wohlstand zu erreichen.

Etwa ein Viertel der „Megachurches“ predigen diese Lehre. Bemerkenswert sei auch, dass inzwischen etwa ein Drittel der Megakirchen nicht mehr konfessionsgebunden sei, sagt der Religionswissenschafter Thumma vom Hartford Institute. Um möglichst viele Gläubige anzulocken, legten sich viele Megakirchen nicht auf eine Lehrmeinung fest. „Traditionelle Kirchen sind wie Boutiquen“, sagt er. Der Kunde wisse genau, was er wolle. „Megakirchen sind dagegen wie Shoppingmalls, dort findet jeder irgendwo irgendetwas, das ihm gefällt.“

So ist es auch in der Lakewood Church. Harte Fragen, etwa zu Abtreibungen oder Homosexualität, kommen in dem fast zweistündigen Gottesdienst nicht auf. Osteens Predigt erinnert eher an ein Motivationstraining im positiven Denken. „Hier sind keine Opfer, sondern Sieger“, ruft er der Menge zu und gestikuliert überdeutlich, um auch die Zuschauer vor den Bildschirmen zu überzeugen. „Ihr könnt alles erreichen, was ihr wollt. Euer Glaube erschafft das, was als Nächstes passiert.“ In der Arena gibt es an diesem Abend keine „Gescheiterten“, nur „Lernende“. Einige Besucher machen sich Notizen in mitgebrachten Büchern.

Rund 50.000 Besucher zieht die Lakewood Church wöchentlich an

Rund 50.000 Besucher zieht die Lakewood Church wöchentlich an

Auch Katholiken kommen in Lakewood auf ihre Kosten. Dreißig Minuten vor jedem Gottesdienst können sie die Eucharistie feiern – oder das, was man hier darunter versteht. In einem Nebenraum der Arena drängen sich etwa hundert Gläubige; statt einer Hostie und Wein bekommt jeder einen Behälter in die Hand gedrückt, der wie ein kleiner Becher Kaffeerahm aussieht. Darin schwappt ein Schluck Traubensaft, in den Deckel ist eine Mini-Oblate geklebt. „Das ist mein Leib, den ich für euch hingegeben habe“, steht darauf in Serifenschrift. Nach zehn Minuten ist die Fast-Food-Kommunion vorbei.

„Gott liebt Spender!“

Das Management der Kirche ist sehr darauf bedacht, Osteens Reputation vor Kritik zu schützen. Seit 2005 bezieht er kein Gehalt mehr von der Kirche, sondern lebt allein von den Tantiemen seiner zehn Bestseller. Folglich tritt auch nicht er, sondern seine Frau Victoria gegen Ende des Gottesdienstes auf die Bühne und bittet die Gläubigen um Spenden. „In der Bibel heißt es, gib ein Zehntel deines Einkommens“, sagt sie und reckt das Gottesbuch in die Höhe. „Gott liebt einen fröhlichen Spender!“ Wie aus dem Nichts tauchen am Ende jeder Sitzreihe Mitarbeiter auf, die Plastik-Eimer herumreichen.

Besucher von Megakirchen spenden nicht unbedingt mehr, wie die Studien des Religionswissenschafters Thumma gezeigt haben, aber die Masse sorgt letztlich für enorme Einnahmen. Thumma kritisiert, dass viele Megakirchen sich trotzdem wenig um die breitere Gesellschaft kümmerten. Auch während der Verwüstungen durch den Hurrikan „Harvey“ 2017 öffnete die Lakewood Church ihre Türen zunächst nicht. „Die Kirche selbst verschlingt enorm viel Geld für das Unterhaltungsprogramm“, sagt Thumma. Zusätzliche Einnahmen verschafft der angegliederte Geschenkladen: Ein T-Shirt mit dem Lakewood-Logo kostet 15 Dollar, eine Tasche mit dem Aufdruck „Amen“ ebenfalls.

Kritiker sehen in den „Megachurches“ eine „Disneyisierung“ der Kirche, eine Verdummung von Religion, in der Glaube zum Erlebnis werde und Jesus zum Produkt. Der Religionswissenschafter Thumma beurteilt das anders. Megakirchen schafften es, Personen anzulocken, die sonst nicht in die Kirche kämen, zeigten Befragungen. Zudem seien Megakirchen viel durchmischter als traditionelle Gotteshäuser. „Diese Diversität innerhalb einer einzigen Gemeinde ist faszinierend.“ Auch in anderen Ländern gebe es „Megachurches“, vor allem in Asien; aber sie alle blickten auf Amerikas Riesenkirchen, um Inspiration und neue Ansätze zu finden.

In der Arena in Houston endet nach gut neunzig Minuten der Gottesdienst. Die Show ist damit noch nicht vorbei – als Zugabe gibt es jeden Samstagabend eine Taufe. Im dritten Stockwerk liegen die Bademäntel und die vorgedruckten Urkunden schon bereit.

Von: Marie-Astrid Langer

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung. Übernahme mit freundlicher Genehmigung.

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