Der Autor Sebastian Hesse hat sich weltweit auf die Suche nach Christen gemacht und untersucht, wie sie ihren Glauben leben

Der Autor Sebastian Hesse hat sich weltweit auf die Suche nach Christen gemacht und untersucht, wie sie ihren Glauben leben

„Glaube kommt in den Medien zu kurz“

Eine „Sehnsucht nach spiritueller Orientierung“ entdeckte Sebastian Hesse auf Reisen durch die ganze Welt. Wo Glaubensthemen dagegen belächelt werden und warum ihm ferne Religionen oft näher waren als die eigene, erklärt er im pro-Interview.

pro: Herr Hesse, im Vorwort zu Ihrem Buch „Sieben. Geschichten vom Glauben“ schreiben Sie, dass Ihre Recherche in eine „sehr persönliche Sinnsuche in unserer zunehmend entzauberten Welt“ gemündet sei. Wohin führte die Sinnsuche?

Sebastian Hesse: Ich bin gläubiger Christ, insofern bin ich empfänglich für Glaubensthemen. Die für mich verblüffendste Erkenntnis war, wie viel Spiritualität auf der Welt noch da ist. Die Menschen, die ich getroffen habe, hat die Ahnung davon geeint, dass es noch etwas Größeres gibt als einen selbst.

Was glauben Sie persönlich?

Ich bin getauft und praktiziere meinen Glauben innerhalb der Landeskirche. Ich bin ein toleranter Christ, weil ich Respekt vor anderen Glaubensformen habe und sie größtenteils für kulturell bedingt halte. Allerdings hat mich gerade die Reise nach China in meinem eigenen Lebensweg sehr bestärkt.

Inwiefern?

In China hatte der Kommunismus bis 1976 Religion völlig ausradiert. Seit einigen Jahren begeben sich die Chinesen auf Sinnsuche, verstärkt durch einen irren Konsumrausch. Das bewirkt ein Bedürfnis nach Orientierung und Zugehörigkeit. Dabei sind viele spirituelle Angebote eher eine Art Wellness: simple Riten ohne großen Tiefgang. Das Christentum empfinden viele Chinesen bei ihrer Sinnsuche als weniger oberflächlich. Deswegen bildet diese Reportage auch den Schlussakkord des Buches.

Wie Christen in China behandelt werden, scheint für Sie außergewöhnlich einprägsam gewesen zu sein. Was ist in China passiert?

China war extrem widersprüchlich. Einerseits gibt es Religionsfreiheit, andererseits ist es dem Staat suspekt, wenn das Religiöse intensiver wird. Es gab vor vier Jahren einen Vorfall in einer Hafenstadt, der mich interessiert hat: Der Staat hatte Kreuze als Machtdemonstration in dem Gebiet abgehängt, Gläubige haben sie wieder aufgehängt. Im Zusammenhang mit der Recherche dazu bemerkte ich, dass mein gesamter E-Mail-Verkehr gelesen wurde. Der Staat wusste alles: Wo wir uns mit wem treffen wollten, welche Flüge gebucht waren, wo wir einen Wagen geliehen hatten. Die Menschen, mit denen wir uns verabredet hatten, wurden festgesetzt. Das war extrem. Wenn eine wahnsinnig potente Staatsmacht, die man im Alltag gar nicht merkt, plötzlich greift, und dann noch in Sphären, die eigentlich politikfrei sein sollten, ist das erschreckend.

Sieben Glaubensgeschichten umfasst Ihr Buch. Eine bedeutsame Zahl im Christentum. War das Absicht?

Ja, ich hätte auch neun Reportagen gehabt. Aber irgendwie fand ich die Sieben eine mystische Zahl und damit ganz charmant.

Welche ist Ihre Lieblingsgeschichte?

Ich mag die Druidengeschichte aus England sehr, weil diese Menschen so skurril sind und so völlig anders als alles, was ich bisher kennengelernt habe. Dort war ich an sehr ungewöhnlichen Orten und die Druiden waren sehr gastfreundlich. Ein besonderes Erlebnis persönlicher Einkehr war für mich die Pilgerfahrt in die orthodoxe Mönchsrepublik Athos. Das war letztlich eine Naturerfahrung. Und obwohl es mir von meiner eigenen religiösen Prägung eigentlich am nächsten hätte sein müssen, ist es mir am fremdesten geblieben. Dort herrscht eine Männerkultur, die einen allein lässt. Außerdem war es dort am intolerantesten. So stand zum Beispiel auf einer Mauer: „Orthodoxie oder der Tod“. Dass das Abgrenzungsbedürfnis offenbar so stark ist, hat mich irritiert.

Was hätten Sie noch gerne aufgenommen?

Ich hatte noch überlegt, eine Geschichte aus Lateinamerika aufzunehmen, wo vorchristliche Elemente und der Katholizismus der Eroberer zu einer bizarren Mischung verschmelzen. Götterpantheon mit christlicher Grundierung. Ich hätte auch noch was aus Deutschland machen können. Aber oft ist es in exotischen Zusammenhängen leichter, Interesse zu wecken, als mit dem, was vor der eigenen Haustür liegt. In Deutschland reden wir über Glauben doch auch ungerne.

Kommt Glaube generell in den Medien zu kurz?

Ja. Deutlich zu kurz. Ich glaube, viele Menschen schämen sich für das, was sie glauben. Das finde ich bei uns ausgeprägter als anderswo und es ist ein großer Unterschied zu anderen Kulturkreisen, in denen offener damit umgegangen wird. Dort ist man selbstbewusster.

Wie können Glaubensthemen mehr in die Medien kommen?

Dass er zu wenig vorkommt, liegt wahrscheinlich an beiden Seiten und ist somit ein Spiegel der Gesellschaft: Einerseits wird vieles gern belächelt, aber andererseits lassen die Kirchen das auch zu. Die Katholiken sollten sich nicht nur äußern, wenn der Papst was sagt. Wobei man erstaunlicherweise wieder bereit ist, ihn als moralische Instanz zu sehen, wahrscheinlich weil er ein bisschen als Che-Guevara-Typ rüberkommt. Moralische Positionierungen ohne plump parteipolitisch zu sein finden Gehör. Bei der protestantischen Kirche ist mir das oft zu nüchtern und zu wenig mit Glaubensinhalten unterfüttert. Man bewegt sich in politischen Diskursen mit dem Selbstverständnis: „Hey, wir sind doch normal, wir müssen unsere Ansichten nicht mit Glauben belegen.“ Etwas mehr Selbstbewusstsein scheint mir wünschenswert.

Sie haben keine Geschichte aus protestantischem Umfeld in Ihrem Buch aufgenommen. Ist die Katholische Kirche medienwirksamer?

Sie ist älter, verwurzelter, mit klaren Strukturen. Außerdem ist der Katholizismus gefühlsbetonter und arbeitet stärker auf der sinnlichen Ebene. Eben so, wie der Glaube erlebt wird. Es ist so, wie Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt Anfang des Jahres gesagt hat, der Weihnachtspredigten mit Juso-Parteitagen verglich. Die EKD hat sich in der Öffentlichkeit oft als politische Institution geriert statt als eine, die sich mit Glauben oder Seelsorge beschäftigt. Es wird mehr über die AfD gelästert, als dass man über Glaubensinhalte spricht. Die Katholische Kirche ist in ihren Spielarten als Weltkirche präsenter. Ich will keine Frömmlerei oder Gefühlsduselei, aber beim Glauben geht es auch um etwas Gefühltes.

Ist Glauben für Sie etwas Irrationales?

Irrational ist ein negativer Begriff. Mystisch trifft es eher, der Begriff ist für mich positiv besetzt: Das hat etwas mit Demut zu tun; sich selbst nicht so wichtig nehmen, damit leben können, dass es Dinge gibt, die für mich nicht begreiflich sind. Akzeptieren, dass es etwas gibt, was ich nicht durchschaue, so wie ich den göttlichen Plan verstandesmäßig nicht durchdringen kann. Aber durch Gefühlsannäherung kann ich davon eine Ahnung bekommen. Mehr als eine Ahnung ist mir nicht vergönnt. „Klare Gedanken finden nicht mehr statt“, schreiben Sie an einer Stelle in Ihrem Buch. Für andere ist Glaube etwas rein Rationales. Für mich nicht. Rational wäre mir zu wenig, denn das hat auch etwas Beschränktes. Beweisbar ist Glaube nicht. Hier geht’s um was Größeres, Umfassendes. Es geht um Göttliches, nicht um Menschliches.

Sind Sie als Landeskirchler ein heimlicher Charismatiker?

Nein, aber ich bin sehr tolerant. Jeder muss seinen Weg finden. Jeder muss nach seiner Fasson glücklich werden. Ich bin diskursfähig, solange kein anderer bedrängt oder beeinträchtigt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Stefanie Ramsperger

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 1/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441-915-151, per E-Mail an info@kep.de oder online.

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