Peyman Mizan ist zielstrebig und ehrgeizig: sowohl bei den sportlichen Zielen als auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz

Peyman Mizan ist zielstrebig und ehrgeizig: sowohl bei den sportlichen Zielen als auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz

Peyman Mizan gibt seiner Heimat einen Korb

Peyman Mizan ist im vergangenen Jahr aus seinem Heimatland Iran geflohen. Er versucht jetzt in Deutschland Fuß zu fassen. Dem Junioren-Nationalspieler im Rollstuhl-Basketball helfen dabei der Sport und der christliche Glaube.

Am 22. August 2018 trifft Peyman Mizan die bisher einschneidendste Entscheidung seines Lebens. Der heute 19-Jährige flieht aus seinem Heimatland Iran. Er will dem religiösen Druck des Islam entfliehen. Sein Ziel ist Kanada. Dass er jetzt im mittelhessischen Wetter bei Marburg lebt, hat auch mit seinem Schleuser zu tun, der ihn im Stich gelassen hat.

„Ich will hier leben.“ Dieser Satz kommt sehr bestimmt über die Lippen von Mizan. Der ehrgeizige Sportler weiß, was er will. In Deutschland lebt er jetzt seit gut einem Jahr. Hier ist der Rollstuhl-Basketball, den der iranische Junioren-Nationalspieler betreibt, ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Der gläubige Christ hat zudem in der Baptisten-Gemeinde in Marburg eine geistliche Heimat gefunden.

Bevor er in der Erstaufnahme-Einrichtung im mittelhessischen Gießen ankam, brachte er eine aufregende Odyssee hinter sich. Als Sportler kommt er etwas leichter an ein Visum. Sein Ziel ist Kanada. Auf dem Flug nach Toronto soll Frankfurt nur eine Zwischenstation sein. Doch sein Schleuser lässt ihn im Stich. Seine Papiere und den Mann sieht er nie wieder.

Tante bestätigt seine Identität

Mizan wird mehrere Tage am Frankfurter Flughafen festgehalten, weil er sich nicht ausweisen kann. Es sind Tage der quälenden Ungewissheit. Dank eines Dolmetschers kann er seine Tante kontaktieren. Sie lebt seit 24 Jahren in Köln und kann seine Identität bestätigen. Er stellt einen Asylantrag. Gerne wäre er zu seiner Tante gezogen, aber das geht nicht.

Die Sozialarbeiter bringen ihn in einer Flüchtlingsunterkunft in Wetter im Landkreis Marburg-Biedenkopf unter. Sie ist barrierefrei und damit für Rollstuhlfahrer geeignet. Dort kümmert sich Sieglinde Sauer intensiv um ihn. Sie ist Flüchtlingshelferin mit Herz. Die Firma ihres Mannes ist vor wenigen Jahren nach Marburg umgesiedelt. Deswegen standen die Räume und das angrenzende Wohnhaus leer, als die Landkreise 2015 Unterkünfte für Flüchtlinge suchte. Seitdem leben in der Gemeinschaftsunterkunft bis zu 26 Personen: einer davon ist Peyman Mizan.

Er sitzt seit seinem dritten Lebensjahr im Rollstuhl. Ein betrunkener Autofahrer hatte das Motorrad gerammt, mit dem Mizan und sein Vater unterwegs waren. Er wurde gegen die Windschutzscheibe des Unfallverursachers geschleudert. Zwei Operationen hatten keinen Erfolg. Er bleibt ab dem achten Wirbel gelähmt. Manchmal bewegt er sich mit seinen Orthesen weiter, die seinen „Gang“ stabilisieren.

„Ehrgeiz und Zielstrebigkeit eines Sportlers“

Weil er 100 Prozent schwerbehindert ist, hat er eigentlich Anspruch auf eine Begleitperson. Trotzdem möchte er weitgehend autark leben. Mizan organisiert seinen Haushalt selbständig und erledigt die Einkäufe. „Er hat den Ehrgeiz und die Zielstrebigkeit eines Sportlers“, sagt Sauer. Vor sieben Jahren hat er angefangen, Rollstuhl-Basketball zu spielen. Die Karriere verlief rasant. Seit 2016 ist er Mitglied der iranischen U23-Nationalmannschaft. Er kommt dadurch in der Welt herum: „Der Iran hat viele gute Spieler, aber Deutschland die besseren Strukturen“, sagt er.

Er genießt die Freiheit in den Ländern, die er seither für den Sport bereist: „Dort müssen die Menschen nicht ständig staatliche oder religiöse Vorgaben erfüllen.“ Mizan sucht im Internet Antworten auf seine Glaubensfragen. Der 19-Jährige schaut sich im Internet den Jesus-Film an. Der christliche Glaube ist für ihn die Alternative zum lähmenden „Muss-Muss des Islam“, wie er sagt. Mizan vermutet, dass mehr als die Hälfte der Iraner den Islam verlassen möchten: „Durch den Druck der Regierung werden sie ruhig gehalten.“

Seine Eltern besuchen im Iran eine Hauskirche. Wenn die Polizei davon erfährt, steht deren Leben auf dem Spiel. Das geht ganz schnell, erzählt er. Christen bekommen eine Vorladung, im nächsten Schritt einen Haftbefehl und dann die Todesstrafe. Durch Drohanrufe werden die Menschen eingeschüchtert. Mizans Vater nahm sogar eine Gefängnisstrafe in Kauf, um seinen Sohn zu schützen, der sich vor seiner Flucht im Nordirak bei seiner Oma versteckte.

In kleinen Schritten vorankommen

Sein Tagesablauf in Deutschland ist sehr stringent. Der 19-Jährige steht um 6 Uhr morgens auf. Vormittags hat er seine Sprachkurse in Marburg. Er möchte besser Deutsch lernen, auch wenn ihm die deutsche Grammatik schwer fällt. Im vergangenen halben Jahr absolvierte er den Sprachkurs B1. Im kommenden halben Jahr geht es mit dem Aufbaukurs weiter. Außerdem sucht er eine Ausbildungsstelle.

Hier ist er für seinen Verein, den RSV Lahn-Dill im Einsatz

Hier ist er für seinen Verein, den RSV Lahn-Dill im Einsatz

Sauer mag die bunte und vielfältige Arbeit als Flüchtlingshelferin: „Ich freue mich, wenn es in kleinen Schritten vorwärts geht.“ Sauer hat sich auch um die sportliche Zukunft Mizans gekümmert. Sie hat bei den Vereinen in Köln und Wetzlar angerufen: „Frau Sauer hat mir geholfen, wie immer“, sagt Mizan. Die Vereine laden ihn zum Probetraining ein. Mizan entscheidet sich aufgrund der besseren sportlichen Perspektiven für den RSV Lahn-Dill.

In der vergangenen Spielzeit war er für die Lahn-Dill Skywheelers aktiv, die zweite Mannschaft des deutschen Rekordmeisters. Dafür nahm er etliche Strapazen in Kauf. Zwei Mal pro Woche fährt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Training, das in Frankfurt stattfindet. Er braucht für eine Strecke 2 1/2 Stunden. Wenn es sein muss und die Verbindungen ganz schlecht sind, fährt Sauer den Flügelspieler sogar bis nach Frankfurt.

Vom Staat erhält er 321 Euro im Monat. Davon begleicht er die Kosten für seinen Rechtsanwalt, das Fitnessstudio und den Handy-Vertrag. Seiner Tante überweist er 30 Euro, weil sie ihm Geld geliehen hat.

Meine Heimat hat zu viel gegen mich unternommen

Im kommenden Jahr wird er jeden Tag trainieren. Samstags sind sie Spiele. Er hofft, dass er sonntags weiter in die Kirche gehen kann. Auch da unterstützt ihn Sauer. Sie fährt ihn die 15 Kilometer von Wetter in die Uferkirche nach Marburg. Nach dem Gottesdienst holt sie ihn wieder ab. Hier besucht Mizan auch den Glaubenskurs, den die Pastorin anbietet.

„Der Iran ist ein schönes Land, das ohne Unterdrückung noch viel schöner wäre. Ich vermisse meine Heimat, aber sie hat zu viel gegen mich unternommen.“ Zu seinen ehemaligen Mitspielern hält er via Whats-App Kontakt. Eine Rückkehr in die Nationalmannschaft schließt er aus. Seit drei Wochen hat Mizan einen weiteren Grund, sich zu freuen. Seinen Eltern ist die Flucht geglückt. Der Asylantrag ist gestellt. Sie hoffen, dass sie in Hessen bleiben dürfen. Auf dem Weg zum Training besucht Mizan sie gerne in der Erstaufnahme-Einrichtung in Gießen. Er hofft auf eine gemeinsame Zukunft ohne (religiöse) Zwänge. In einem Land, wo er denken und glauben kann, was er will.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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